Djokovic macht peinliches Geständnis

Der Präsident des ATP-Spielerrats muss in Wimbledon zugeben, dass er im Skandal um Justin Gimelstob einseitig informiert ist.

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René Stauffer@staffsky

Der Dialog im Presseraum nach Novak Djokovics Zweitrundensieg begann harmlos. Der angesehene amerikanische Tennisjournalist Bill Simons sagte ihm zuerst, wie sehr er ihn seit Jahren schätze, auch abseits der Wettkampfplätze. Nun habe er aber doch eine Frage. Dann brachte er das Gespräch auf Justin Gimelstob (42), den früheren Spitzenspieler, Fernsehkommentator und Tennispolitiker, der während Jahren einer von drei Spielervertretern im Direktoren-Board der ATP-Tour war und seit Monaten im Zentrum eines Skandals steht.

Simons, der für das kalifornische Magazin «Tennis Inside» arbeitet, wollte vom Weltranglistenersten wissen, ob er in seiner Rolle als Präsident des ATP-Spielerrats die Gerichtsprotokolle des Opfers Randall Kaplan gelesen habe. Dieser war von Gimelstob am Halloween-Abend im November 2018 brutal zusammengeschlagen worden. Der Serbe musste schliesslich zugeben: «Ich habe sie noch nicht gelesen.» Aber er versprach: «Ich werde das noch tun.» Er bekannte auch, dass er nur eine Seite der Story kenne, nämlich jene von Gimelstob. Er sei mit dem Amerikaner weiterhin befreundet, hat ihn auch in diesem Jahr schon getroffen, so auch in London vor dem Wimbledon-Turnier.

Eine verzerrte Perspektive

Djokovic machte im Laufe des an ein Verhör erinnernden Gesprächs, das sich über mehrere Minuten hinzog, weitere Aussagen, die zeigen, dass er den Fall bisher aus einer verzerrten Perspektive und mit sehr viel Toleranz gegenüber dem Verurteilten verfolgt hat. «Ist er denn schuldig?», fragte er. Gimelstob galt als möglicher Nachfolger von ATP-Chef Chris Kermode, der Ende Jahr gehen muss. Der heissblütige 42-jährige Amerikaner verprügelte an Halloween 2018 Kaplan, einen Freund seiner Ex-Frau, mit rund 50 Faustschlägen. Dessen Frau hielt auf Video fest, wie Gimelstob auf ihn einschlug, während er noch am Boden lag. Im April bekannte sich der Aggressor vor einem Gericht in Los Angeles zwar nicht als schuldig, er bestritt die Vorwürfe aber auch nicht. Er wurde zu drei Jahren auf Bewährung und 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

Der «Tennisverbrecher» («Spiegel») wurde darauf von Wimbledon nicht ans Turnier eingeladen. Er trat – unter anderem auch von Andy Murray und Stan Wawrinka unter Druck gesetzt – am 1. Mai aus dem Direktoren-Board zurück und gab auch seinen Kommentatorenjob beim «Tennis Channel» ab. Dass Djokovic und einige seiner Verbündeten noch immer hoffen, Gimelstob wieder in die Tennispolitik zurückholen zu können, empfinden viele als Affront. Schon vor der Attacke auf Kaplan, der ihn provoziert haben soll, war Gimelstob einige Male negativ in die Schlagzeilen geraten.

Frau erlitt Fehlgeburt

Gimelstob erklärte nach seiner Verurteilung, er strebe weiter eine Leaderrolle an. Gemäss Djokovic ist sein Gerichtsfall weiterhin hängig. «Falls er schuldig gesprochen wird, ändert das alles», sagte er. Falls nicht, wäre Gimelstob aber immer noch eine grosse Bereicherung, um die Anliegen der Spieler politisch zu vertreten, sagte der Serbe.

Vorerst täte Djokovic aber wirklich gut daran, die Schilderungen der Attacke von Halloween zu lesen. Diese war derart brutal, dass die Frau des Opfers, die sie miterlebte, gemäss eigenen Angaben als Folge davon eine Fehlgeburt erlitt.

Resultate und News zum Turnier in Wimbledon finden Sie im Liveticker.

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