«Ich sehe Federer auf der gleichen Stufe wie Djokovic»

Was ist Roger Federer in Wimbledon zuzutrauen? Tamedia-Tennisexperte Simon Graf beantwortet die wichtigsten Fragen vor dem Turnierstart.

Roger Federer schlägt am Dienstag für Wimbledon 2019 auf.

Roger Federer schlägt am Dienstag für Wimbledon 2019 auf.

(Bild: Keystone)

Wie gut stehen die Chancen für Roger Federer dieses Jahr in Wimbledon?
Besser als letztes Jahr. Er hat mir in Halle sehr gut gefallen und ist auch körperlich gut in Form. Ich würde sagen, dass er es mindestens in den Halbfinal schafft, und dann ist alles möglich.

Wer gilt als Favorit?
Der grosse Favorit der Wettbüros ist Novak Djokovic. Ich bin allerdings nicht ganz einverstanden. Ich glaube, Federer ist auf der gleichen Stufe. Und wenn Nadal die zweite Woche erreicht, könnte er auch sehr gefährlich werden. Einer dieser drei Spieler wird Wimbledon gewinnen.

Was war Ihrer Meinung nach der beste oder schönste Wimbledon-Titel von Roger Federer?
2003. Als er das erste Mal gewann, war ich vor Ort in Wimbledon. Das war etwas Unfassbares und bedeutete zugleich seinen Durchbruch. Sehr speziell war auch 2012, als er nach sehr langer Zeit endlich wieder einmal in Wimbledon gewinnen konnte. Viele hatten ihn damals schon abgeschrieben. Dann würde ich noch 2017 herauspicken, als er nach einer Knieverletzung zurückgekommen war und nicht nur das Australian Open, sondern eben auch Wimbledon gewinnen konnte. Und dies erst noch erstmals ohne Satzverlust.

Was macht Federer auf Rasen besser als andere Spieler?
Er bewegt sich sehr gut, ist sehr leichtfüssig. Das muss man auf Rasen sein, da man dort nicht so gut rutschen kann wie auf Sand. Sein offensives Spiel ist wie auf Rasen zugeschnitten.

Wieso kann Federer auf Sand nicht die gleich gute Leistung abrufen?
Ich glaube, es gibt vor allem ein Grund, wieso Federer nicht so viele Titel auf Sand geholt hat: Rafael Nadal. Er ist der beste Sandplatzspieler der Geschichte. Ich finde, Federer ist auch ein guter Sandspieler, er war ja gerade in Paris im Halbfinal, hat dann aber eben wieder einmal gegen Nadal verloren. Aber sicher sind für ihn als Angriffsspieler die Bedingungen auf Sand nicht so optimal wie auf Rasen oder Hartplatz.

Wieso haben viele Turniere wie zum Beispiel das US Open von Rasen auf Hartplatz gewechselt?
Zum einen, weil es sehr aufwendig ist, Rasenplätze zu unterhalten, man sie das ganze Jahr lang pflegen muss. Es heisst auch, dass die TV-Sender mitgeredet haben, weil sie längere Punkte wollten, was es auf Rasen halt nur selten gibt.

Hat Federer Belinda Bencic und andere, die auch sehr gerne auf Rasen spielen, mit seinen vielen Erfolgen inspiriert?
Bencic ganz sicher. Die beiden kennen sich ja sehr gut und haben am Hopman-Cup auch schon zusammengespielt. Belinda ist – wie viele andere auch – Federer-Fan und hat auch ein sehr gutes Spiel für Rasen. Federer hat sicher seinen Teil dazu beigetragen, dass heutzutage viele sehr gerne auf Rasen spielen.

Federer müsste wahrscheinlich im Viertelfinal gegen Kei Nishikori oder John Isner und im Halbfinal gegen Rafael Nadal oder gegen Dominic Thiem spielen. Wie sehen Sie die Auslosung?
Er ist in der gleichen Tableau-Hälfte wie Nadal, aber ich finde seine Auslosung trotzdem günstig. Und ob Nadal überhaupt in den Halbfinal kommt, wird sich erst zeigen.

Wer könnte ein Stolperstein für die Grossen werden?
Sehr interessant ist Nick Kyrgios, der in der zweiten Runde auf Nadal treffen kann. Das verspricht, spannend zu werden, da Nadal ja schon ein paar Mal gegen Kyrgios verloren hat. Ausserdem mögen sich die beiden überhaupt nicht. Kyrgios hat Nadal auch schon in Wimbledon bezwungen. Er ist bestimmt sehr motiviert.

Lloyd Harris ist Federers erster Gegner. Kann er ihm gefährlich werden?
Die beiden haben noch nie gegeneinander gespielt. Federer muss sich ein bisschen über seinen Gegner schlau machen. Harris ist 1,93 Meter gross, er wird also sicher gut aufschlagen. Er hat sich in diesem Jahr in die Top 100 gespielt und nichts zu verlieren. Aber ich denke, Federer hat die nötige Erfahrung, um sich in drei Sätzen durchzusetzen.

Das Interview wurde von Schnupperstift Laurin Solèr geführt.

baz.ch/Newsnet

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