Zum Hauptinhalt springen

Sein Triumph hat einen Nachgeschmack

Alejandro Valverde ist zweitältester Strassen-Weltmeister der Geschichte. Das gönnen ihm nach sechs WM-Medaillen alle. Ein Makel bleibt beim Spanier aber immer.

Im zwölften Anlauf zum WM-Titel: Alejandro Valverdes krönender Sprint beim Strassenrennen in Innsbruck.
Im zwölften Anlauf zum WM-Titel: Alejandro Valverdes krönender Sprint beim Strassenrennen in Innsbruck.
Christian Bruna

Im Ziel herrscht eine Stimmung, als hätten sie auf der Grossleinwand soeben «Titanic» vorgeführt. Oder war es ein Sissi-Film? Jedenfalls flennen auch Männer hemmungslos. Keiner mehr als dieser 38-Jährige mit dem schütteren Haar. Alejandro Valverde heisst er und ist soeben Strassenweltmeister geworden – nur der Holländer Joop Zoetemelk war 1985 noch vier Monate älter. Die anderen Weinenden sind grösstenteils spanische Landsleute und ebenso bewegt.

Die Geschichte ist auch kitschig. Innsbruck ist Valverdes 12. WM, sechsmal schon gewann er Silber oder Bronze, hat die Siegerehrung auf dem Podest miterlebt und zusehen müssen, wie wieder ein anderer das Regen­bogentrikot überstreifen durfte.

Nicht dieses Mal. Nun gehört die Ehre ihm, und die Zeremonie erhält einen kitschigen Dreh, als Peter Sagan seinem Nachfolger Gold umhängt. Er habe sich ihn als Weltmeister gewünscht, teilt der Slowake Valverde mit.

Valverde fährt immer auf Sieg, das wird geschätzt

So geht es vielen Rennfahrern, Valverde ist im Feld beliebt und angesehen. Das liegt an seiner ehrlichen Fahrweise und der Tatsache, dass er das ganze Jahr über Rennen fährt, um sie zu gewinnen, und sie nicht als Training ansieht wie viele andere Fahrer mit grossen Zielen.

2018 ist da keine Ausnahme. Valverde gewann im Februar, im März, im Juni und zuletzt im September an der Vuelta. Und nun der Sieg im Endspurt eines WM-Rennens, das sich so spektakulär entfaltet wie erhofft. Auf den letzten 50 Kilometern bedeutet die kleinste Schwächephase das Ende, viele der im Vorfeld genannten Favoriten kriegen das zu spüren. Sie rutschen ganz unspektakulär hinten aus dem Feld, mürbe gefahren von einem unablässigen Strom von Angriffen und Tempoverschärfungen an dessen Spitze.

Dabei tun sich vor allem die Italiener und Holländer hervor, bei denen jedes Teammitglied fähig ist, so zu beschleunigen, dass es allen nachfolgenden Konkurrenten so richtig wehtut.

Duell der Engelchen und Teufelchen um WM-Gold

Diese unablässige Angreiferei sorgt auch dafür, dass keinem Angreifer wirklich Platz gelassen wird. Und so muss dieses Rennen in der Höttinger Höll explodieren, die ihre Rolle als Spektakelmacherin dieser WM vortrefflich spielt. Die Höll schafft es, dass Fahrer von beiden Enden des Spektrums diesen WM-Titel unter sich ausmachen: Engelchen und Teufelchen, mit gutem und mit schlechtem Leumund.

Zur unbescholtenen Kategorie zählen Michael Woods, der einstige Mittelstreckler aus Kanada, ein Meister der ganz steilen Rampen; Romain Bardet, den nicht nur die Franzosen als Gesicht des glaubwürdigen Radsports feiern; und Tom Dumoulin, der sich nicht scheut, sich kritisch zu undurchsichtigen Manövern der Konkurrenz zu äussern. In der anderen Ecke fahren Gianni Moscon, die italienische Hoffnung, die schon mehrfach negativ aufgefallen ist: mit rassistischen Beschimpfungen, rücksichtsloser Fahrweise und einem Faustschlag. Und Valverde, natürlich. Sosehr er ein grosser Fahrer ist, er war auch wegen seiner Zusammenarbeit mit dem Dopingarzt Eufemiano Fuentes 2010/11 fast zwei Jahre gesperrt.

Er verlor während der Auszeit nichts von seinen herausragenden Fähigkeiten: Kein Radprofi hat eine ähnliche Kombi­nation von Kletter- und Sprint­fähigkeit – in kurzen, steilen Zielankünften ist Valverde deshalb praktisch unschlagbar. Ausser an Weltmeisterschaften – bis gestern. Wohl muss er den Endspurt aus der ersten Position lancieren, aber dass er diesen gewinnt, ist fast Formsache. Bardet bleibt Silber, Woods Bronze – seine Beine verkrampfen, als er Valverde noch abfangen will.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch