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Lustlos, glücklos und erfolglos

Was ist bloss mit Kimi Räikkönen los? Der Formel-1-Weltmeister kommt kaum vom Fleck und sieht sich vor dem Rennen in Spa-Francorchamps heftiger Kritik ausgesetzt.

Der «Iceman» schmilzt. So sehen es zumindest frühere Formel-1-Champions wie Niki Lauda und Keke Rosberg - und meinen damit Kimi Räikkönens Chancen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung. Seit acht Rennen hat der kühle, stets sorgenlos wirkende Finne keinen GP mehr gewonnen. Oder anders gesagt: In bisher 12 Saisonrennen triumphierte er nur zweimal - zuletzt am 27. April in Barcelona. Im gestrigen Qualifying zum heutigen GP von Belgien wurde er Vierter.

Das ist wahrlich nicht weltmeisterlich. Deshalb folgte Spott wie dieser: In Finnland erinnert eine Briefmarke an Räikkönens WM-Triumph, doch bei den letzten Rennen ging die Post meist ohne den Weltmeister ab. Von Lauda und Rosberg hörte er Vorwürfe, die von Lustlosigkeit bis hohe Fehlerquote reichten. In Italien wurde er sogar als «Tanktrottel» beschimpft, weil er vor zwei Wochen im Valencia-GP beim Boxenstopp zu früh losfuhr, dabei seinen Tankwart zu Boden riss und verletzte.

Hinterher hatte sich Räikkönen bei seinem Tankwart entschuldigt - wie nach dem GP von Monco bei Adrian Sutil, dem er ins Heck gefahren war. Sutil weinte danach einem 4. Platz nach, für Räikkönen war das Rennen schon vorher gelaufen (9.). Unter Druck würden beim «Iceman» die Nerven blank liegen, fühlen sich seine Kritiker nach Pannen wie diesen bestätigt. «Mister Formel 1» Bernie Ecclestone sagte: «Er ist ein hoch talentierter Fahrer, und ich kann einfach nicht glauben, dass es Kimi ist, der da im Moment fährt.»

Doch am 28-jährigen Finnen mit Wohnsitz in Wollerau SZ scheint das alles spurlos vorbeizugehen. Kritik perlt an ihm ab wie die Ardennen-Regentropfen auf den Goretex-Jacken. Apropos Ardennen: Spa ist eingebettet in eine Waldlandschaft, so weit das Auge reicht. Dass sich der Finne hier heimisch fühlt, verwundert nicht. Auch das raue Klima ist dem Einzelgänger vertraut. «Im Kurort Spa verbringt er jeweils ein GP-Wellness-Weekend», scherzte sein Landsmann Keke Rosberg, der auch sagte: «Kimi redet so wie er fährt - emotionslos.»

Der GP in Spa ist Räikkönens heimliches Heimrennen

Offenbar ist das die richtige Einstellung für den Belgien-GP. Denn auf der klassischen Berg-und-Tal-Naturrennstrecke, mit mehr als 7 km die längste im GP-Kalender, gewann Räikkönen die letzten drei Rennen: 2007 im Ferrari, 2005 und 2004 im McLaren-Mercedes. 2006 fiel der GP aus. Seine diesjährigen «Wellness»-Tage haben für ihn allerdings wenig erholsam begonnen: Im Freitagnachmittagtraining schlitterte er bei Regen von der Strecke und schlug den Heckflügel seines Ferraris an den Leitplanken ab. Zudem wurde er zweimal geblitzt, weil er in der Boxengasse das Geschwindigkeitslimit von 60 km/h überschritten hatte: mit 71 und 64 km/h. Dafür wurde er mit insgesamt 4900 Euro gebüsst. Einer, der mehr als 30 Millionen Franken im Jahr verdient, zahlt das aber aus der Portokasse.

Ob der 17-fache GP-Sieger dieses Geld nächstes Jahr noch wert ist, könnte vom Ergebnis des heutigen 13. von 18 Saisonrennen abhängen. Denn wenn Räikkönen als WM-Dritter (57 Punkte) gegenüber Lewis Hamilton (70) und vor allem Felipe Massa (64) auch bei seinem heimlichen Heimrennen in Spa an Terrain verliert, droht ihm für die restlichen Rennen der Saison bei Ferrari der Nummer-2-Status.

Wie der Finne steckt auch die Scuderia derzeit im Zugzwang, was die WM betrifft. Teamchef Stefano Domenicali konnte sich noch nicht zu einem internen Machtwort in Sachen (offiziell verbotener) Stallorder durchringen. Dabei wäre es höchste Zeit. Rivale McLaren-Mercedes hat sich längst entschieden, Lewis Hamilton erstmals zum Weltmeister machen zu wollen, und hat aus dem internen Zank des vergangenen Jahres gelernt: Damals waren sich die «Teamkollegen» Hamilton und Fernando Alonso wegen des Nummer-1-Status im WM-Kampf derart in die Haare geraten, dass am Schluss Räikkönen Champion wurde - mit 110 Punkten, vor Hamilton und Alonso mit je 109! Solch eine Pleite und Peinlichkeit passiert McLarens Vorsitzendem Ron Dennis nur einmal.

Gerüchten zufolge ist Massa bei Ferrari schon die heimliche Nummer 1. Nicht auf dem Papier, aber wenigstens in den Herzen. «Sein Ausfall wegen Motorschadens in Budapest, als er drei Runden vor Schluss in Führung lag, tut jetzt doppelt weh», sagte Massas Renningenieur Rob Smedley nach dem Sieg in Valencia, dem vierten Saisontriumph seines Schützlings, «mit den zehn Punkten von Budapest wäre er jetzt WM-Leader.»

Nach Räikkönens Motorschaden in Valencia, der wie zuvor bei Massa auf Pleuel-Materialfehler zurückzuführen war, blieben bei Ferrari Mitleidsbekundungen aus. Dafür steht Räikkönen dort zu sehr in der Kritik - vor allem wegen seiner Schwäche im Qualifying. «Entweder er bringt die Reifen nicht auf optimale Temperatur und Haftung, oder aber er begeht in den Qualifikationsrunden Fehler», hört man aus dem Ferrari-Umfeld.

Aus der Isolation holt Räikkönen seine Inspiration

«Wir sind ein Team», sagte Räikkönen in bekannt knappen Worten auf die Frage, ob er Massa im Falle des Falles im WM-Duell gegen Hamilton Schützenhilfe leisten würde. Massa wurde dazu deutlicher: «Wenn es nötig ist, wird Kimi das tun, was ich 2007 für ihn tat.» Doch den Wahlschweizer darf man nie zu früh abschreiben. Denn aus der Isolation holt er seine Inspiration.

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