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«Luke, verteidige mich nicht länger»

Im zweiten Teil des exklusiven Interviews mit der US-Talkmasterin Oprah Winfrey erzählte der Ex-Radprofi Lance Armstrong den Tränen nahe, wie er seinen 13-jährigen Sohn enttäuschte.

«Ich entschuldige mich bei allen»: Lance Armstrong. (18. Januar 2013)
«Ich entschuldige mich bei allen»: Lance Armstrong. (18. Januar 2013)
Keystone
90-minütiges Interview: Lance Armstrong steht der US-Talkmasterin Oprah Winfrey exklusiv Red und Antwort. (17. Januar 2013)
90-minütiges Interview: Lance Armstrong steht der US-Talkmasterin Oprah Winfrey exklusiv Red und Antwort. (17. Januar 2013)
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FILE - In this Aug. 24, 2009 file photo, Lance Armstrong speaks at the opening session of the Livestrong Global Cancer Summit in Dublin, Ireland. Armstrong apologized to the staff at his Livestrong cancer foundation before heading to an interview with Oprah Winfrey, a person with direct knowledge of the meeting told The Associated Press. The person spoke on condition of anonymity because the discussion was private. (AP Photo/Peter Morrison, File)
FILE - In this Aug. 24, 2009 file photo, Lance Armstrong speaks at the opening session of the Livestrong Global Cancer Summit in Dublin, Ireland. Armstrong apologized to the staff at his Livestrong cancer foundation before heading to an interview with Oprah Winfrey, a person with direct knowledge of the meeting told The Associated Press. The person spoke on condition of anonymity because the discussion was private. (AP Photo/Peter Morrison, File)
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Den Auftakt seiner Doping-Beichte meisterte Lance Armstrong noch mit bemerkenswert unzerknirschter Selbstbeherrschung. Als Talkmasterin Oprah Winfrey jedoch auf die Erlebnisse seiner Familie zu Sprechen kam, überwältigten den gefallenen Radstar die Emotionen.

«Ich beobachtete, wie mein Sohn Luke mich verteidigte und sagte: ‹Das stimmt nicht. Was ihr über meinen Vater sagt, ist nicht wahr›», berichtete Armstrong im zweiten Interviewteil mit Blick auf die Dopingvorwürfe gegen ihn, die er jahrelang wider besseren Wissens zurückgewiesen hatte. «Das war der Zeitpunkt, als ich wusste, dass ich es ihm (Luke) sagen muss», erklärte er. Der 13-jährige Luke ist der älteste seiner fünf Kinder.

Armstrong den Tränen nahe

«Was haben Sie ihm gesagt?», hakte Winfrey nach. Armstrong antwortete: «Ich habe ihm gesagt: ‹Hör zu, über deinen Vater hat es viele Fragen gegeben. Über meine Karriere. Ob ich gedopt habe oder nicht. Ich habe das immer rabiat und trotzig zurückgewiesen. Das habt ihr Jungs gesehen. Deswegen habt ihr mir vermutlich vertraut.›» Dann folgte eine lange Pause. «Ich sagte: ‹Verteidigte mich nicht länger. Tu es nicht›», erklärte ein den Tränen naher Armstrong stockend.

Zuvor hatte Armstrong über seinen erzwungenen Rückzug aus der von ihm gegründeten Krebsstiftung Livestrong gesprochen. In dem ganzen Skandal sei der Abschied von seiner Organisation für ihn der demütigendste Moment gewesen, sagte Armstrong in dem vergangene Nacht ausgestrahlten Interview.

«Es tat weh wie die Hölle»

Livestrong «war wie mein sechstes Kind. Und die Entscheidung zu treffen, sich zurückzuziehen, war eine grosse Sache», sagte er weiter. «Es war das Beste für die Stiftung, aber es tat weh wie die Hölle.»

Ob er sich entehrt fühle, fragte ihn Talkmasterin Oprah Winfrey. «Natürlich. Ich fühle mich gedemütigt. Ich schäme mich», antwortete Armstrong. Im ersten Teil des Gesprächs hatte der 41-Jährige nach jahrelangen Dementis gestanden, zu leistungssteigernden Substanzen gegriffen zu haben.

«Ich entschuldige mich bei allen»

Lance Armstrong will zurück in den Radrennsport. Aber das sei nicht der Hauptgrund für dieses Interview mit der US-Talkmasterin Oprah Winfrey gewesen. Sondern: «Ich verstehe den Ärger von all denen, die an mich geglaubt haben. Ich entschuldige mich bei allen.»

