«Federer kann vielleicht bis 40 mithalten»

Tennis-Legende Ilie Nastase war die erste Weltnummer 1. In Gstaad spricht er über seinen Ferrari-«Fehler», die Wutanfälle und sagt, worüber er sich bei Federer wundert.

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Adrian Ruch

Sie haben 1973, gleich beim ersten Auftritt in Gstaad, den Titel geholt. Woran können Sie sich noch erinnern?
Ilie Nastase:Das Turnier fand kurz nach Wimbledon statt, und ich war vor der Umstellung auf die Höhenlage gewarnt worden. Doch damals kamen noch drucklose Bälle zum Einsatz, welche das Tempo reduzierten. Ich konnte ganz normales Tennis spielen. Ich erinnere mich auch noch, dass der Final am Montag stattfand, weil es am Sonntag geregnet hatte.

War es für Sie ein wertvoller Titel, immerhin schlugen Sie den fünfmaligen Gstaad-Gewinner Roy Emerson?
Den Sieg sollte man nicht überbewerten: Ich war damals 27-jährig und in Bestform, Roy etwa zehn Jahre älter und am Ende seiner Karriere.

Wenn wir schon beim Alter sind. Sie wurden vor einer guten Woche 69. Bereitet Ihnen als ehemaligem Weltklasseathleten das Älterwerden Mühe?
Ach, es ist für jeden hart, älter zu werden. Ich habe aber Glück, denn ich bin eben erst in mein erotisches Jahr gestiegen (lacht/Nastase bezieht sich auf das Lied «69 erotic year» von Mick Harvey/die Redaktion). Man kann den Jahren nicht ausweichen, auch Sie werden einmal 69-jährig sein...

...ich hoffe es.
Ich versuche, in der Gegenwart zu leben, und nicht dauernd daran zu denken, was einmal war. Ich geniesse das Leben.

Welche Rolle spielt Tennis in Ihrem Leben noch?
Überall, wo ich bin, kommen Erinnerungen hoch, meistens schöne Erinnerungen. Zu Hause habe ich eine Art Museum, aber ich gehe nicht allzu oft in diesen Raum. Sonst werde ich zum Gefangenen der Vergangenheit.

Ist es wahr, dass Sie mit dem ersten grossen Preisgeld gleich einen Ferrari kauften?
Ja, ich machte Fehler, so wie es alle Jungen tun. Es war ein dummer Entscheid, aber es dauerte eine Weile, bis ich es realisierte. Aber ich musste den Ferrari zuerst kaufen, um zu merken, dass es dumm war.

Sie waren die erste offizielle, vom Computer errechnete Nummer 1. Was bedeutete Ihnen dies damals und was bedeutet es Ihnen in der Retrospektive?
Heute bedeutet es nichts mehr, ausser dass ich in den Rekordbüchern verewigt bin. Wie gesagt: Ich will nicht in der Vergangenheit leben. Doch 1973 war die Nummer 1 für mich eine grosse Sache, weil ich mir diese Position mit starken Leistungen verdient hatte.

Sie traten gegen Rod Laver, Roy Emerson, Jimmy Connors und Björn Borg an. Wer war der Beste dieser grossen Spieler?
Obwohl ich es könnte, will ich kein Ranking erstellen, denn das wäre unfair. Man soll verschiedene Generationen nicht vergleichen. Jeder der Genannten war zu seiner besten Zeit ein grosser Champion. Im Fussball ist es das Gleiche: Es bringt doch nichts, Pele mit Maradona, Maradona mit Ronaldo (er meint den Brasilianer, nicht den Portugiesen) und Ronaldo mit Messi zu vergleichen. Doch wenn Sie im Tennis unbedingt eine Rangliste wollen, dann zählt in erster Linie die Anzahl der Grand-Slam-Titel.

Ihr Freund Jimmy Connors schrieb in seiner Autobiografie, Sie hätten nicht viel trainiert. Bereuen Sie das heute?
Nein, vielleicht schätzte Jimmy die Situation nicht ganz richtig ein. Ich trainierte weniger als andere, aber ich bestritt an den Turnieren das Einzel, das Doppel und auch das Mixed. Das war sehr intensiv.

Andere wie eben Connors konzentrierten sich auf das Einzel.
Ich brauchte anderthalb Jahre, um Connors zu überreden, mit mir Doppel zu spielen. Und dann wollte er manchmal wegen des Einzels aus dem Turnier aussteigen. Letztlich gewannen wir zusammen je einmal Wimbledon und das US Open. Und am Ende dankte Connors mir, weil das Doppel aus ihm einen besseren Einzelspieler gemacht hatte.

War es etwas Besonderes, mit einem Freund Titel zu holen?
Connors und ich spielten nicht wegen der Titel Doppel, sondern, um Spass zu haben. Wenn wir dann erfolgreich waren – umso besser. Mit Ion Tiriac war es etwas anderes; er war im Einzel weniger stark, deshalb hatte das Doppel für ihn eine grössere Bedeutung. Er forderte mich immer auf, mich gut vorzubereiten und mich gut zu konzentrieren. Doch es war nicht einfach, sich auf alles zu konzentrieren. Ich erinnere mich an einen Tag in Wimbledon, als ich hintereinander Einzel, Doppel und Mixed spielen musste. Vom Mittag bis um 21 Uhr stand ich im Dauereinsatz – es war hart, machte aber Spass.

Connors schrieb auch, Sie hätten während der Matchs die Tribünen nach hübschen Mädchen abgesucht. Waren Sie so gut, dass Sie sich nicht konzentrieren mussten?
Ich konzentrierte mich schon, sonst hätte ich nicht die Nummer 1 sein können. Aber sicher, es war nicht immer einfach, gut Tennis zu spielen und gleichzeitig viel Spass zu haben.

Die heutigen Profis...
...heute wäre es unmöglich, die Nummer 1 zu sein und so eine gute Zeit zu haben wie ich damals.

Sind deshalb viele Spitzenspieler verheiratet?
Ich sage es in den Worten des Deutschen Bernd Schuster, der einst Coach von Real Madrid war: «Ich habe das Glück, dass zehn meiner Stammspieler verheiratet sind und nur einer Single ist.» Das sagt viel aus.

Sie galten als Sexsymbol.
Ich denke nicht, dass ich das war. Ich hatte zwar einmal in England einen Fanklub, der aus jungen Mädchen bestand, die sich aufführten wie die Fans eines Popstars, doch gewöhnlich war Tennis anders.

Sie sind ein begnadeter Entertainer. Gab Ihnen die Tatsache, das Publikum zu unterhalten, gleich viel Befriedigung wie der Sieg?
Was ich auf dem Platz machte, machte ich für mich. Wenn es dem Publikum gefiel, war das umso besser.

Einst hatten Sie in Louisville Ihr Gesicht schwarz angemalt, als Sie den Platz betraten, um mit Arthur Ashe das Doppel zu bestreiten. Wie fielen die Reaktionen aus?
Das war ein Scherz. Kurz vorher war entschieden worden, dass die Doppelpartner in gleichfarbigen Dressen spielen mussten, also wollte ich auch sonst gleich sein wie Ashe. Alle Leute mussten lachen, und auch Ashe nahm den Scherz gut auf. Aber wir verloren den Match.

Wie ernst war es Ihnen jeweils, wenn Sie Ihren Schläger zu Boden warfen oder ein Theater machten?
So war ich eben. Ich machte dies nicht nur im Match, ich verhielt mich im Training genau gleich. Auch da machte ich dauernd Scherze. An den Turnieren schauten meistens 400 Leute zu, wenn ich trainierte. Eine Geschichte muss ich noch erzählen.

Nur zu!
In Nizza war ein Spiel von mir um 11 Uhr angesetzt. Als ich auf den Platz kam, war nur ein einziger Zuschauer da. Ich packte meine Sachen gleich wieder zusammen, und der Schiedsrichter wollte mich disqualifizieren. Ich sagte: «So spiele ich nicht an, schon an meinen Trainings hat es gewöhnlich 400 Zuschauer.» Der Schiedsrichter sprach mit seinem Vorgesetzten, und der Match fand dann am Nachmittag statt.

