Kurze Röckchen im Land der unterdrückten Frauen

Das WTA-Masters in Doha ist für Qatar eine glänzende Gelegenheit, sich als offener und moderner Staat zu präsentieren. Hinter der schillernden Kulisse verstecken sich aber erschreckende Zustände.

So frei wie Caroline Wozniacki dürfen sich in Qatar längst nicht alle Frauen bewegen.

So frei wie Caroline Wozniacki dürfen sich in Qatar längst nicht alle Frauen bewegen.

(Bild: Keystone)

Alexander Kühn@alexkuehnzh

Seit die Russin Anna Kurnikowa im vergangenen Jahrzehnt auch ohne Turniersieg zur bestverdienenden Tennisspielerin aufgestiegen ist, vermarktet die Profivereinigung WTA ihre Athletinnen in erster Linie über deren optische Vorzüge. So versucht sie, die Sponsoren bei der Stange zu halten und nicht gänzlich im Schatten des Männertennis zu verkümmern. Dass einer der potentesten Geldgeber der Frauentour ausgerechnet aus dem sittenstrengen Emirat Qatar kommt, mutet daher schon ein wenig seltsam an.

Scheich Mohammed bin Faleh al Thani, so sein Name, ist ein Spross des absolutistischen Herrscherhauses und steht dem nationalen Tennisverband als Präsident vor. Um das WTA-Masters für drei Jahre nach Doha zu holen, liess er 42 Millionen Dollar springen. «Wir sind stolz, dass wir den Frauen beim Masters erstmals das gleiche Preisgeld bieten können wie den Männern», sagte der Scheich 2007 bei der Bekanntgabe der Partnerschaft und erntete dafür viel Applaus.

Noch immer keine Olympionikin aus Qatar

Die medienträchtig propagierte Gleichstellung von Männern und Frauen ist in Qatar aber sowohl im Sport als auch im Alltag noch immer eine Illusion. Das Emirat ist neben Saudiarabien und Brunei der einzige unter 205 Nationalverbänden des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der noch nie Frauen zu den Spielen entsandt hat. Ende Juli hielt das IOC die drei Länder in einem Appell an, dieses Manko endlich zu beheben.

Die Mängelliste von Amnesty International

Im April dieses Jahres trat Qatar zwar dem UN-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau bei - allerdings mit Vorbehalten bezüglich der Gleichstellung der Frauen vor dem Gesetz, in der Ehe und in Fragen des Sorgerechts für die Kinder, wie dem Jahresbericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zu entnehmen ist. «Frauen wurden auch weiterhin durch Gesetze sowie im täglichen Leben diskriminiert. Es bestand für sie kein wirksamer Schutz gegen häusliche Gewalt», berichtet Amnesty International weiter. «Mindestens 18 Personen, zumeist ausländische Staatsbürger, wurden wegen Vergehen im Zusammenhang mit unerlaubten sexuellen Beziehungen oder Alkoholkonsum zu 40 bis 100 Peitschenhieben verurteilt.»

Erfolgloses Förderprogramm für Mädchen

Man muss Scheich Mohammed bin Faleh al Thani bei aller Kritik aber zugute halten, dass er sich in Qatar um die Förderung des eigenen Tennis-Nachwuchses bemüht hat: Schon 2002 begann der Verband mit einem Förderprogramm für junge Tennisspielerinnen. 2015, so der Plan des Scheichs, soll es eine der von ihm geförderten Spielerinnen unter die Top 200 des WTA-Rankings geschafft haben. Momentan präsentiert sich einem aber noch eine leer Fläche, wenn man in der Ländersuche der Weltrangliste den Namen Qatars eingibt.

Die grössten Hoffnungen setzte man im Emirat in die heute 16-jährige Fouad Nawal. Sie wagte mit 13 Jahren den Sprung nach Europa und trainierte in der Akademie des früheren French-Open-Siegers Sergi Burguera. Den Durchbruch hat die Tennis-Exotin, die stets in sittlichen langen Hosen und mit langen Ärmeln trainierte, aber zumindest bislang nicht geschafft.

WTA verbietet lange Hosen

Die Kleiderregeln der WTA verbieten es übrigens noch immer, in längeren Hosen zu Wettkämpfen anzutreten. Ein Gummiparagraph schreibt eine «respektvolle» Tenuewahl vor. Sehr zum Ärger der Französin Aravane Rezaï. «Warum darf Rafael Nadal solche Hosen tragen und ich nicht?», möchte die beste muslimische Tennisspielerin der Welt wissen. «Wenn jede Spielerin anziehen könnte, was sie will, wären viel mehr muslimische Mädchen in der Lage, Tennis zu spielen», ist sie überzeugt.

Tatsächlich ist es so, dass in den islamischen Ländern für zahlreiche Talente mit dem Erwachsenwerden die Tenniskarriere endet. «Ich habe viele Juniorinnen gesehen, die mit 14 das Racket zur Seite legten, um nicht gegen familiäre und religiöse Traditionen verstossen zu müssen», erklärt Salah Bramly vom Tennisverband der Vereinigten Arabischen Emirate.

baz.ch/Newsnet

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