«Hat jemand vom Lügengebilde und dem Doping gewusst?» fragte ihn Oprah Winfrey. Armstrong: «Wenn jemand davon gewusst hat, dann meine Ex-Frau Kristine. Aber sie wusste natürlich nicht die ganze Wahrheit.»

Lance Armstrong, der ohne seinen leiblichen Vater aufwuchs, hat eine enge Bindung zu seiner Mutter. «Sie ist eine sehr starke Frau, aber diese Geschichte machte sie zum Wrack.»

Der ganze Dopingskandal hatte auch finanzielle Auswirkungen auf Lance Armstrong: «Ich habe mit einem Schlag alle meine künftigen Einnahmen verloren. Das waren um die 75 Millionen Dollar.»

Und die Moral von der Geschichte?

«Sind Sie heute ein besserer Mensch?» fragte Oprah. «Ohne Zweifel. Nach der Krebsdiagnose wurde ich reifer. Und jetzt sollte ich wieder einen Schritt vorwärts machen können», antwortete Lance Armstrong. Es werde die grösste Herausforderung seines Lebens sein, nicht wieder vom richtigen Weg abzukommen. «Was ich getan habe, tut mir sehr leid!»

Man solle nicht betrügen und nicht lügen, das lehre er auch seinen Kindern, sagte Armstrong. «Das ist wohl auch die Moral von meiner Geschichte.» Oprah Winfrey bedankte sich bei Lance Armstrong für das Gespräch und gab ihm noch mit auf den Weg: «Die Wahrheit wird Sie befreien.»

Grosse Beichte im ersten Teil des Interviews

Im ersten Teil des Interviews in der Nacht auf Freitag kam die grosse Beichte: Lance Armstrong hat gedopt. Nach all den Jahren der Dementis und Rechtsstreitigkeiten bekannte die frühere Radsportlegende endlich Farbe. In dem vergangene Nacht ausgestrahlten TV-Interview kam US-Talkmasterin Oprah Winfrey in ihren Fragen gleich zum Punkt, Armstrong antwortete ohne Umschweife und machte dabei keinen sonderlich zerknirschten Eindruck. Ja, er habe illegale leistungssteigernde Substanzen wie EPO, Testosteron, Kortison und Bluttransfusionen eingenommen.

«Das war ein grosser Fehler», räumte Armstrong ein. «Es geht um einen Typen, der erwartete, alles zu bekommen, was er wollte, und jedes Ergebnis kontrollieren zu können», sagte er über sich. «Das ist unverzeihlich. Und wenn es Leute gibt, die das hören und mir nie vergeben werden, verstehe ich das.»

Lügengebäude aufgebaut

Ein Rückblick: Jahrelang hatte Armstrong auf immer wiederkehrende Anschuldigungen gebetsmühlenartig mit seinem Standardsatz geantwortet, dass er mehr als 500-mal kontrolliert worden und nicht eine positive Probe dabei gewesen sei. Teamkollegen, die seine Methoden und Taktiken infrage stellten, wurden vom damaligen Radstar kaltgestellt. Um sein Lügengebäude aufrechtzuerhalten, scheute der Modellathlet keinerlei Mühen und lieferte sich erbitterte Rechtsstreitigkeiten.

Im Februar 2012 schien er seinen Kopf endgültig aus der Schlinge gezogen zu haben, als die staatsanwaltschaftliche Untersuchung in den USA eingestellt wurde. Doch die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) gab nicht auf und brachte die Ermittlungen schliesslich zu einer Anklage gegen Armstrong mit dem Ergebnis einer lebenslangen Sperre. Der Weltverband UCI bestätigte das Urteil, mit dem ihm alle nach dem 1. August 1998 errungenen Erfolge aberkannt wurden, darunter seine sieben Tour-de-France-Titel (1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005).

Welt-Anti-Doping-Agentur fordert zu Geständnis auf

Vor der am Montag aufgezeichneten Sendung hatte der Ex-Radprofi eine emotionale Entschuldigung an die Mitarbeiter der von ihm gegründeten Krebsstiftung gerichtet. Wegen seiner Dopingvergangenheit muss Armstrong zudem seine Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney zurückgeben.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) forderte Armstrong derweil zu einem umfassenden Geständnis unter Eid auf. Lediglich die Offenlegung aller Details seiner Dopingaktivitäten vor den zuständigen Anti-Doping-Behörden könne zu einer Überprüfung der lebenslangen Sperre des US-Amerikaners führen, hiess es.

Der internationale Radverband UCI hatte im Oktober alle Armstrong-Ergebnisse von August 1998 an gestrichen und ihn lebenslang gesperrt. Dem Texaner drohen nun Schadensersatzklagen und wegen Meineids sogar eine Gefängnisstrafe.

dapd/sda/chk

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