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«Federer ist viel frischer, als ich es mit 29 war»

Pete Sampras spricht über seinen Start am Zürcher Turnier vom 8. bis 12. März, sein neues Leben und Roger Federer.

«Ich denke, dass ich die richtige balance gefunden habe»: Auch mit 39 jahren ist Pete sampras ein Qualitätsspieler.
«Ich denke, dass ich die richtige balance gefunden habe»: Auch mit 39 jahren ist Pete sampras ein Qualitätsspieler.
Keystone

Pete Sampras, was führt Sie dazu, Anfang März wieder einmal über den Ozean zu fliegen, um in Zürich Ihr erst zweites Seniorenturnier in Europa zu bestreiten? Die Veranstalter und Sponsoren liessen keinen Zweifel daran, dass sie mich unbedingt dabei haben wollen. Ich habe gehört, dass es ein gut organisiertes Turnier ist, dazu ist das verpflichtete Spielerfeld grossartig. Ich freue mich darauf, Kollegen wie Tim Henman, Michael Stich, Stefan Edberg oder Goran Ivanisevic wieder einmal zu sehen. Und nicht zuletzt gibt es einen Direktflug von Los Angeles nach Zürich. Alle diese Dinge betrachte ich genau, bevor ich mich entscheide. Zürich dürfte 2011 mein einziges Turnier in Europa bleiben.Wie steht es mit Ihrer Form? Ich treffe den Ball ziemlich gut. Kürzlich spielte ich in San Jose gegen Gaël Monfils und war eher zufrieden. Natürlich könnte mein Serve-and-Volley-Spiel noch etwas geschliffener sein, auch meine Beweglichkeit war früher besser. Ich werde mich bestmöglich vorbereiten. Turniere wie Zürich sollen Spass machen, aber die Zuschauer bezahlen ja, um richtiges Tennis zu sehen.Nach Ihrem letzten US-Open-Sieg 2002 vergingen fünf Jahre, bis Sie erstmals wieder öffentlich Tennis spielten. Wie erlebten Sie diese erste Zeit als Tennispensionär? Tennis ist ein derart aufreibender Individualsport, dass es dich emotionell auslaugt. Als es vorbei war, suchte ich die grösstmögliche Distanz. Während dreier Jahre wollte ich nicht spielen, nichts darüber lesen, nicht darüber sprechen, kein Tennis am TV sehen. Ich musste abschalten, durchatmen.Womit füllten Sie die Lücke, die Ihre Karriere als Tennisspieler hinterlassen hatte? Wenn man mit gut 30 Jahren zurücktritt, ist das ein laufender Prozess, in dem man einiges ausprobiert. Ich habe eine Familie mit zwei kleinen Jungs, mit denen ich viel Zeit verbringe. Ich geriet in die Pokerszene, spiele noch heute einmal die Woche von zuhause aus. Ich spiele viel Basketball und Golf und versuche, einmal wöchentlich mit meiner Frau auszugehen. Mein Ziel ist es, Spass zu haben, etwas zu arbeiten und jeden Tag Sport zu treiben. Es ist wichtig, die richtige Balance zu finden, und ich denke, dass ich das geschafft habe.Wie fanden Sie im Jahr 2007 zurück zum Tennis? Irgendwann beschloss ich, wieder einige Bälle zu schlagen. Ich benutzte ein grösseres Racket und begann, es zu geniessen. Es half mir, in Form zu kommen und einen Ausgleich zu finden, und so entstand eine neue Wertschätzung. Dann bestritt ich testweise einige Wettkämpfe und fühlte mich gut dabei.Und nun trifft man Sie wieder regelmässig auf den Courts an? Ich spiele nicht so oft, einige Stunden hier und da. Turniere wie Zürich sorgen dafür, dass ich ein Ziel habe, mich auf etwas vorbereite. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich ein besserer Vater und Ehemann bin, wenn ich etwas arbeite – anstatt den ganzen Tag herumzusitzen oder Golf zu spielen.Haben Sie dieses Jahr viele Einsätze auf dem Programm? Es dürften etwa zehn bis zwölf Matches werden. Momentan zeichnen sich noch einige Auftritte gegen Andre (Agassi) in Südamerika ab.Ihre Söhne sind jetzt acht und fünf Jahre alt. Spielen sie auch Tennis? Sie gehen jeden Tag zur Schule. Ich mache mit ihnen jeden Freitag ein kleines Tenniscamp, und auch im Sommer organisiere ich ein kleines Lager. Ich hätte es gerne, wenn Tennis ein Teil ihres Lebens würde. Falls sie das wollen, ist das grossartig, aber sonst ist es auch okay. Es geht mir darum, sie nach draussen zu bringen, dass sie Sport treiben – ob es Fussball, Baseball oder Tennis ist, spielt dabei keine Rolle. Wir leben in einer Zeit, in der viele Jugendliche nur noch im Haus bleiben und ihre Freizeit mit Videogames verbringen.Treten sie einst in Ihre Fussstapfen? Ich weiss es nicht. Sie spielen gut, treffen den