Schwingen kann die Schweiz verbinden – Kommerz sei Dank

Die Kritik am Eidgenössischen Schwingfest ist gross, links wie rechts. Dabei war es nie näher dran ein Anlass für das ganze Land zu sein.

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Es ist «gschpässig». Das Schwingfest von Zug dürfte das grösste Schwingfest der Geschichte werden, erwartet werden 350'000 Menschen. Trotzdem kommt kaum Euphorie auf. Für die meisten Linken ist das Fest noch immer die Chilbi der Rechtsbürger­lichen, um die man selbstverständlich einen Bogen macht. Die Kritik am Kommerz von altgedienten Schwingern war in den letzten Tagen nicht zu überlesen. Und die konservative «Weltwoche» meinte, das Eidgenössische sei zu einer «dünnen Swissness-Kulisse» verkommen.

Was stimmt: Die Kommerzialisierung hat die konservative Prägung des Schwingens aufgeweicht. Wer heute das Eidgenössische besucht, wird nicht mehr stereotyp rechts verortet. Die Wende kam um 2000 herum, als das Fernsehen ausführlich zu berichten und das Schwingen zu boomen begann. Vorher war der Schwinger­verband ein Hort beinharter Traditionalisten gewesen, an den Eidgenössischen war die Wehrbereitschaft gefeiert und die zivile «Verweichlichung» verhöhnt worden. Wollte ein Schwinger mit einem Schaukampf sich etwas dazuverdienen, griffen die Obmänner rabiat durch.

Heute haben sich die Verhältnisse verkehrt. Der Verband kommt Grossunternehmen weit entgegen, lässt Studien zur Attraktivität der Bräuche erstellen und gibt in seinen Geschäftsberichten offen zu, von den Millionen der Sponsoren abhängig zu sein. Andererseits sind die Funktionäre vorsichtig geworden, was die politische Einflussnahme anbetrifft. Christoph Blochers Defizitgarantie fürs Eidgenössische in Chur 1995 würde heute wohl in aller Deutlichkeit abgelehnt.

«Der Verband soll endlich auch die Frauen mitschwingen lassen. Historisch betrachtet, spricht nichts dagegen.»

Nie war das Eidgenössische näher dran als heute, tatsächlich ein Fest für die ganze Schweiz zu sein. Das Schwingen als Spektakel jedenfalls hat das Potenzial dazu. Es ist ein Sport mit erstaunlich vielen Facetten – an sich aber unpolitisch. Jede politische Deutung der Schwünge, Griffe und Usanzen im Sägemehl ist eine reine Projektion.

Wer sich ein, zwei Feste mit dem Schwingen beschäftigt, merkt, wie gross das technische Repertoire und wie verschieden die Kämpfer sind, wie reizvoll die diversen Konstellationen der Duelle, wie raffiniert das Gegen­einanderspiel der Verbände – das Fachsimpeln kann beginnen. Und weil das Schwingfest bereits in der Herrgottsfrühe beginnt und den Tag so wunderlich in die Länge dehnt, kommt man mit den Banknachbarn ins Gespräch.

Feste hatten für die Schweiz immer eine grosse politische Bedeutung. An den Schützenfesten der 1840er-Jahre zum Beispiel zechten und debattierten jene Radikalliberale, die der modernen Schweiz zum Durchbruch verhalfen. Später waren die Feste ein wichtiger Ort, um liberale Gewinner und konservativ-katholische Verlierer des Bürgerkriegs von 1847 zu versöhnen.

«Viele Linke sollten sich von ihren alten Dünkeln verabschieden.»

Heute werden solche Orte wieder wichtiger. Die Kultur der Ich-Optimierung atomisiert die Gesellschaft, der Hickhack in den sozialen Medien verstärkt die Antipathien zwischen den politischen Lagern. Dass die Schweiz ihre Probleme nur lösen kann, wenn man miteinander ins Gespräch kommt, kompromissbereit bleibt und solidarischer wird, ist offensichtlich. Die Probleme der Altersvorsorge und des Gesundheitssystems, die Klimakrise sowieso.

Das Eidgenössische kann ein solcher Ort werden, es braucht wenig dafür. Die Schwingverbände sollten ihre rigide Tickethortung überdenken – und endlich auch die Frauen am Eidgenössischen mitschwingen lassen. Historisch betrachtet, spricht nichts dagegen. Obwohl gern als urschweizerisch beschrieben, ist das Fest – 1895 erstmals ausgetragen – eine Erfindung der Moderne und als solche leicht zu modifizieren. Früher waren etwa noch Wettheuer und Kugelstösser dabei, am Fest in Zug fehlen auch die Hornusser.

«Die Kommerzialisierung hat das Schwingfest zum Event gemacht.»

Viele Linke anderseits sollten sich von ihren alten Dünkeln verabschieden. Wandern als Hobby wurde in den urbanen Milieus ja bereits populär in den letzten Jahren – warum nicht bei einem Bergfest anhalten, sich mit dem Schwing-Abc vertraut machen? Spannender als ein souveräner Federer-Sieg ist ein guter Schwingwettkampf alleweil. Linke Politiker dürften sich zudem öfter an die Mikrofone der Feste wagen, die sie bisher Konser­vativen und Militärs überliessen.

Die Kommerzialisierung hat das Schwingfest zum Event gemacht. Nun könnte sich das Eidgenössische in ein Fest für Schweizerinnen und Schweizer aller Couleur verwandeln.

Und wenn so ungleiche Gegner wie der kleine, angriffige Joel Wicki und der grosse, schwere Christian Stucki aufeinandertreffen und sich in der Arena diese merkwürdige, durchaus leise Heiterkeit ausbreitet, die eben auch zu einem Schwingfest gehört, dann könnte das doch ein vielver­sprechender Anfang sein.

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