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Für Australien ist das Major-Turnier Gold wert

Der Entscheid der Turnierleitung, das Australian Open trotz der Katastrophe im Land durchzuführen, ist richtig.

Für Australien ist es Gold wert, dass genau jetzt ein so grosser und in der ganzen Welt präsenter Sportevent stattfindet.
Für Australien ist es Gold wert, dass genau jetzt ein so grosser und in der ganzen Welt präsenter Sportevent stattfindet.
Keystone

Vor zwei Wochen sind die Tennisprofis beim neuen ATP Cup fulminant ins neue Jahr gestartet. Das Spielniveau war so hoch und die Stimmung auf den Rängen so gut, dass in den hiesigen Medien primär über die sportlichen Leistungen berichtet wurde. Die seit September in Australien wütenden Buschbrände und die damit verbundene schlechte Luftqualität waren höchstens dann ein Thema, wenn sich auf Initiative von Nick Kyrgios wieder ein Profi dazu bereit erklärte, pro geschlagenem Ass einen Betrag zur Buschbrand-Bekämpfung zu spenden. Dass gleichzeitig über 50 Profis, die bei einem kleineren Turnier in Canberra spielen sollten, aufgrund der katastrophalen Luftqualität in Busse verfrachtet und ins rund 600 Kilometer entfernte Bendigo gefahren wurden, wohin das Turnier kurzfristig verschoben wurde, war nur bei Insidern ein Thema. Auch ich habe davon bloss durch einen beteiligten Coach erfahren.

Seit letzter Woche und der Qualifikation fürs Australian Open ist das anders. Die Berichterstattung hat sich, auch befeuert durch viele Social-Media-Bilder von in Melbourne engagierten Spielern, komplett auf die Thematik der in Melbourne herrschenden Luftqualität verschoben.

Für Australien ist es Gold wert, dass genau jetzt ein so grosser und in der ganzen Welt präsenter Sportevent stattfindet.

Für Australien ist es Gold wert, dass genau jetzt ein so grosser und in der ganzen Welt präsenter Sportevent stattfindet. Auch, weil dank Initiativen der Tennisprofis Gelder generiert werden. So wurde mit den Stars um Roger Federer und Serena Williams ein Fundraising-Anlass organisiert, bei dem rund drei Millionen Franken zusammenkamen. Vor allem aber ist das Brand-Desaster dadurch temporär weltweit präsent und regt die Menschen zum Nachdenken und Reden über die Klimaveränderung und den Umgang mit unserem Planeten an.

Ich finde es schön zu sehen, wie sehr sich Sportler für eine gute Sache einsetzen können, wenn sie direkt betroffen sind. In den letzten Tagen hörte ich aber auch Stimmen, die bemängelten, die Unterstützung sei opportunistisch und komme nur zustande, weil sich die Tennisspieler zufälligerweise gerade jetzt in Australien befinden. Klar ist es entscheidend, dass sich momentan alle Tennisstars in Melbourne aufhalten. Wäre dies nicht der Fall, dann hätte sich im Tenniszirkus mit Sicherheit keine solche Solidaritätswelle entwickelt. Aber ist dies nicht menschlich? Um sich mit der Notsituation von anderen Leuten zu solidarisieren, braucht es doch immer einen Grund. Entweder man sieht das Leid mit eigenen Augen oder kann sich mit jemandem aus dem Krisengebiet identifizieren. Ich erinnere mich da an eine Katastrophe während meiner 18-jährigen Karriere, die mich nebst ihrer Schwere auch deshalb so aufwühlte, weil ich einen direkten persönlichen Bezug herstellen konnte. Ich war in Doha und bereitete mich vor Ort auf das erste Turnier der Saison 2005 vor, als mich auf CNN die Bilder des Tsunamis erreichten.

Stark kritisiert wurde nun in Australien die Turnierleitung des Major-Events.

Eine der betroffenen Regionen in Thailand hatte ich ein paar Jahr zuvor als Tourist besucht. Zudem befanden sich zu dem Zeitpunkt über 100 Kollegen aus der Tenniswelt in Chennai, wo ebenfalls ein Turnier stattfand und mehrere Hundert Todesopfer zu beklagen waren. Auch damals entstand in der Tenniswelt eine grosse Solidaritätswelle, vor allem wegen Chennai und den zahlreichen Augenzeugenberichten von Tenniskollegen, welche die Horrorbilder aus dem TV noch verstärkten.

Stark kritisiert wurde nun in Australien die Turnierleitung des Major-Events, die das Qualifikationsprogramm ziemlich rigoros durchdrückte. Ich finde diese Kritik nicht fair. Zwar war ich nicht vor Ort. Aber ich hatte in den letzten Tagen intensiv Kontakt mit Freunden, die in der Qualifikation im Einsatz gestanden sind. Unter den Spielern herrscht seit zehn Jahren die Meinung vor, dass das Australian Open jenes Grand-Slam-Turnier ist, das sich am meisten darum bemüht, allen Spielern den bestmöglichen Service zu bieten und den Unterschied der Behandlung zwischen den Qualifikanten und den Hauptfeldspielern zu verringern.

Dieser Unterschied ist trotz vieler Verbesserungen nach wie vor zu gross und stossend – er ist aber klar kleiner als bei den anderen grossen Events. Den Organisatoren sollte man nun keinen Strick daraus drehen, dass eine Spielerin aufgrund von Atemproblemen aufgeben musste und sich eine weitere Handvoll Spieler öffentlich über die Bedingungen beklagte. Bei 224 gespielten Qualifikationsmatchs, bei denen 448 Spieler und Spielerinnen auf dem Feld standen, ist die Quote der Sportler mit Problemen nicht höher als in anderen Jahren, bei denen über die extreme Hitze diskutiert wurde. Für einen glücklicheren Umgang mit der ungewohnten Situation fehlten ganz einfach die Erfahrungswerte. Als Folge daraus muss es in Zukunft klar definierte Höchstwerte für Luftverschmutzung geben. Sind diese erreicht, wird ein Spiel abgebrochen – so wie das seit Jahren in Melbourne bei Hitzealarm gang und gäbe ist.

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