Ball sauber und geniessen es. Aber ich bin nicht sicher, ob sie mein Niveau erreichen werden.Einer, der es erreicht hat, ist Roger Federer. Als Sie abtraten, schienen viele Ihrer Rekorde für die Ewigkeit, inzwischen hat er viele von ihnen ausgelöscht. Hätten Sie so etwas für möglich gehalten? Als ich mit 14 Grand-Slam-Titeln abtrat, wusste ich, dass es nicht nur einen besonderen Spieler, sondern einen aussergewöhnlichen Menschen brauchen würde, um mich zu übertreffen. Es reicht nicht, grossartig zu spielen. Du opferst mehr als alle anderen, stellst dein ganzes Leben darauf ein. Als ich gegen ihn in Wimbledon spielte (2001), wusste ich, dass er viel Talent hat. Aber was er daraus machte, wie konstant er ist, das ist schon phänomenal. Die Art, wie er meine Rekorde brach und die Tatsache, dass er ein Freund von mir ist, machten es mir einfach, sie ihm abzutreten. Roger ist ein guter Mann für den Sport und verhält sich grossartig.Erwarten Sie, dass Federer es schaffen wird, noch einmal die Nummer 1 zu werden und Ihren Rekord von 286 Wochen an der Spitze zu brechen? Nur 2 Wochen fehlen ihm. Ich denke nicht, dass er spielt, um diesen Rekord zu brechen. Er versucht, die Zahl seiner Majortitel zu erhöhen, das war auch bei mir so und kann auch nur das Ziel sein, wenn man dieses Niveau erreicht hat. Gelingt ihm das, kann er auch wieder die Nummer 1 werden.Trauen Sie ihm das zu? Er hat immer noch viel in sich und wird weitere Grand Slams gewinnen. Das French Open wird zwar schwierig, aber in Wimbledon und am US Open sehe ich ihn immer noch als klaren Favoriten.Erstmals seit Wimbledon 2003 gehört ihm nun kein Grand-Slam-Titel. Muss er etwas ändern? Er ist nun an einem Punkt der Karriere, wo er etwas älter ist und andere Wege finden muss, um einige der Topspieler wie Nadal und Djokovic zu schlagen. Das heisst nicht, dass er sich ganz neu erfinden muss. Er hat 16 Slams gewonnen, und wenn du mit einer Spielweise 99 Prozent der Gegner schlägst, vertraust du darauf. Ich kenne Paul (Annacone, Federers jetzigen und Sampras früheren Coach) ziemlich gut und weiss, dass er versuchen wird, dass Federer etwas mehr angreift. Er muss nichts Drastisches verändern, vielleicht ab und zu etwas Neues versuchen.Sehen Sie in Federers Spiel Spuren der Arbeit mit Paul Annacone? Ein paar. Federer hat in den vergangenen sieben, acht Jahren hervorragend gespielt, und einen grossen Unterschied erkenne ich nicht. Vielleicht ist er etwas aggressiver, etwa mit dem zweiten Aufschlag. Annacone kann ihm mental helfen, ihn gut auf Partien einstellen. Er hat in Federers Team nichts Dramatisches geändert. Es geht mehr darum, ihm verschiedene Szenarien gegen verschiedene Gegner zu erklären, ihm zu sagen, was man gegen einige Spieler tun soll und was nicht. Annacone ist sehr schlau und kennt die Spieler. Er ist eine grossartige Ergänzung für Federers Team.Ist es für Sie ein komisches Gefühl, ihn an der Seite Federers zu sehen? Nicht wirklich. Ich wusste bei meinem Rücktritt, dass er als Coach begehrt sein würde, nach allem, was er mit mir erreicht hatte. Er arbeitete dann lange mit Tim Henman. Paul ist ein grossartiger Typ, eine jener Personen, die mit allen gut auskommen. Und er kennt Federer seit Jahren. Er kann ihm dank seiner Erfahrung neue Perspektiven aufzeigen.Waren Sie überrascht von Federers jüngster Niederlage gegen Djokovic? Ehrlich gesagt: Ich bin immer überrascht, wenn er verliert. Aber Djokovic ist ein sehr emotionaler Spieler, und die vielen serbischen Fans dürften ihn inspiriert haben, wie im Davis-Cup. Wenn er mental stark ist, gehört er zu den Besten. Er hat Schwankungen, aber an diesem Tag brachte er es zusammen, während Roger vielleicht nicht seinen besten Tag hatte. Das kann passieren, das ist mir auch oft passiert. Niederlagen gehören zum Sport, das erlebt jeder grossartige Spieler. Roger hat die Latte so hoch gelegt, dass die Leute schon beunruhigt sind, wenn er einmal einige Partien verliert. Aber er ist ein grosser Champion und wird einen Weg finden, um wieder zu gewinnen. Wir müssen uns um ihn keine Sorgen machen, es gibt keinen Grund zur Panik. Er macht alles richtig und wird zurückkommen.Sie gewannen Ihren letzten Majortitel kurz nach dem 31. Geburtstag. Federer wird dieses Jahr 30 ... (unterbricht) ... aber er ist noch sehr frisch, viel frischer, als ich es mit 29 Jahren war. Ich hatte eine andere Einstellung zur Karriere mit 29. Ich fühlte mich schon ausgebrannt.Warum könnte das so gewesen sein? Darüber habe ich mit Paul (Annacone) auch gesprochen, aber ich weiss es nicht. Die vielen Reisen nach Europa und Australien haben bei mir ihren Tribut gefordert. Federer dagegen scheinen die Reisen nicht zu stören, er mag es immer noch, verschiedene Städte zu sehen. Und sein Körper scheint das Tennis besser verkraftet zu haben als meiner. Es ist schon erstaunlich, dass er so konstant ist und die Motivation behält, Woche für Woche, nach allem, was er schon erreicht hat. Für mich wurde es härter und härter, aber er scheint das gar nicht zu spüren. Als ich älter wurde, fehlte tief in mir drin die Motivation, um Turnierewie Basel oder Stockholm zu gewinnen.In Ihrer Autobiografie schreiben Sie von einem anderen Phänomen des Älterwerdens: dass einem viele in den Rücktritt drängen wollen. Sie schreiben: «Es ist eines der demotivierendsten Probleme, denen ein Spieler begegnet. Irgendwann beginnt man an sich zu zweifeln und überlegt, ob man sich etwas vormacht.» Auch Federer scheint nun in diese Phase zu kommen. Ich hatte damit viel mehr Mühe als er, denn ich gewann lange kein Turnier mehr, und das Ende zeichnete sich ab. Federer ist noch nicht einmal in der Nähe einer solchen Situation, er gewinnt noch tonnenweise Turniere, auch wenn er nun an ein paar Majors verloren hat.Aber auch bei ihm heisst es nach jeder Niederlage irgendwo, seine Ära sei zu Ende. Es gibt überall Leute, die überreagieren. Auch in meinem Golfklub fragen mich Mitglieder immer wieder: Denkst du, Roger ist am Ende? Bei mir war es so, dass ich zwei Jahre lang hören musste, ich sei verbraucht, ich solle abtreten. Aber die Leute wissen nicht, was in Kopf und Herzen eines grossen Spielers abläuft. Ich weiss, dass Federer tief drinnen daran glaubt, dass er der beste Spieler der Welt ist und weitere Majors gewinnen wird. Ich kann Ihnen das sagen, weil ich weiss, wie grossartige Sportler denken. Die Leute können diese Mentalität nicht nachvollziehen. Aber sie ist unbezahlbar, und Roger besitzt sie.Haben Sie persönlich viel Kontakt mit Federer? Ja. Wir haben beide Blackberries und benutzen die auch, senden uns Bilder der Kinder und erzählen uns, was so läuft. Roger ist ein sehr netter Kerl, wir kommen gut miteinander aus und geniessen den Kontakt. Aber ich bin froh, dass ich ihn erst jetzt richtig kenne. Es wäre hart gewesen, Freunde zu sein, wenn wir zur gleichen Zeit gespielt hätten.Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Rafael Nadal? Er hat so jung schon alles erreicht, ist ein grossartiger Spieler mit einem tollen Tennis und mental sehr stark. Seine grösste Herausforderung wird sein, dass er physisch durchhält, dass sein Körper die täglichen Belastungen verkraftet. Er wird noch viele Majors gewinnen und steht vor einem interessanten Jahr, weil er so viele Titel verteidigen muss. Ich bin ein Anhänger seines Spiels und von dem, was er dem Tennis bringt. Gelegentlich kommen immer wieder Spieler, die das ganze Paket mitbringen, wie Federer, Nadal und vielleicht Djokovic.Ist die Ära vorbei, in der Federer und Nadal die meisten Grand Slams gewinnen? Nein. Djokovic und Murray sind zwar besser geworden, und vielleicht werden Nadal und Federer einige grosse Endspiele weniger bestreiten als in den vergangenen Jahren. Aber es könnte auch in den nächsten drei Majors wieder der Fall sein. Wir werden es sehen. Momentan gibt es vier hervorragende Spieler. Alle anderen sind im gleichen Boot und versuchen, dorthin zu gelangen.Im vergangenen Herbst sind aus einem Depot in Los Angeles über 80 Ihrer Trophäen und andere persönliche Dinge verschwunden. Sind diese wieder aufgetaucht? Nein. Detektive und die Polizei arbeiten daran, aber wir müssen inzwischen davon ausgehen, dass alles verschwunden ist.Auch eine Ihrer 14 Grand-Slam-Trophäen kam abhanden. Ist dass das Wichtigste, das Sie vermissen? Natürlich hätte ich gerne alle Trophäen. Aber am meisten vermisse ich persönliche Erinnerungsstücke und Fotos, die ich mit meinen Kindern teilen könnte.

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