«Dann soll er das Ticket an einen echten Fan weitergeben»

Hans-Peter Pellet ist eine Legende des Schwingens. Der populäre Freiburger ärgert sich über einiges, was derzeit in seinem Sport passiert.

Sammelte Kränze wie kaum einer: Hans-Peter Pellet, hier in seiner Heimat am Schwarzsee. Foto: Ruben Wyttenbach / 13Photo

Sammelte Kränze wie kaum einer: Hans-Peter Pellet, hier in seiner Heimat am Schwarzsee. Foto: Ruben Wyttenbach / 13Photo

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Er sei selten in der Stadt, sagt Hans-Peter Pellet am Bahnhof Freiburg. Er habe keinen Grund, sein Dorf im Sensebezirk öfters zu verlassen. Das Gespräch findet dann gleich im Starbucks nahe der Gleise statt.

Wer wird am Sonntag in Zug Schwingerkönig?
Ou, schwierig. Da gibt es einige . . . Wicki, Reichmuth, die Orlik-­Brüder, Giger, Stucki, Wenger. Sie können es alle schaffen.

Kilian Wenger? Er hat doch seit seinem Königstitel 2010 kaum mehr was gerissen.
Aber er hat die Erfahrung. Wenger weiss, worauf es an den zwei Tagen an einem «Eidgenössischen» ankommt, wie er die Kräfte einteilen muss.

Warum ist das so wichtig? Am Samstagabend erholt man sich, und am Sonntagmorgen geht es in alter Frische wieder los.
Ha, sicher nicht! Am Sonntagmorgen musst du vielmehr vergessen, wie kaputt du schon bist. Da spürst du jeden Knochen, hast aber noch vier, vielleicht ­sogar fünf Gänge vor dir. Die Jungen gehen da jeweils ganz unbe­kümmert rein. Das muss nicht immer ein Vorteil sein.

Das sagt ausgerechnet Hans-Peter Pellet, der Mann der Brachialattacke!
Ja, aber ich musste so kämpfen. Das entspricht meinem Naturell. Aber es war auch vernünftig: Ich bin klein und musste rasch den Kampf an mich reissen. War ich selber einmal in der Luft, war es meist zu spät. Deshalb nah auf den Mann, die Entscheidung suchen, etwas riskieren, Explosionen zünden. Joel Wicki schwingt heute ähnlich wie ich: Er ist kräftig und explosiv, aber klein. Meine Lieblingswaffe waren Fussstich und Kniegriff. Die Beine des Gegners abräumen, das war mein erstes Ziel. Wicki versucht es mit dem Kurz, sprengt die Gegner also in die gegenteilige Richtung – in die Luft. Es ist ein Wahnsinn, wen er mit diesem Schwung in die Höhe rammen kann. Er bestätigt mich in der Ansicht, dass auch kleine Schwinger viel ausrichten können. Ich sage immer wieder: Jeder hat einen Buckel, also kann auch jeder auf einem Buckel landen.

Neben Wicki hoffen die Innerschweizer auf Pirmin Reichmuth, der mit seinem Kurz-Übersprung ebenfalls spektakulär schwingen kann.
Wie Reichmuth den Von Ah Benji auf dem Brünig herumgewirbelt hat – das war unglaublich! Von Ah ist ja wirklich ein exzellenter Mann. Aber da wusste er gar nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. (lacht)

Wo sehen Sie technischen Nachholbedarf?
Viele lassen den Gegner am ­Boden lieber wieder entwischen, wenn der Kurz nicht gelingt und Bodenarbeit ansteht. Kilian Wenger zum Beispiel schwingt heute viel zurückhaltender als 2010. Auch Giger könnte mehr herausholen mit den Bodenzügen – dem Nackenzug etwa oder dem Bur.

Spitzenschwinger trainieren heute unter professionellen Bedingungen, etwa in Magglingen. Hätte Sie das nie gereizt?
Nein. Ich wollte immer für mich allein «wärche».

Warum hat es für Sie nie zum König gereicht?
Jeder Schwinger hat einen oder zwei Konkurrenten, gegen die er einfach kein Rezept findet. Es braucht das nötige Wettkampfglück, damit man an diesem Schwinger vorbeikommt. Bei mir war das Thomas Sutter, gegen den ich nie einen Stich hatte und der mich mehrmals rauswarf. Mit Sutter begann auch eine neue Ära des Schwingens, der Sport wurde athletischer und schneller.

