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Federer büsst für seine reduzierte Vorbereitung

Warum er gegen Novak Djokovic beim 6:7, 4:6, 3:6 nur zu Beginn mithalten konnte.

Im Halbfinal des Australian Open unterliegt der nicht ganz fitte Schweizer Novak Djokovic. (Bild: Keystone)
Im Halbfinal des Australian Open unterliegt der nicht ganz fitte Schweizer Novak Djokovic. (Bild: Keystone)

Eine Faustregel besagt, dass im Tennis bei ähnlich starken Gegnern normalerweise der gewinnt, der mehr «big points» für sich entscheidet. Und um diese entscheidenden Ballwechsel für sich buchen zu können – Breakbälle, Satzbälle, wichtige Punkte im Tiebreak – braucht es neben dem spielerischen Können vor allem eines: Selbstvertrauen. Und dieses holt man sich – so banal es tönt – durch Siege.

Gegen John Millman und Tennys Sandgren, zwei Spieler aus den hinteren Reihen, hatte Federer diese wichtigen Punkte am Australian Open noch gewonnen, und das in grosser Zahl: Gegen den Australier hatte er aus aussichtslos scheinender Lage bei 4:8 im Match-Tiebreak die letzten sechs Punkte in Folge gewonnen, gegen den Amerikaner überstand er sogar sieben Matchbälle.

Federer spielt oft überlegen, aber ...

Im Duell mit Novak Djokovic zeigte sich, wie schon oft in wichtigen Partien, dass er dem Serben aber gerade in den wichtigsten Ballwechseln inzwischen unterlegen ist. Dass er, anders als gegen Sandgren oder Millman, nie zu vergessen scheint, dass ihm ein zuletzt übermächtiger Rivale gegenübersteht. Ob in New York oder Melbourne, in der Londoner 02-Arena oder in Wimbledon, wo ihm – wie auch schon zweimal am US Open – sogar zwei Matchbälle nicht zum Sieg gegen den Serben reichten, überall gleichen sich die Bilder.

Federer spielt zwar oft über lange Phasen überlegen, bringt sich aber durch fehlenden Glauben oder zu grossen Respekt selber um den Lohn für seine Anstrengungen. In Melbourne kam nun dazu, dass er sich körperlich zu sehr hatte verausgaben müssen, um so weit zu kommen. Die Folge waren Leistenprobleme, die seine Vorbereitung auf den Halbfinal und damit seine Leistung zu stark beeinträchtigten.

Novak Djokovic war zu stark. (Bild: Keystone)

Die 27. Niederlage im 50. Duell fügt sich nahtlos ein in die Liste wenig zwingender Niederlagen oder verpasster Gelegenheiten gegen Djokovic. Denn Federer hatte den Titelverteidiger an diesem extrem heissen Abend in Melbourne im ersten Satz genau dort, wo er ihn hatte hin manövrieren wollen: Mit enormer Risikobereitschaft und Klasse drängte er ihn aus seiner Wohlfühlzone, in die Defensive und in den Rückstand. Djokovic wirkte missmutig, nervös, angespannt, und das auch noch, als er den Match längst unter Kontrolle hatte und Federers Angriffsfeuerwerk vor allem auf der Rückhandseite nachgelassen hatte.

Für Federer gelten eigene Massstäbe

Gegen jeden anderen Gegner hätte Federer diesen wegweisenden ersten Durchgang wohl gewonnen. Er erspielte sich drei Breakbälle in Folge zum 5:1, führte danach 5:2 und 30:0 (bei Aufschlag des Serben), schlug bei 5:3 zum Satzgewinn auf. Dass er dieses neunte Game dann ohne Punktgewinn abgab, war so symptomatisch wie das Tiebreak, in dem er nur noch einen von acht Punkten für sich entschied. Nach diesem Satzrückstand war Federers Lage, realistisch gesehen, aussichtslos und ein klares Resultat absehbar.

Federer bezahlte den Preis für seine ungewohnt minimalistische Saisonvorbereitung.

Mit 38,5 Jahren in die Halbfinals eines Grand-Slam-Turniers vorzustossen, ist zweifellos eine hervorragende Leistung. Doch für Federer, der daran ist, jeden Altersrekord zu brechen, gelten eigene Massstäbe. Wieder einmal sorgte er für Spannung, Show und Unterhaltung, wieder einmal faszinierte er das Publikum, wieder einmal muss er aber zuschauen, wie sich ein anderer mit dem Pokal feiern lassen wird. Die Chance ist gross, dass es sich dabei einmal mehr um Novak Djokovic handelt, der damit seinen 17. Grand-Slam-Titel holen würde. Er ist am Sonntag grosser Favorit, egal, ob der Herausforderer Dominic Thiem oder Alexander Zverev heisst, deren Halbfinal am Freitag stattfindet.

Federer bezahlte in Melbourne letztlich den Preis für seine ungewohnt minimalistische Saisonvorbereitung. Er hatte sich erstmals seit sieben Jahren dazu entschieden, ohne Vorbereitungsturnier ins australische Grand-Slam-Turnier zu starten – als einziger der Spitzenspieler. Von 2014 bis 2016 war er jeweils vorher in Brisbane angetreten, danach drei Jahre lang am Hopman Cup in Perth, der dieses Jahr dem ATP-Cup weichen musste. Dass der 20-fache Grand-Slam-Sieger auf diesen neuen Mannschaftswettbewerb verzichtete, war auch eine Folge seiner reich befrachteten Zwischensaison mit einer Schautournee nach Südamerika und Mexiko und einer Exhibition in China.

Er ist niemandem etwas schuldig

Die fehlende Matchpraxis und das dadurch noch fragile Selbstvertrauen zeigten sich in Melbourne nach den zwei leichten Auftaktsiegen, die nicht gereicht hatten, die Zweifel zu beseitigen. Der Vierstunden-Sieg über John Millman war ein Kraftakt, der körperlich Spuren hinterliess und auch mental viele Energien kostete. Im zweiten Satz gegen Sandgren zeigten sich diese auch in seiner Leiste, die er sich behandeln lassen musste und worauf er so eingeschränkt war, dass die Niederlage schon im Viertelfinal unabwendbar schien.

Gewinnt Federer nochmals einen Titel? (Bild: Keystone)
Gewinnt Federer nochmals einen Titel? (Bild: Keystone)

Federer ist längst niemandem mehr etwas schuldig, er kann planen und seine Prioritäten so setzen, wie er will. Dass er immer noch so stark aufspielen und Emotionen erzeugen kann in einem Alter, in dem fast alle bereits zurückgetreten sind, ist für das Tennis ein Segen. Doch die Jäger rücken unbarmherzig näher. Nadal könnte schon am French Open mit dem 20. Grand-Slam-Titel zu ihm aufschliessen, und der 32-jährige Djokovic könnte noch so viele gute Jahre vor sich haben, dass er beide überholt.

Federers grösste Chance, nochmals einen grossen Titel zu holen und die beiden auf der Jagd nach dem wichtigsten Rekord etwas zurückbinden, dürfte einmal mehr in Wimbledon kommen. Will er sie packen, darf er sich in der Vorbereitung aber keine Halbheiten leisten.

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