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279 Weltrekorde, aber ohne Schweizer Anteil

Edith Hunkeler gewann zum Abschluss der Paralympics in Peking den Marathon. Obwohl die Schweiz mit 11 Medaillen die Vorgaben erfüllte, hat sie Nachholbedarf.

Goldziel und Vogelnest im Blick: Erst auf den letzten Metern vermochte sich Edith Hunkeler im Marathon zu lösen.
Goldziel und Vogelnest im Blick: Erst auf den letzten Metern vermochte sich Edith Hunkeler im Marathon zu lösen.
Keystone

Eigentlich müsste Ruedi Spitzli (Nottwil) als Chef de Mission zufrieden sein. 11 Medaillen hatte die Delegationsleitung als Minimalziel gefordert, dank Edith Hunkeler (Etziken) und Sandra Graf (Gais) wurden es am Ende der spektakulärsten Paralympics dreimal Gold, zweimal Silber und sechsmal Bronze. Zu einem Schweizer Rekord reichte es allerdings nicht. Für eine Rekordflut sorgten hin-gegen andere Nationen, indem sie 279 Weltrekorde aufstellten. Diese Hitliste führen die Schwimmer und Leichtathleten mit je über 100 dieser Sonderleistungen an. «2004 in Athen schien eine Leistungsgrenze erreicht. Nun ist die Entwicklung noch extremer geworden», analysierte der Schweizer Handbike-Doppelsieger Heinz Frei (Etziken).

Und ob dieser Leistungsexplosion staunt selbst Fachmann Frei, der schon seine 13. Paralympics absolvierte. «Was von den einzelnen Nationen alles unternommen worden ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber wenn der bisherige Rekord am wichtigsten Wettkampf in einer Sprintdisziplin um drei Sekunden verbessert wird, macht man sich schon seine Gedanken.» Der neu in den sechsköpfigen Athletenrat gewählte Solothurner Schweizer Fahnenträger spinnt die Gedanken allerdings weiter. «Wir müssen uns bewusst sein, dass es auch an den Paralympics um Medaillen geht. Ob es sich um Behindertensport handelt, spielt keine Rolle. Das Ergebnis ist entscheidend.»

Bis zu 100 000 Franken pro Sieg

Inzwischen zahlen einzelne Nationen auch an den Paralympics ansehnliche Prämien für eine Goldmedaille. Einige Mitteleuropäer erhalten bis zu 100 000 Franken. Die Frage ist zwar hypothetisch - und doch fragt sich Frei: «Was wäre, wenn zwei an der Spitze liegen und sich zur Zusammenarbeit entschliessen, um das Siegergeld zu teilen?» Frei weiss nur, wie er reagieren würde. «Die Verlockung wäre zwar vorhanden, doch darauf eingehen würde ich nicht.»

Die schon an den Morgen voll besetzten Stadien, die Begeisterung der Chinesen, die Szenen im Park nach den Wettkämpfen sorgten für jene Atmosphäre, die bei den Olympischen Spielen gefehlt hatte. An den Paralympics sass auch das Volk im Stadion. «Dieser positive Eindruck müsste auch bei der Sponsorensuche rüber kommen. Wir müssen die Anstrengungen verstärken und unseren Athleten ein optimaleres Umfeld schaffen», so Ruedi Spitzli. Denn: «Sonst verlieren wir den Anschluss. Peking hat den Weg aufgezeigt. Wir müssen uns professionalisieren.»

Gefordert ist neben den Behindertensportverbänden auch Swiss Olympic, das erstmals die Kosten für die «Expedition Paralympics» gesamthaft übernommen hat. Dabei handelt es sich um einen Betrag von rund einer halben Million Franken. Aus Sicht der erfolgreichen Sportler mit einer körperlichen Behinderung müssten sie gleich behandelt werden wie ihre Kollegen ohne Behinderung. Beispielsweise mit der Einstufung als Top-Athleten. Dadurch erhielten sie monatlich 1000 Franken ausbezahlt. Für die berufstätige blinde Schwimmerin Chantal Cavin aus Bern (4. und 5. in Peking) wäre dies eine riesige Unterstützung, da sie noch praktisch alles aus der eigenen Tasche zahlt. Und sie erhielte Perspektiven, um den Anschluss nicht zu verpassen.

Marcel Hug wird Profi

Der in fünf Rollstuhlrennen ohne Medaille gebliebene 22 Jahre alte Marcel Hug (Luzern) hat sich entschlossen, Profi zu werden. Auch er musste erkennen, dass er trotz seines unbestrittenen Talents noch mehr trainieren muss, damit er in London 2012 um Podestplätze fahren kann. «Wie lange ich Profi sein werde, wird sich ergeben. Damit ich einigermassen leben kann, brauche ich die Prämien und damit Erfolge.» Dies wiederum wird nicht einfach, weil seine Konkurrenten teilweise schon unterstützte Berufssportler sind. «Wir müssen im Hinblick auf London vieles neu aufgleisen. Es gibt Verbesserungspotenzial auf allen Ebenen», ist Delegationsleiter Ruedi Spitzli überzeugt.

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