Das Masarova-Drama

Tennistalent Rebeka Masarova (19) ist Opfer einer miserablen Karriereplanung. Ein Trauerspiel in sechs Akten.

Schneller Aufstieg, schneller Abstieg. Rebeka Masarova hat in den letzten zwei Jahren vor allem im spielerischen Bereich stagniert.

Schneller Aufstieg, schneller Abstieg. Rebeka Masarova hat in den letzten zwei Jahren vor allem im spielerischen Bereich stagniert.

(Bild: Keystone)

Sebastian Briellmann

So sehen Sieger aus.

Da steht sie nun, ein Lächeln der Erleichterung im Gesicht, den silbernen Pokal und den überdimensionierten Gehaltscheck stolz in die Kamera haltend. Rebeka Masarova ist wieder zurück auf der Tennistour, letzten Sonntag gewann sie das Turnier in Badenweiler, ohne Satzverlust, und das beim Comeback, nach zehn Monaten Pause.

Aber ist die Baslerin wirklich eine Gewinnerin? Sehen so Sieger aus?

Es mag sein, dass sich die 19-Jährige momentan als solche fühlt, glücklich, weil wieder gesund und wettbewerbsfähig. Das wäre verständlich, aber auch trügerisch. Masarova gewann zwar ein Turnier, aber nicht irgendeines auf der grossen WTA-Tour, sondern einen kleinen ITF-Anlass. Dafür bekam sie 2117 Euro Preisgeld. Das ist maximal semiprofessionell und kann nicht der Anspruch einer Athletin sein, die als Schweizer Tennishoffnung galt, alle Voraussetzungen für eine glitzernde Karriere mitbrachte und womöglich nicht zu Unrecht davon träumte, einst eine Grand-Slam-Siegerin zu sein.

Heute ist sie die Nummer 758 der Welt, längst sind jüngere Konkurrentinnen eine bis zwei Klassen besser. Rebeka Masarova ist in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Sie spielt auch nicht mehr für die Schweiz, sondern für Spanien. Viel ist passiert, zu viel, und hauptsächlich zu viel Schlechtes.

Das Masarova-Drama. Ein Trauerspiel in sechs Akten.

Januar 2015: Ein Talent macht erstmals von sich reden

Als alles beginnt, ist die Geschichte eine schöne, ja fast romantische. Masarova ist noch nicht einmal vierjährig, Tennis ist in der Familie kein Thema. Doch an einem regnerischen Sonntag im Juli 2003 setzen sich die Eltern mit ihren fünf Kindern vor den Fernseher, es läuft Roger Federers erster Wimbledon-Final. Später erzählt Masarova der BaZ: «Als ich das sah, wusste ich: Das möchte ich auch machen.»

Dieses Begehren wurde unterstützt, bedingungslos, was der Familie angerechnet werden muss – denn Tennis kostet Zeit und Geld. 2009 geht Mutter Marivi mit den Kindern für vier Jahre nach Barcelona, damit sich Rebeka in einer renommierten Akademie verbessern kann. Es geht bergauf, Rebeka trainiert nach der Rückkehr in der Region, den Lead hat die Mama, eine Autodidaktin, die bis heute nicht wirklich Tennis Spielen kann, sich auf theoretische Lehrmittel bezieht.

Ein Problem ist das bis zu diesem Zeitpunkt nicht, als Rebeka 15 Jahre alt ist, misst sie bereits 1,84 Meter. Sie ist den Gegnerinnen schon physisch dermassen überlegen, dass spielerische Defizite noch nicht auffallen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie in ihrer Altersklasse die Nummer 3 – ein Talent macht auch in Basel erstmals von sich reden. In einem BaZ-Porträt vom Januar 2015 sagt sie: «Ich möchte in Wimbledon gewinnen.»

