Nike im Schatten des teuflischen Alchemisten

Beim Sportartikel-Giganten folgt ein Skandal auf den nächsten. Das hat vor allem mit Alberto Salazar zu tun.

Alberto Salazar auch als Trainer alles für Medaillen und Rekorde.

Alberto Salazar auch als Trainer alles für Medaillen und Rekorde.

(Bild: Keystone)

Tobias Müller

Für die Läuferin Mary Cain war Trainer Alberto Salazar im April noch ein Gott, ein Heiliger in Trainingsanzug und Turnschuhen. Ein halbes Jahr später ist er für sie der Teufel, das personifizierte Übel. Sie sagt: «Ich wurde von einem System emotional und körperlich missbraucht, das Alberto entworfen und Nike unterstützt hat.» Mit diesen Worten ging die 23-jährige Profiläuferin Anfang November in einem Video der «New York Times» an die Öffentlichkeit. Es war die nächste Skandalmeldung für den Sportartikel-Giganten innerhalb weniger Wochen.

Bevor die Leichtathletik-WM in der Wüste Dohas im Oktober begann, wurde der Startrainer Alberto Salazar von der Antidoping-Agentur Wada für vier Jahre gesperrt. Salazar war der Kopf des «Nike Oregon Project», das 2001 gegründet wurde und zum Ziel hatte, die stolze Laufnation Amerika wieder an die Spitze der Langdistanzen zu führen. Und wer wäre da als Coach nicht besser geeignet gewesen als Alberto Salazar?

Es gibt Menschen, für die Erfolg und Anerkennung wichtiger sind als die Gesundheit. 

Der Amerikaner war in den 80er-Jahren der beste Marathonläufer der Welt. Auf dem hügeligen Kurs von New York lief er Weltrekord. Er siegte in Boston, nachdem er bei brütender Hitze nur zwei Becher Wasser getrunken hatte. Im Ziel mussten ihn die Sanitäter abführen und sechs Liter Salzlösung in den ohnmächtigen Körper des Läufers pumpen. Salazar machte alles für den Erfolg, er rannte 300 Kilometer in der Woche, während sein Vater ihm bei Trainingsläufen aus dem Auto zuschrie: «Ein Salazar gibt niemals auf!» Also rannte Salazar, immer weiter, bis sein Herz nicht mehr konnte, seine Knochen den Belastungen nicht mehr standhielten. Es gibt Menschen, für die Erfolg und Anerkennung wichtiger sind als die Gesundheit.

Wie damals als Läufer investierte Salazar auch als Trainer alles für Medaillen und Rekorde. Er liess seine Athleten in Höhenzelten schlafen und auf Unterwasser-Laufbändern rennen, während Nike jedes Jahr Millionen in das Projekt pumpte und keine Fragen stellte. Doch bei ausgeklügelten Trainingsmethoden blieb es nicht. 2015 packten ehemalige Athleten des «Oregon Project» zum ersten Mal aus, erzählten von skurrilen Praktiken, von Medikamenten zur Gewichtsreduktion, zur Steigerung der Testosteronwerte. Salazar soll den Keller bei sich zu Hause mit Pillen und Pülverchen vollgestopft gehabt haben. Journalisten und Experten bezeichneten ihn als Doping-Alchemisten. In den letzten Jahren sammelte die Wada Beweise um Beweise, im Oktober wurde Salazar gesperrt. Doch mit einer einfachen Sperre ist das Problem bei Nike noch lange nicht gelöst.

Salazar wog Cain und andere Athletinnen in der Öffentlichkeit und demütigte sie, wenn sie ihr Idealgewicht nicht erreicht hatten.

Das zeigt nun der Fall Mary Cain. Die Amerikanerin galt lange als das grösste Lauftalent des Landes. Als Jugendliche war sie die beste Athletin in der Highschool. 2013 wurde sie von Alberto Salazar nach Oregon geholt. Doch Talent und schnelle Beine reichten dem Coach nicht. Um mit den besten Läuferinnen des Planeten mithalten zu können, müsse Mary Cain Gewicht verlieren. Salazar wog Cain und andere Athletinnen in der Öffentlichkeit und demütigte sie, wenn sie ihr Idealgewicht nicht erreicht hatten. Salazar soll seinen Läuferinnen Antibabypillen und Diuretika verschrieben haben, damit sie die überschüssigen Pfunde leichter loswerden.

Diese üblen Praktiken liessen Mary Cain in tiefste Depression fallen. Aufgrund dieser Radikaldiät fiel ihre Periode für drei Jahre aus. Ihre spröden Knochen brachen unter den enormen Belastungen. Cain ritzte sich und dachte an Selbstmord. Doch innerhalb der Organisation nahm sie niemand ernst. Als sie Alberto Salazar einmal nach einem Wettkampf auf ihre Probleme ansprach, sagte er nur, dass alles gut komme und sie sich nun schlafen legen soll. 2015 verliess Mary Cain das «Oregon Project». Und nach ihrem Geständnis im Video der «New York Times» kamen immer mehr Berichte an die Öffentlichkeit von ehemaligen Salazar-Athleten, die all dies bestätigen, was Mary Cain sagte. Man müsse das gesamte System Nike überdenken, sagten einige. Die Trainer des «Oregon Project» gehörten für immer gesperrt.

Doch mit Sperren und leeren Worthülsen wird sich in der Leichtathletik-Szene, wo nur Rekorde und Goldmedaillen zählen, nichts ändern. Das vergessen all die Kritiker, die nun auf den sozialen Medien Lösungen fordern. Auch wenn in Zukunft in Oregon keine Mädchen mehr auf die Waage gestellt und irgendwelche Pillen verschrieben werden, ist das System nicht automatisch gesund. Denn auch in Zukunft werden nur Siege und Höchstleistungen auf den Titelseiten der Zeitungen zu finden sein. Und irgendwo sprintet ein Wunderläufer aus Afrika den Marathon in unter zwei Stunden, und alle applaudieren.

Solange die Dopingjäger den Dopingsündern meilenweit hinterherhecheln, wird der Sport dreckig bleiben.

Die Doping-Problematik ist aus dem Ruder gelaufen, das ist nichts Neues. Und wer im Stadion mit den Schnellsten mitrennen will, der darf tatsächlich keine überschüssigen Pfunde auf den Hüften mittragen. Wie im «Oregon Project» mit dieser Thematik umgegangen wurde, ist scheusslich und darf sich nicht wiederholen. Doch wer behauptet, dass diese unschönen Themen nicht schon lange Teil des Profisports sind, der verschliesst die Augen vor der Wahrheit. Solange die Dopingjäger den Dopingsündern meilenweit hinterherhecheln, willige Investoren den Erfolg erkaufen können und Athleten für übernatürliche Leistungen vergöttert werden, wird der Sport für immer dreckig bleiben. Und das auf allen Ebenen.

Ein halbes Jahr bevor Mary Cain mit ihren Problemen an die Öffentlichkeit ging und Alberto Salazar als Teufel darstellte, fragte sie beim «Oregon Project» an, ob sie zurückkehren dürfe für einen zweiten Versuch. Sie schrieb Salazar in einer SMS: «Ich freue mich darauf, wieder mit dir zusammenzuarbeiten. Ich will das wirklich.» Es gibt Menschen, für die Erfolg und Anerkennung wichtiger sind als die Gesundheit.

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