Der nächste Schritt für den Radkontinent Afrika

An der Tour de Romandie tritt erstmals auf höchster Stufe ein Team mit 8 Fahrern vom afrikanischen Kontinent an.

Letzte Vorbereitungen vor der Etappe: ein Fahrer der afrikanischen Mannschaft Dimension Data.

Letzte Vorbereitungen vor der Etappe: ein Fahrer der afrikanischen Mannschaft Dimension Data.

(Bild: Keystone)

Emil Bischofberger@bischofberger

Merhawi Kudus wird noch seinen Enkeln davon erzählen. Nun lächelt der eritreische Radprofi mit dem schmächtigen Körperchen, das ihn als Bergspezialisten ausweist. Der 23-jährige Kudus wird seinen Nachkommen von dieser Woche in der Romandie erzählen, als er zusammen mit drei Landsmännern, zwei Südafrikanern und je einem Algerier und einem Ruander die Tour de Romandie bestritt. Erstmals startete diese Woche eine Mannschaft an einem World-Tour-Rennen, deren Mitglieder alle Afrikaner waren. Kudus lächelt scheu, auf seinen Pionierstatus angesprochen. Er fährt bereits das vierte Jahr für Dimension Data, das in Südafrika domizilierte Profiteam.

Was einst Kudus’ stärkste Erinnerung sein wird, wenn er an die geschichtsträchtige Woche denken wird, ist ebenfalls klar: an das Gefühl vom Donnerstag, als er durch Schnee und Regen fuhr und fror wie noch nie zuvor. Auf den letzten zehn Kilometern schüttelte es ihn unkontrolliert durch, «ich hatte Angst, dass ich stürzen würde». So weit kam es nicht, er verlor nur etwas Zeit. «Das Wetter war definitiv nicht für uns Afrikaner», sagt er.

Die Heimat sehen sie während der Saison nicht, leben in Lucca

Kudus ist eine der Hoffnungen bei Dimension Data, das mittlerweile die fünfte Saison auf oberster Stufe bestreitet. Schon im ersten Jahr gewann das Team grosse Rennen, Mailand–Sanremo, bei zwei Teilnahmen an der Tour de France erzielte es 6 Etappensiege. Allerdings waren es gestandene Europäer, die für diese Siege sorgten. Der nächste Schritt nach einem rein afrikanischen Team auf höchstem Niveau wäre nun ein Sieg in einem grossen Rennen.

Natnael Berhane, ebenfalls Eritreer, glaubt, dass es nicht mehr weit ist bis zur Premiere. Wird sie gar ihm gelingen? Der 26-Jährige hat sich jedenfalls am Giro d’Italia eine Etappe vorgemerkt. Welche, behält er für sich. Berhane gewann 2013 als erster Schwarzafrikaner ein Rennen in Europa, eine Bergankunft und die Gesamtwertung der Türkei-Rundfahrt.

«Stolz», ist das erste Wort, das ihm einfällt für diese Afrikapremiere in der Westschweiz. «Ich fühle mich frei in diesem Team. Die meisten von uns kennen sich schon ewig, sprechen dieselbe Sprache. Durch das Zusammensein steigt auch das Selbstbewusstsein.»

Während der Saison lebt das Gros der Afrikaner von Dimension Data in Lucca in der Toskana. An den Rennen werden sie meist durch Europäer, Australier und Nordamerikaner ergänzt, welche einen klaren Auftrag haben: Neben der Leistung an sich sollen sie den Afrikanern auch mit Rat zur Seite stehen. Denn diese bringen zwar alle die physischen Voraussetzungen mit, um im Profipeloton mitzuhalten. Aber selten die technischen Fähigkeiten. In ihrer Heimat werden die Rennen mit viel weniger Teilnehmern und auf schlechteren Strassen ausgetragen, weshalb sich diese meist zu wenig taktischen Ausscheidungsrennen entwickeln. Entsprechend gross ist die Herausforderung für die Fahrer, wenn sie sich dann plötzlich in einem Peloton von 150 bis 200 Fahrern bewegen müssen.

Fünf der acht Afrikaner wurden in Aigle ausgebildet

Ganz ohne Übung treten aber die wenigsten von ihnen zu den grossen Rennen an. Dimension Data bedient sich regelmässig beim Centre Mondial du Cyclisme, das der Weltverband UCI in Aigle betreibt. Dort werden Talente aus strukturschwachen Nationen ausgebildet. Von den Romandie-Fahrern verbrachten fünf der acht Dimension-Data-Athleten Zeit in Aigle. Wie übrigens auch der bekannteste Name im Peloton: der dreifache Tour-Sieger Chris Froome. Das Konzept funktioniert, insgesamt fahren in der Westschweiz elf dort ausgebildete Radprofis mit.

«Im Rennen haben sie oft noch einen falschen Respekt», sagt Alex Sans Vega, einer der Sportlichen Leiter des Teams. «Dazu fehlt es ihnen oft auch am taktischen Gefühl fürs Rennen.» Dieses kommt mit der Routine, die Afrikaner sind also Lernende auf höchstem Niveau. Dass sie das Gelernte nun erstmals in der Romandie gemeinsam anwenden, ist allerdings ein Zufall. «Oft ist die Auswahl an Fahrern für solche Rennen gar nicht so gross. Der eine ist nicht in Form, der andere verletzt», sagt Sans Vega. Das wird deutlich beim Blick auf das 28-köpfige Kader: 13 Fahrer stammen aus Afrika, sieben davon aus Südafrika. Insofern ist das Romandie-Team wirklich eine sehr breite Afrika-Auswahl.

In der Heimat werden die afrikanischen Profis verehrt. Das ist auch in Europa zu spüren, besonders Fans aus der eritreischen Diaspora sind an fast jedem Radrennen anzutreffen, ihre Landsleute feiernd. Wobei diese Situationen leicht paradox sind. Hier sind die Flüchtlinge, die die radfahrenden Landsleute feiern, aber nicht mehr in die Heimat zurückkehren können. Da die Radprofis, welche mit dem nahezu totalitären Regime kooperieren, welches seinerseits vom Ruhm der Fahrer profitiert, wenn diese die Heimat besuchen und sich dort wie Superstars feiern lassen.

Diesen Status hat Adrien Niyonshuti in der Heimat ebenfalls. Und man wagt sich gar nicht vorzustellen, in welche Sphären er aufsteigen würde, sollte er ein Aufgebot für den Giro d’Italia erhalten. Als erster Ruander überhaupt in dem veloverrückten Land – die Tour of Rwanda ist eines der grössten Rennen des Kontinents. «Hoffentlich klappt es dieses Jahr mit einer ersten Grand Tour. Das würde vielen Fahrern nach mir Türen öffnen», sagt er.

baz.ch/Newsnet

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