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Radprofis in arabischen Hotelzimmern gefangen

Fahrer von vier Teams dürfen in Abu Dhabi wegen des Coronavirus ihre Zimmer 16 Tage nicht mehr verlassen. Einer verpasste so die Geburt seiner Tochter.

Hier sind die Radprofis noch gefahren, jetzt sitzen sie im Hotelzimmer fest. (Bild: Keystone)
Hier sind die Radprofis noch gefahren, jetzt sitzen sie im Hotelzimmer fest. (Bild: Keystone)

Wer nichts von Diego Ulissis Schlamassel weiss, könnte es für eine normale Nachricht eines stolzen Jungvaters halten: Das Bild, das der italienische Radprofi auf Instagram publiziert hat, zeigt seine Frau zusammen mit der neugeborenen Tochter Anna. Doch dass da der Vater im Bild fehlt, ist kein Zufall: Der weilt seit rund zwei Wochen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Erst bestritt er dort die UAE-Tour, seit Donnerstag voriger Woche jedoch sitzt er nur mehr auf dem Hotelzimmer und darf dieses nicht mehr verlassen: Zuerst zwei und zuletzt weitere sechs Fälle des Corona-Virus im Radtross haben die Rennveranstalter respektive die Behörden zu diesem Schritt veranlasst.

Für 16 der 20 Teams an der UAE-Tour, ebenso für den ganzen Begleittross (Organisation, Medien) – total rund 600 Personen –, wurde die Quarantäne am Sonntag, nach vier Tagen, aufgehoben. Alle waren negativ auf Covid-19 getestet worden. Nicht aber für die Teams Cofidis, Groupama-FDJ sowie Gazprom-RusVelo, die die positiven Fälle betrafen, respektive bei denen einzelne Teammitglieder Erkältungssymptome gezeigt hatten. Sie alle harren weiterhin in ihren Zimmern im vierten Stock des Crowne Plaza in Abu Dhabi aus. Besonders bitter in Ulissis Fall: Sein Team UAE-Emirates hätte ebenfalls abreisen dürfen, entschied sich aber wegen seiner (finanziellen) Verbindung zu den Emiraten zum Verbleib.

Keinen Zugang zu den Velos

Mathilde L’Azou, als Fotografin des Teams Cofidis in den Emiraten, versucht die Geschichte humorvoll zu nehmen - indem sie sich in einer anderen Sportart versucht:

In einer ersten Phase half auch den Fahrern Humor gegen den Frust über die verordnete Zimmerruhe, wie etwa das Video des Australiers Nathan Haas zeigt, Fahrer im französischen Cofidis-Team:

Doch je länger die Quarantäne anhält, desto mehr sinkt die Moral. Am Dienstag schreibt er: «Ich war jetzt mehr Tage im Hotel eingeschlossen als dass ich hier Rennen gefahren bin. Tolles Formaufbaurennen, diese UAE-Tour.» Und am Mittwoch: «Ich werde wohl meinen Geburtstag hier verbringen. Dann wünsche ich mir einfach einen Kuchen in Form des Corona-Virus’.»

So ein Kuchen wäre eine schöne Steigerung bezüglich der Verpflegung: Die Mitglieder der vier Teams erhalten täglich einen Lunchsack mit Esswaren geliefert, mehr nicht. Ansonsten sind sie zum Nichtstun verurteilt. Denn: Zwar hätten sie Trainingsrollen zur Verfügung gestellt erhalten. Nur: Ihre Velos, die sie fürs Training bräuchten, stehen im Kellergeschoss des Hotels, wo man laut FDJ-Fahrer Arnaud Démare niemanden hinlässt.

Zumindest kann man Démare und Zimmerkollege Ramon Sinkeldam nicht vorwerfen, sie seien nicht kreativ, wie man sich im Hotelzimmer aktiv betätigen kann:

Nur: Die Zeit bis zu Démares erstem Saisonhöhepunkt wird auch so kürzer. «17 Tage bis Sanremo», schrieb der Sieger von 2016 unter das Video.

«Keiner unserer Fahrer wurde positiv getestet»

Am Mittwoch dreht die Stimmung dann endgültig. Am Dienstag hatte das Gesundheitsministerium der Emirate vier weitere positive Fälle bekannt gegeben. Dabei handelt es sich um zwei Russen, zwei Italiener, einen Deutschen und einen Kolumbianer. Am Mittwoch ist es dann UCI-Präsident David Lappartient, der den Fahrern die niederschlagende Nachricht kommuniziert: Sie müssen, obwohl sie das Gros von ihnen nun schon zwei Mal negativ auf Covid-19 getestet wurde, bis zum 14. März in Quarantäne verbleiben, total also 16 Tage. «Keiner unserer Fahrer wurde positiv getestet. (...) Wir kommentieren diesen Entscheid nicht», so Groupama-FDJ in seinem offiziellen Statement.

Ein weiterer pikanter Aspekt dieser Quarantäne-Geschichte: Die UAE-Tour wird von RCS organisiert, dem grossen italienischen Rennorganisator. Dieser erklärte am Montag, die Strade Bianche (am Samstag/7. März), die Rundfahrt Tirreno-Adriatico (ab 11. März) sowie Mailand-Sanremo (21. März) würden wie geplant stattfinden.

Am Dienstag erklärte das US-Team EF Pro Cycling, man habe bei der UCI eine Dispens für die italienischen Worldtour-Rennen beantragt – Worldtour-Teams sind bei Rennen dieser Stufe zum Start verpflichtet, ansonsten werden sie gebüsst.

«Das ist keine Panikreaktion. Es geht darum, die nationalen medizinischen Vorkehrungen für eine langsame Verbreitung des Viruses zu unterstützen. Wir haben keine Angst. Sondern sind verantwortungsvoll», schreibt Teamchef Jonathan Vaughters auf Twitter.

Ähnlich hält es das Worldtour-Team Israel Start-Up Nation, das aus der Fusion zwischen der Israel Cycling Academy und Katjuscha herausgegangen ist. Laut “Het Nieuwsblad” kann jedes Teammitglied bis Mittwochabend selber entscheiden, ob es zu den Rennen nach Italien reisen will.

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