Geldprämien für die tollkühnsten Radprofis

Eine neue Wertung belohnt am Giro d’Italia die rasantesten Abfahrten. Die Fahrer reagieren empört – und denken an ihre toten Kollegen.

Enger, schneller – und in Zukunft reicher: Der Giro belohnt die besten Abfahrer.

Enger, schneller – und in Zukunft reicher: Der Giro belohnt die besten Abfahrer.

(Bild: AFP)

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Den Kopf tief über den Lenker gebeugt, den Hintern hoch über dem Sattel und 100 km/h auf dem Tacho. Wagemutig talwärts – oder je nach Definition: halsbrecherisch. Wenn Fahrer sich auf dünnen Reifen und brüchigem Asphalt den Berg hinunterstürzen, vorbei an Begleitautos und TV-Kameras, fährt immer auch die Lebensgefahr mit.

Mindestens fünf Radprofis sind in den vergangenen 30 Jahren auf Abfahrten ums Leben gekommen, zuletzt am vergangenen Freitag der junge Amerikaner Chad Young auf einer Rundfahrt im Südwesten der USA. Besonders aufsehenerregende Todesstürze waren jene von Fabio Casartelli und Wouter Weylandt. Der Italiener Casartelli, 1992 Olympiasieger, stürzte 1995 auf der Abfahrt einer Tour-de-France-Etappe in den Pyrenäen und verletzte sich tödlich. Der Belgier Weylandt kam im Giro d’Italia vor sechs Jahren nach einer Unaufmerksamkeit ums Leben.

Gefährliches Spektakel: Die Top 10 der Abfahrten. (Video: Youtube/CyclingHub JesperAnker)

Nun ist es ausgerechnet die Italienrundfahrt, die eine spektakuläre, aber höchst umstrittene Wertung einführt: die des besten Abfahrers. Wenn am Freitag auf Sardinien die 100. Ausgabe des Giro d’Italia startet, werden an insgesamt zehn Bergen Punkte verteilt – und Prämien ausgeschüttet. 500 Euro für den Tagesschnellsten, 5000 Euro für jenen Fahrer, der am Ende der Rundfahrt die meisten Punkte eingefahren hat. Den Auftakt macht auf der 8. Etappe die rund 17 Kilometer lange Abfahrt vom Monte Sant’Angelo. Gesponsert wird der Preis vom Reifenhersteller Pirelli.

Diese Abfahrerwertung stösst rundherum auf Kritik. Michael Carcaise, Chef der nordamerikanischen Fahrergewerkschaft ANAPRC, nannte sie «gefährlich und verantwortungslos». Seine Begründung: «Eine Abfahrt gehört zum Rennen. Wird sie als isolierte Wertung eingeführt, erhöht sie das Risiko um des Risikos willen.»

Der belgische Trek-Segafredo-Fahrer Jasper Stuyven schrieb auf Twitter: «Ernsthaft? Gibt es nicht schon genug Unfälle? Es war ja klar, dass nur das Spektakel zählt.» Sein holländischer Teamkollege Koen De Kort schrieb: «Das muss ein Scherz sein, auch wenn ich damit endlich etwas beim Giro gewinnen könnte. Das Problem: Man muss in Abfahrten überholen. Es ist lächerlich.»

Die beiden Einträge, am Montag und damit gerade einmal vier Tage vor dem Giro-Start abgesetzt, lassen aufhorchen: Die Fahrer wurden von der Einführung der neuen Wertung ganz offensichtlich überrascht. Der Deutsche Marcus Burghardt schrieb: «Vor nicht langer Zeit haben wir unseren Freund Wouter Weylandt auf diese Weise verloren. Soll das erneut passieren? Nein!» In einer Abstimmung des einflussreichen Fachportals «cyclingnews.com» sprachen sich fast 70 Prozent der User gegen die Wertung aus.

Inzwischen teilt auch der Weltverband UCI die Bedenken. Wie «cyclingtips.com» berichtet, habe UCI-Präsident Brian Cookson am Mittwochmorgen telefonisch bei der Giro-Organisation interveniert und gebeten, die Regel ausser Kraft zu setzen. Ob diese dem Wunsch tatsächlich nachkommen wird, ist offen.

Es gibt aber auch Stimmen, die sie befürworten – vor allem von Fans, die sich tatsächlich noch mehr Spektakel erhoffen. In der Kommentarspalte auf «cyclingnews.com» schreibt einer: «Eine grossartige Idee. Und an all jene, die eine Belohnung für schnelle Abfahrten für zu gefährlich halten: Was ist denn mit Sprints? Da werden ebenfalls Bonifikationen verteilt.» Ein anderer meint: «Es wird ja keinem eine Pistole an den Kopf gehalten und befohlen, bei der Abfahrt mitzumachen.»

Das Problem: An der Spitze eines Rennens befinden sich längst nicht immer die besten Abfahrer. Und wenn, dann nicht ausschliesslich. In der 16. Etappe etwa wird die Zeit bei der Abfahrt vom Stilfser Joch genommen, dem Dach des diesjährigen Giro, kurz darauf erfolgt der Aufstieg zum Umbrailpass in der Schweiz. Kurz: Es werden nicht die Abfahrer zuvorderst fahren, sondern die Kletterer. Deren Qualitäten in der Abfahrt unterscheiden sich aber klar.

Gedenkstätte: Fahrer besuchen das Denkmal für den 1995 verstorbenen Fabio Casartelli. Bild: Keystone

Und die zynische Note: Ausgerechnet auf der 16. Etappe wurde der Aufstieg zum Mortirolo-Pass in «Salita Scarponi» umbenannt – zu Ehren des kürzlich verstorbenen italienischen Radprofis Michele Scarponi. Der 37-Jährige war vor wenigen Wochen auf einer Trainingsfahrt nach einer Kollision mit einem Kleintransporter gestorben.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt