Eklats und Rekordbussen in Wimbledon

Balljungen-Rempler, Schiri-Beleidigung, Verzögerungstaktik: Wild geht es beim Londoner Turnier zu und her.

Den Balljungen angerempelt: Der Franzose Adrian Mannarino zeigt sich hier von der ganz unsportlichen Seite.
René Stauffer@staffsky

Wimbledon ist das Turnier, an dem die Medien jedes Detail wie mit einer Lupe verfolgen und nichts unentdeckt bleibt – insbesondere, wenn sich Spieler schlecht verhalten. Das diesjährige Männerturnier verläuft in dieser Richtung geradezu alarmierend. Der Australier Bernard Tomic, der Franzose Adrian Mannarino und der Russe Daniil Medwedew erhielten alle nach Disziplinlosigkeiten Gesamtbussen in der Höhe von 14'500 (Medwedew) und 15'000 Dollar, was auf schwerwiegendste Vergehen hinweist und mit zu den höchsten finanziellen Strafen im Tennis gehört.

Was geschah? In der Kurzfassung: Tomic erklärte nach seiner Niederlage gegen Mischa Zverev freimütig, er sei unmotiviert gewesen und habe auch eine Verletzung vorgetäuscht, um zu einer zusätzlichen Pause zu kommen. Mannarino lief bei einem Seitenwechsel voll in einen Balljungen hinein und behauptete nachher, er habe diesen gar nicht bemerkt – eine Aussage, die Videoaufnahmen als Farce entlarven. Und Medwedew, in der ersten Runde Bezwinger Stan Wawrinkas, warf nach seinem Ausscheiden gegen Ruben Bemelmans protestierend einige Münzen in Richtung des Schiedsrichterstuhls; er hatte sich mehrfach benachteiligt gefühlt.

Video – Bernard Tomic erklärt seine Verzögerungstaktik:

Droht dem Tennis ein Sittenzerfall? Ist den Spielern nichts mehr heilig, Selbstkontrolle zu einem Fremdwort geworden? Der Eindruck täuscht, fragt man den erfahrenen Supervisor Andreas Egli. «Was mit Tomic geschah, hätte überall passieren können», verteidigt der Innerschweizer die Spieler in Wimbledon. «Wenn jemand an Pressekonferenzen Bemerkungen macht, die dem Tennis schaden können, gibt es halt so hohe Bussen. Das hat nichts mit Wimbledon zu tun.»

Kapitalverbrechen gegen den Rasen

Was Medwedew und Mannarino betreffe, reflektiere die Höhe der Bussen nicht nur die Zwischenfälle mit dem Münzwurf und dem Ballboy, erklärt Egli. Beide hätten sich in Wimbledon sozusagen auch eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht: Sie beschädigten durch Aggressionen mit ihren Schlägern den Rasen.

«Wenn du in Wimbledon den Schläger auf den Platz schlägst und eine Marke hinterlässt, dann ist das anders, als wenn du das gleiche in Roland Garros machst», führt Egli aus. In Wimbledon werde das denn auch nicht nur als «Missbrauch des Schlägers» gewertet, sondern als «unsportliches Verhalten», und dafür sei die Maximalbusse etwa doppelt so hoch, nämlich 20'000 Dollar. Denn Rasen sei eine viel heiklere Spielfläche als etwa Sand oder Hartplatz, und wenn einer sein Racket darauf niederschmettere, hinterlasse es schwerwiegende Spuren, die sich meistens nicht so einfach reparieren liessen – wenn überhaupt.

Der Italiener Fabio Fognini hatte 2014 für dieses Vergehen in Wimbledon die bisher höchste Busse erhalten (20'000 Dollar), dazu 7500 Dollar für unsportliches Verhalten und Schiedsrichterbeleidigung.

Video – Medwedew wirft Geld vor den Schiri-Stuhl:

Im Vergleich zu anderen Grand-Slam-Turnieren ist die Zahl der Bussen in Wimbledon auch nicht ausgesprochen hoch. «Vor allem zu Beginn des Turniers gab es sehr wenig Bussen», sagt Egli, ein früherer Profischiedsrichter. Es habe halt einfach einige sehr bedeutende Strafen gegeben, da es sich auch um spezielle Zwischenfälle gehandelt habe.

Die Bussen seien in der jüngeren Vergangenheit im Tennis allgemein deutlich erhöht worden, erklärt Egli. «Vor sieben, acht Jahren gab es für Missbrauch des Schlägers vielleicht 500 Dollar», erinnert er sich. «Wenn heute ein Erstrundenverlierer 60 000 Dollar Preisgeld erhält und dann mit 500 Dollar gebüsst wird, könnte man das ja auch gleich sein lassen. Darum sind auch die Bussen gestiegen.»

Durch Videoaufnahmen überführt

Bestrafte Spieler können Einsprache erheben, was sie auch meistens tun (die Bussen fliessen in den Grand Slam Fund zur Förderung des Tennis in Ländern ohne grosse finanzielle Mittel). Strafreduktionen werden aber nur ausnahmsweise gewährt, beispielsweise, wenn es sich um ein Erstvergehen handelt. Das gilt zumindest für Tomic nicht, der schon eine längere Liste von Disziplinlosigkeiten angesammelt hat, und auch nicht für Mannarino. Der Franzose behauptete zwar nach seinem Ausscheiden gegen Djokovic im Viertelfinal, er habe noch nie ein Problem gehabt mit Ballkindern. In Videoarchiven allerdings lassen sich Aufnahmen finden, die das Gegenteil nahe legen. So schmetterte er einst sein Racket in eine Platzecke, wo es nur knapp einen Ballboy verfehlte. Und in Roland Garros liess er einst einen Vertreter dieser freiwilligen Helfer über sein ausgestrecktes Bein stolpern, auch das offensichtlich nicht ganz unabsichtlich.

Mannarino verlässt Wimbledon damit nicht nur mit seinem bisher grössten Erfolg, sondern auch mit einem Imageschaden. Und Medwedew hoffentlich mit der Erkenntnis, dass es sich nicht lohnt, einige Münzen gegen einen Offiziellen zu werfen. Es war ohnehin ein schlechter Devisentausch, angesichts der Höhe seines Preisgeldabzugs.

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