Juli 2016: Die Schweiz jubiliert über eine neue Tennishoffnung

Beim wichtigsten Tennisturnier der Welt reüssiert sie eineinhalb Jahre später zwar nicht, aber ein paar Wochen zuvor am Juniorinnen-Turnier des French Open. Der Boulevard nennt sie fortan liebevoll «Unsere rote Zora». Die Schweiz jubiliert über eine neue Tennishoffnung. Heinz Günthardt, damals technischer Berater von Swiss Tennis, hält viel von Masarova: «Vor allem athletisch ist sie den meisten voraus.»

Der Höhenflug geht ungebremst weiter: In Gstaad erhält sie eine Wildcard, erreicht sensationell den Halbfinal, ist danach bereits die Nummer 314 der Welt. Der BaZ erzählt sie kurze Zeit später, dass sie sich im Rampenlicht ganz wohlfühle, aber auch noch einige Dinge lernen müsse. Auch Marivi Masarova äussert sich zu dieser Zeit vernünftig. Sie wisse, dass die Aufgaben mehr werden und sie als Eine-Frau-AG nicht alles alleine machen könne. Man sei auf der Suche nach einem professionellen Management.

Juni 2017: Niemand weiss, wo Rebeka Masarova ist

Immer häufiger muss sich Rebeka Masarova öffentlich äussern, vermehrt auch in der Presse. Sie macht das nicht schlecht, aber sie hängt stark an der Mutter, blickt immer zu ihr. Ist das ein Teenager, der zu Selbstverantwortlichkeit erzogen wurde, bereits mündig ist? Eher nicht, die Kontrolle der Mutter wird immer offensichtlicher.

Sorgen machen sich die Masarovas keine, auch wenn sportlich Stagnation einsetzt. In Paris sollte sie im Juni am French Open ihren Juniorentitel verteidigen, doch sie taucht nicht auf – nicht mal Swiss Tennis weiss, wo sie ist. Erst später wird klar: Sie war krank. Eine kurze Wasserstandmeldung wäre nicht verkehrt gewesen.

Bei den Profis verliert sie zuvor in Biel und danach in Gstaad in der 1. Runde. Doch sie sagt: «Ob ich mit 18 oder mit 20 in den Top 10 bin, spielt keine Rolle.» Heinz Günthardt, mittlerweile Fed-Cup-Captain, lässt durchblicken, dass er nicht zufrieden ist mit der Situation, bemängelt falsche Entscheidungen im Match und die fehlende Spielpraxis: «Es ist wie beim Tanzen: Wenn du die Schritte zählst – na ja, dann fehlt das Flair.» Ob Swiss Tennis da nicht eingreife? «Verantwortlich ist die Mutter als Trainerin – wir versuchen, Hinweise zu geben.» Das klingt bereits ordentlich nach Resignation.

August 2017: Gesucht – Hilfe für vielbeschäftigte Familie

Hinweise. Es ist wohl das einzige, was kompetente Coaches geben können. Und es ist der Anfang vom Ende. Noch stünden Rebeka Masarova alle Türen offen. Swiss Tennis möchte weiter helfen, auch in der Region gibt es zahlreiche Coaches, die sich ihrer angenommen haben. Doch sowohl Verband als auch Trainer verzweifeln. Masarova macht keine Fortschritte, bleibt spielerisch limitiert. Öffentlich möchte sich keiner mehr äussern, die meisten ehemaligen Weggefährten möchten nichts mehr mit der Familie zu tun haben. Es geht um nicht bezahlte Tennisstunden oder um Trainings, in denen die Mutter ständig falsche Ratschläge gibt, wie Coaches beklagen.

Es geht auch um Unzuverlässigkeit, wo Marivi um Termine bittet, aber dreimal unentschuldigt fehlt. Und es geht darum, dass nie ein Plan ersichtlich wird – mal soll viel trainiert und gespielt werden, mal gar nicht. Die Ansichten der Mutter ändern wöchentlich.

