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Der Fluch der Nummer 1

Andy Murray durchlebt nach dem Erreichen eines Karriereziels eine Baisse. Profitieren könnten in der Weltrangliste vor allem Roger Federer und Stan Wawrinka.

In diesem Jahr ist Andy Murray vornehmlich in der Rücklage.
In diesem Jahr ist Andy Murray vornehmlich in der Rücklage.
Keystone

Sang- und klanglos verabschiedete er sich aus Madrid. Mit 3:6, 3:6 gegen Borna Coric, die Nummer 59 der Welt. Er, Andy Murray, unterlag einem jungen Kroaten, der den Heimflug schon gebucht hatte, als er in der Qualifikation ausgeschieden war. Erst das Forfait von Richard Gasquet verhalf Coric zum Handkuss.

14 Gewinnschläge liess sich Murray in der fast eineinhalbstündigen Partie notieren, demgegenüber standen 28 unerzwungene Fehler. «Ich muss mir definitiv über meine heutige Leistung Gedanken machen», geizte der Schotte anschliessend nicht mit Selbstkritik. Und setzte noch einen drauf: «Man kann Tennismatches verlieren, keine Frage, aber die Art und Weise war schon sehr enttäuschend.»

Zweieinhalb Wochen vor Beginn des French Open zieht er damit eine Zwischenbilanz, die eigentlich für die ganze Sandplatzsaison gilt. Schon in Monte Carlo und Barcelona hatte er frühe Niederlagen gegen Ramos-Vinolas (Achtelfinal) und Thiem (Barcelona) kassiert. Damit setzte sich sein Negativtrend fort, auch wenn man bei 15:5 Siegen nicht von einer Krise im klassischen Sinn reden kann: Seit Jahresbeginn hat er erst ein Turnier gewonnen (Dubai) und einen Top-Ten-Spieler (Berdych) bezwungen. Zum Vergleich: In seiner überragenden zweiten Jahreshälfte 2016 hatte er sieben Turniere für sich entschieden (unter anderem Wimbledon, die Olympischen Spiele und die World Tour Finals) und neun Spieler aus den besten 10 bezwungen.Unter enormem Druck bis Wimbledon

«Diese Leistungen haben sicher ihren Tribut gefordert», gab Murray diesen Frühling zu. Physisch – er laborierte an einer Ellbogenverletzung –, aber auch mental. Falls er nicht rechtzeitig wieder zur Bestform findet, dürfte er den Platz an der Sonne bald verlieren: Bis und mit Wimbledon muss er 4700 Punkte verteidigen, fast doppelt so viele wie Novak Djokovic (2690), mehr als viermal so viele wie Stan Wawrinka (1105) und Roger Federer (1080) und 17-mal mehr als Rafael Nadal (270).

Murray hat in anderer Form das Schicksal von Djokovic erlitten. Dieser hatte jahrelang Titel gehamstert und am letzten French Open den Karriere-Grand-Slam und damit ein Lebensziel vollendet. Den rasanten Spannungsabfall auf allen Ebenen bezahlte er mit dem Verlust von Platz 1, der Trennung von seinem gesamten langjährigen Betreuerstab und einer Niederlagenserie. Jetzt steht er in Madrid immerhin im Halbfinal, trainerlos und nur begleitet von seinem Guru Pepe Imaz und von Bruder Marko. Ob dies bereits eine Trendwende darstellt, wird sich weisen.

Noch sind Murray und Djokovic die Nummern 1 und 2, und ausschliessen vom Kreis der Siegesanwärter darf man sie bei den grossen Turnieren kraft ihrer Erfahrung ohnehin nie. Weitere Schwächen dürfen sie sich aber nicht leisten, ansonsten steht ein Trio wartend bereit. Nadal in der Poleposition

Angeführt wird dieses – zumindest in den nächsten Wochen – von Rafael Nadal. Der Spanier, für einmal verletzungsfrei, hat an seinen hervorragenden Saisonstart angeknüpft, als ihm einzig Roger Federer vor der Sonne stand. Auf seinem geliebten Sand ist der Mallorquiner nun wieder das Mass aller Dinge. Er hat bereits Monte Carlo und Barcelona gewonnen und ist auch in den nächsten Wochen der Mann, den es zu schlagen gilt.

Vielleicht schon in Paris, spätestens aber ab der Rasensaison, wird auch Roger Federer im Kampf um den Weltranglisten-Thron wieder eingreifen. Für den Baselbieter markieren die nächsten Wochen den Auftakt in einen Sommer und Herbst mit Carte blanche. Nach Wimbledon hat er infolge seines vorzeitigen Saisonabbruchs im Vorjahr keine Punkte mehr zu verteidigen.

Stan Wawrinka ist der Auftakt auf Sand missglückt, Grund zur Beunruhigung muss dies aber noch nicht geben. Da er nach Rom auch noch beim Heimturnier in Genf antritt, hat er noch zwei Möglichkeiten, sich für Paris in Form zu spielen. Und bei den Grand-Slam-Turnieren tritt er aufgrund seiner Erfolge der letzten Jahre ohnehin mit breiter Brust an.

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