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Und wie verblüfft uns Van der Poel heute?

Der Niederländer Mathieu van der Poel startet erstmals an der Strassen-WM – gleich als Topfavorit.

Egal, in welcher Disziplin sich Mathieu van der Poel versucht – er gewinnt. (Bild: Luc Claessen/Getty Images)
Egal, in welcher Disziplin sich Mathieu van der Poel versucht – er gewinnt. (Bild: Luc Claessen/Getty Images)

Es ist nicht bekannt, ob Mathieu van der Poel gläubig ist. Passen würde es jedenfalls. Der Niederländer suchte sich diesen Frühling den Ostersonntag aus, den höchsten Feiertag im Kirchenjahr, um ein Stück abzuliefern, über das in der Radwelt bis heute gesprochen wird. Kommt die Rede auf den 21. April, ist das staunend-fragende Kopfschütteln meist nicht weit: Wie genau hat er das gemacht?

Van der Poel bestritt erstmals das Amstel Gold Race, das wichtigste Rennen in der Heimat. Natürlich wollte er seinen Landsleuten etwas zeigen. Früh griff er an. Zu früh, zu ungestüm. Die Attacke war bald neutralisiert, andere Fahrer kämpften an der Spitze um den Sieg in diesem Frühjahrsklassiker. Doch Van der Poel wollte nicht aufstecken. Kopf runter und vorwärts, lautete seine Devise, Grüppchen für Grüppchen von Fahrern holte er ein, bis er auf der Zielgeraden irgendwie auch noch den Anschluss an die Spitzenfahrer schaffte, völlig ausgepumpt – so schien es. Nur: Van der Poels Sprint ist auch in diesem Zustand noch mehr als konkurrenzfähig, weshalb er seinen Coup tatsächlich vollendete und als erster Niederländer nach 18 Jahren wieder das Gold Race gewann.

Es war ein Rennen wie kaum ein anderes. Nur: Van der Poels Karriere ist von solchen gesäumt. Das macht ihn zu mehr als nur einem ausserordentlichen Radtalent – es macht ihn zum Phänomen. Für ihn scheint der Wettkampf auf zwei Rädern einem Spiel gleich. Egal in welcher Disziplin er sich auch versucht, die Siege stellen sich ein.

Er dominiert die Radquerszene, von 33 Rennen gewann er vergangene Saison 31. Er fährt im Mountainbikeweltcup mit, von fünf Rennen gewinnt er heuer drei, wird einmal Zweiter.

Wenn er will, fährt er auch die Biker in Grund und Boden

Van der Poel, so scheint es, wählt seine Herausforderungen nach dem Lustprinzip. Man stellt sich vor, wie er daheim auf dem Sofa sitzt und sich überlegt, was er als Nächstes gewinnen könnte. Was fehlt einem, der Weltcup-, EM- und WM-Siegerehrungen in Serie erlebt hat? Genau: Olympiagold. Diese Lücke in seinem Palmarès will er 2020 schliessen, in Tokio Olympiasieger auf dem Mountainbike werden. Nicht nur, weil ihm das Biken Spass macht, sondern auch, weil er sich hier bessere Goldchancen ausrechnet als im höhenmeterreichen Strassenrennen.

Natürlich wurde Van der Poel erst belächelt, als er mit diesem grossen Ziel in der Bike-Szene auftauchte. Spätestens dieses Jahr ist der Konkurrenz das Lächeln aber vergangen. Wenn es Van der Poel läuft, fährt er auch die Biker in Grund und Boden, Dominator Nino Schurter inklusive.

Der Bündner ist trotz mehrerer bitterer Niederlagen im Weltcup ein Profiteur von Van der Poels Vielseitigkeit. Der Niederländer entschied sich, die Saisonhöhepunkte der Biker auszulassen und sich auf die Strassen-WM zu konzentrieren. Schurter gewann ohne den härtesten Konkurrenten die WM und den Gesamtweltcup.

Das Regenbogentrikot der Biker hat sich Van der Poel dann für nächstes Jahr vorgenommen. Das Regenbogentrikot, dieses exklusivste aller Radtrikots, interessiert ihn nämlich sehr wohl. Darum startet er in Yorkshire, auf dieser WM-Strecke, die einem Frühjahrsklassiker gleicht und ihm entsprechend liegen sollte.

Erfüllt Van der Poel die grosse Hoffnung, welche die Radnation Niederlande in ihn hat, könnte auch der heutige Sonntag zum Feiertag werden. Seit 34 Jahren wartet man auf einen Weltmeister. Mit einem Sieg von Mathieu van der Poel schlösse sich ein Kreis: Als Joop Zoetemelk 1985 den Titel gewann, war ebenfalls ein Van der Poel dabei: Vater Adrie war Teamkollege des Siegers.

Bleibt ein Problem: Strassen-Weltmeisterschaften meinen es nur selten gut mit Favoriten. Das liegt daran, dass der Parcours nicht ausgetestet ist wie bei Klassikern, wo jeder weiss, welches die besten Stellen zur Attacke sind. Und dass die Fahrer nicht mit ihren gewohnten Teamkollegen unterwegs sind, sondern mit ihren Landsmännern.

Mit seiner Vielseitigkeit findet er immer einen Weg zum Sieg

Van der Poel hat dafür nur ein Schulterzucken übrig. Er muss nicht auf eine bestimmte Rennkonstellation hoffen –seine Vielseitigkeit gibt ihm in fast jedem Szenario eine Siegchance. Er kann den Gegnern dank seiner Rohkraft davonfahren. Er kann sie in einer technischen Abfahrt distanzieren, weil für ihn das mehr Spiel als Ernst ist. Und er kann sie im Endspurt bezwingen, weil kaum ein anderer so lange beschleunigen kann wie er.

All das weiss die Konkurrenz. Fragt sich nur, ob ihnen das etwas nützen wird.

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