Im August titelt die BaZ: «Dringend gesucht: Hilfe für viel beschäftigte Familie». Es braucht mehr Professionalität in den Übungseinheiten, weil es nicht sein könne, dass Masarova alleine an einer Ballwand trainiere. So wird niemand Profi. Nach Erscheinen des Artikels rastet die Mutter aus, droht der BaZ grundlos mit dem Anwalt.

Die Überforderung der Familie nimmt mittlerweile tragische Züge an, aber Hilfe sucht man sich weiter nicht – obschon ihr Gutgesinnte beispielsweise Termine beim Manager von Weltklassespielerin Angelique Kerber vermitteln wollen. Sogar Federer-Manager Tony Godsick soll sich bereit erklärt haben, eine Analyse durchzuführen. Doch alles wird ausgeschlagen, niemandem vertraut – dabei wäre das Annehmen von Unterstützung alles andere als eine Schande. Selbst als Massimiliano Iuliano, der zur Organisation der Swiss Indoors gehört, im Herbst in Management-Fragen unterstützend zur Seite steht, ändert sich am Gebaren der Familie nichts. Bereits nach wenigen Wochen ist Iuliano wieder weg. Miserabler kann man eine Karriere kaum planen.

Wie war das nochmals mit dem professionellen Management?

Januar 2018: Der grosse Knall – und überall gibts nur Verlierer

Kurz vor Beginn des Australian Open kommts zum Knall. Mutter Marivi teilt Swiss Tennis und Heinz Günthardt stillos per SMS mit, dass ihre Tochter neu für Spanien aufläuft. Verbandspräsident René Stammbach prüft rechtliche Schritte, am Ende einigt man sich. Das ist aber nur die Kurzversion: Die BaZ weiss, dass Masarova kurz vor Weihnachten vor der Familie nach Biel zu Swiss Tennis geflüchtet ist, bei einer befreundeten Leistungsspielerin kommt sie unter. Sie hat wohl eingesehen, dass dieser Schritt notwendig ist, um ihre Karriere zu retten. Doch die Familie setzt die Tochter so stark unter Druck, dass sie fürs Weihnachtsfest wieder nach Hause geht.

Danach der abrupte Wechsel. Die anderen Schweizer Spielerinnen sind geschockt. In Melbourne sagt Viktorija Golubic dieser Zeitung zum Masarova-Abgang: «Ganz ehrlich? Ich war überrascht und schockiert.» Sie denke, das sei kein Entscheid von Rebeka gewesen, sondern jener der Familie, des «Clans», wie Golubic dies wenig schmeichelhaft, aber durchaus passend ausdrückt.

Juni 2018: Kann es noch schlimmer kommen? Es kann

Der Clan, der völlig oppositionell agiert, gibt sich ab diesem Zeitpunkt der Lächerlichkeit preis. In Spanien, so bestätigen es mehrere unabhängige Quellen der BaZ, schickt die Mutter ihre Tochter auf einen nassen Platz. Die Folge ist eine schwere Knieverletzung. Sechs Monate Pause. In dieser Zeit ist sie wieder viel in der Region, trainiert mit Schiene und macht vor allem Fitness – was bei einer knapp 1,90 grossen, athletischen Frau eher als kontraproduktiv zu bewerten ist. Irgendwann ist zu viel auch zu viel, vor allem wenn es zu viel Schlechtes ist. So schrottet man eine Karriere, an eine grosse Laufbahn glaubt längst niemand mehr. Dabei ist es aktuell leicht wie selten, bei den Frauen in die Top 100 zu kommen und ein gut entlöhntes Leben zu führen. Und wie war das nochmals? Mit 18 oder 20 in den Top Ten sein? Es klingt heute wie ein schlechter Witz.

Der Abstieg der Rebeka Masarova geht weiter. Da hilft auch ein Turniersieg beim Comeback an einem kleinen Event in Badenweiler nicht weiter. Trotz Lächeln, trotz Erleichterung.

Sehen so Sieger aus?

Basler Zeitung

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