Heute sind die Verhaltensregeln auf der ATP-Tour anders. Sollten sich die Spieler mehr ausdrücken können?
Ich denke schon. Die Regeln sind ziemlich strikt geworden; es werden hohe Bussen ausgesprochen. Die Regeln sollten etwas flexibler sein, damit die Spieler eine Show bieten können. Im Fussball wird auch geschimpft und geflucht, nur hört es keiner, weil die Zuschauer weit weg sind. Die Tennisprofis sollten die Möglichkeit haben, etwas Dampf abzulassen.

Gibt es einen Spieler, der Sie an den jungen Ilie Nastase erinnert?
Ich wurde oft mit Goran Ivanisevic verglichen, aber das trifft es nicht. Es ist schwierig, einen Spieler wie mich zu finden.

Sie werden immer eingeladen. Aber für welche Spieler würden Sie etwas bezahlen, um sie zu sehen?
In erster Linie für Federer. Am liebsten sehe ich ihn gegen Nadal. Nadal gegen Djokovic finde ich hingegen weniger interessant, weil sie zu ähnlich agieren. Am liebsten schaue ich zu, wenn ein offensiver gegen einen defensiv ausgerichteten Spieler antritt. Aber man kann die Jungs nicht dazu zwingen, ans Netz zu kommen. Sie spielen so, wie sie sich am wohlsten fühlen und wie sie die grössten Siegchancen haben.

Warum gefällt Ihnen Roger Federer?
Weil er alles kann. Es gibt keinen anderen, der so variantenreich spielt wie Federer. Ich bin überrascht, findet er keine Nachahmer. Mir ist klar, dass man Federer aufgrund seines Talents nicht 1:1 kopieren kann – aber warum von der Strategie her nicht ähnlich spielen?

Sind Sie froh, dass Federer noch spielt?
Ja. Ich bin überhaupt nicht einverstanden mit den Leuten, die seinen Rücktritt fordern. Federer soll spielen, solange er Lust hat. Er hat alles gewonnen – was noch kommt, ist ein Bonus. Er ist noch fit, er kann vielleicht bis 40 mithalten. Ich finde es eine merkwürdige Idee, dass jemand auf dem Höhepunkt abtreten soll. Man hört doch nicht auf, wenn man sein bestes Tennis spielt.

Themawechsel: 2014 wurden Sie in Rumänien zum Senator gewählt. Wo stehen Sie politisch?
Das ist eine schwierige Frage. Als ich ins Parlament kam, fühlte ich mich äusserst unwohl. Vom Sport her bin ich es mir gewohnt, ein klares Resultat zu haben – Sieg oder Niederlage. In der Politik dauert alles ewig. Ich habe Mühe damit, wenn die Mehrheit und die Opposition nicht einmal bei offensichtlich sinnvollen Sachen übereinstimmen. Mittlerweile verstehe ich die Prozesse ein wenig besser, aber Politik ist nicht mein Ding.

Dann treten Sie also zurück.
Nein. Aber am 16. November 2016 läuft meine Amtszeit ab. Dann ist es für mich vorbei.

Welches sind die gravierendsten Probleme Rumäniens?
Nach Ceausescus Herrschaft erzählte uns niemand die Wahrheit (Nicolae Ceausescu war von 1965 bis 1989 Diktator im sozialistischen Rumänien). Ich kenne die Wahrheit, aber die meisten Leute kennen sie nicht. Wir Rumänen leben in der Vergangenheit, statt uns auf die Zukunft zu konzentrieren. Zudem ist die Korruption ein grosses Problem. Die Gesetze bieten viele Schlupflöcher, und wegen der Korruption ist es für junge Leute schwierig, jene Stellen zu erhalten, die ihren Fähigkeiten entsprechen würden.

Sind Sie noch in den rumänischen Tennisverband involviert?
Das war ich viele Jahre, doch nun will ich mehr Zeit mit meiner Familie, mit meinen Kindern verbringen.

Berner Zeitung

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