Nie gehadert, nicht dem Berner Verband anzugehören? Bei der Einteilung wäre Ihnen mancher Brocken erspart geblieben . . .
Gehadert? Nein. Ich bin Freiburger, kein Berner.

Aber manchmal ist das Schwingen schon unfair.
Ein Schwinger kann dreimal ungerecht behandelt werden: bei der Einteilung, im Kampf und wenn die Punkte vergeben werden. Dann muss man die Grösse haben und das akzeptieren.

2007 in Aarau hatten Sie den späteren König Jörg Abderhalden auf dem Rücken – fast . . .
(lacht) Es war knapp, ja, das kann man sicher sagen. Aber das muss ich jetzt nun mal akzeptieren, wohl oder übel. Dass die Schwinger nach dem Einsatz gleich zum Tisch der Kampfrichter rennen und die Notengebung überwachen, ist eine neue Mode, die mir gar nicht gefällt.

Videobeweis im Schwingen – wäre das etwas?
Ich persönlich bin dafür. Er würde mehr Fairness ins Schwingen bringen. Ein Schiedsrichter kann nun mal nicht alles sehen. Es ist ja auch eine sehr undankbare Aufgabe: Ein Augenblick, und schon hat man etwas übersehen, und sofort gibt es heftige Kritik. Darum bin ich auch nicht Schiedsrichter geworden nach der Aktivkarriere.

Ihr Sohn schwingt auch. Erstaunlicherweise steigt die Anzahl der Jungschwinger kaum an – trotz Schwingboom.
Es gibt halt viel Ablenkung. Andere Sportarten, Ausgang, Lehre, die erste Freundin . . . Ist ja auch schön! Und bei den Jungen im Wachstum ist Schwingen eine ziemlich heikle Angelegenheit. Die Nackenmuskulatur ist noch nicht so trainiert, es kann üble Verletzungen und Folgeschäden geben, wenn einer mit Gewalt draufdrückt. Ich weiss darum gar nicht recht, ob ich das Schwingen den Jungen überhaupt empfehlen kann. Ich bin jeweils froh, wenn die Jungs heil nach Hause kommen. Idealerweise würden sie erst mit 18, 20 Jahren in den Wettkampf einsteigen. Aber dann sind die meisten logischerweise schon anderswo, haben andere Interessen entwickelt.

Zugleich ist das Schwingen eine Karriereoption geworden für junge Männer.
Damit habe ich schon länger Probleme. Das Schwingen wird immer grösser, obwohl der Verband sagt, man wolle die Feste ver­kleinern. Die Gabentempel sind heute richtige Luxushallen. Und die Jungen sind mittlerweile halt schon ziemlich scharf darauf, ­etwas herauszuholen.

Am «Eidgenössischen» macht sich eine Monokultur breit. Gehörten früher noch Wettheuen oder Kugelstossen dazu, sind heute nur noch die Steinstösser neben den Schwingern dabei. Auch für die Hornusser hat es in Zug keinen Platz mehr.
Das ist eben schade. Ich hatte als Teilnehmer des «Eidgenössischen» immer das Gefühl, die Steinstösser und Hornusser gehörten dazu. Heute braucht der Verband ein Riesengelände, und es hat trotzdem keinen Platz für die anderen Bräuche. In Esta­vayer war es ideal auf dem Flugplatz. Eigentlich müsste das «Eidgenössische» heute immer auf einem Flugplatz stattfinden. In Zug dürfte es nun deutlich enger werden. Vor allem wenn die Leute im Auto anreisen.

Es waren nur wenige Tickets im Handel fürs «Eidgenössische».
Es gehen halt viele für die Sponsoren weg. Und da frage ich mich: Interessieren diese sich wirklich fürs Schwingen? Ich finde, wenn sich ein Mitarbeiter dieser Sponsoren überhaupt nicht fürs Schwingen interessiert, dann soll er sein Ticket doch bitte an einen echten Fan weitergeben.

Nöldi Forrer hat Ihnen den Rekord der meisten Kränze abgeluchst und steht bei 147. Forrer würden Sie schon noch packen heute, oder? Oder zumindest stellen.
(lacht) Kaum. Ohne Training stehst du ziemlich schnell auf verlorenem Posten. Und gegen Nöldi hatte ich es sowieso immer schwer. Er war zu mächtig. Gegen ihn landete ich immer auf dem Buckel – ausser einmal bei uns beim Schwarzsee, da ging es unentschieden aus.

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