Sie ist blind – aber unheimlich schnell

Chantal Cavin ist, seit sie 14-jährig ist, blind. Am nächsten Sonntag läuft sie den Marathon in Zürich. Dank vieler Helfer.

Ein eingespieltes Duo: Chantal Cavin (links) und Céline Hauert nach einem Marathontraining. Foto: Raphael Moser

Ein eingespieltes Duo: Chantal Cavin (links) und Céline Hauert nach einem Marathontraining. Foto: Raphael Moser

Sie kann Licht und Dunkel unterscheiden, und sonst nichts. Sie kann langsam und schnell ­laufen, und das bedeutet ihr alles. Chantal Cavin ist, seit sie 14-jährig ist, blind. Und Chantal Cavin ist, seit sie geboren wurde, ein «Zwaschpel», wie sie sagt. Eine, die viel Bewegung braucht, damit ihr wohl ist, eine, die ihrem Körper deshalb die Bewegung gönnt. Auch wenn sie seit Jahrzehnten handicapiert ist. Die Bernerin sagt, die Leistungen, die sie ­erbringe, machten sie unendlich zufrieden. «Sie zeigen mir meine Stärke, obwohl ich ja eine Schwäche mit dem Körper habe.»

Cavin ist 41 Jahre alt und sehbehindert, seit sie im Judo hart mit dem Hinterkopf aufschlug, eine Blutung im Sehzentrum erlitt und von heute auf morgen erblindete. Von heute auf morgen abhängig war von anderen Menschen, immer, bei allem, in jeder Situation. Von heute auf morgen die Selbstständigkeit verlor, und das als Teenager. Im Alter, in dem man sich freistrampelt und allmählich unabhängig wird. «Seither», sagt sie, «bin ich immer ein Team, ich kann meine Leistungen gar nicht allein erbringen, ich kann und darf nie ein Egoist sein.»

Hauert weist den Weg: «Stufen. Flach. Stufen. Links»

Der Weg führt zu Fuss über die Lorrainebrücke in Bern, dann scharf links die steile, über hundert Stufen lange und gewundene Treppe hinunter an die Aare. ­Cavin geht voran, am linken Arm leicht geführt von Céline Hauert. Mit der einstigen Eliteläuferin und einem weiteren «Guide» wird Cavin am nächsten Sonntag in Zürich zum wiederholten Mal den Marathon bestreiten. Die beiden kennen sich seit langem und deshalb gut. Sie plaudern über dies und das, und zwischendurch, wenn man gut aufpasst, hört man, wie Hauert Cavin den Weg weist, der auch einem ­Sehenden alle Aufmerksamkeit ­abverlangt: «Stufen. Flach. Stufen. Flach. Links. Flach. Stufen.»

Der «Zwaschpel» liess sich ­damals nicht behindern. Als eine Lehrerin fand, sie solle doch mit ihr zum Schwimmen kommen, machte das Cavin. «Mir war egal, was – Hauptsache, Bewegung», sagt sie. Und war natürlich auch da, trotz gerader Bahn und Trennleinen, auf Hilfe angewiesen. Wenn es Zeit war zu wenden, tippte ein Helfer die Schwimmerin mit einem langen Stab auf den Kopf. Es war der Anfang einer ruhmreichen, fast 18-jährigen Schwimmkarriere. Aus Sport wurde Leistungssport, aus Cavin die beste sehbehinderte Schwimmerin der Welt (über 800 und 1500 m). ­Cavin gewann EM- und WM-­Titel, nahm bis 2012 in London mehrfach an den Paralympischen Spielen teil und erreichte, was sie noch heute mit Stolz erfüllt: Sie schwamm Weltrekord. Weltrekord über 100 m Crawl, die Königs­disziplin. «Es war in Durban, der Rekord war 22 Jahre alt, es war ­verrückt», sagt sie.

Der Fototermin am Flussufer ist vorbei, Cavin und Hauert ­haben sich Rücken an Rücken auf Baumstämme gesetzt, sind dem Fotografen einige Male entgegengelaufen, an den Armen ein Bändel, der sie verbindet und mit dem Hauert Cavin jeweils führt. Sie trafen sich vor neun Jahren zufällig im Hallenbad, jede hatte da ihr Standard-Garderobenkästli – das gleiche. So kamen sie ins Gespräch, die erfolgreiche Schwimmerin, die umsteigen wollte zum Laufen, weil sie im Wasser nicht mehr schneller wurde. Und die Läuferin, die später ihre eigenen Träume wegen einer Knieverletzung begraben musste und sich auf ihr Studium kon­zentrierte. Hauert, 30-jährig, sagt: «Ich bestritt 2016 meinen letzten Wettkampf. Dass ich auf diese Weise noch jemandem helfen kann, seine Ziele zu erreichen, freut mich sehr.»

In 3:16 Stunden hat Cavin vor drei Jahren ihren ersten Marathon beendet – ohne sich speziell vorzubereiten. Es ist eine herausragende Zeit, die sie später noch auf 3:14 verbesserte, da wird es schwierig, geeignete Führer zu finden. «Wer in diesem Bereich unterwegs ist, möchte sein eigenes, gutes ­Rennen laufen», sagt Cavin und hat dafür vollstes Verständnis. In Zürich wird sie deshalb mit zwei Guides unterwegs sein. Starten wird sie mit Micha Güdel, ebenfalls einem langjährigen Freund. «Ab der Hälfte geht er dann seinen eigenen Weg», sagt sie. Dann übernimmt Hauert. Güdel wird ihr noch kurz erzählen, wie der Lauf bis zur Halbmarathonmarke verlief. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, die das volle Vertrauen Cavins voraussetzt. Hauert sagt: «Dass Chantal sehr flüssig läuft und wir uns gut kennen, hilft enorm. Ich muss unterwegs nicht viel sagen. In Zürich sind es vor ­allem die Tramschienen, auf die ich sie hinweisen werde.»

In Referaten erzählt sie vom Anderssein und einer Taktik

Cavin lacht und erzählt dann, wie sie vor Jahren einmal einen Guide falsch verstanden habe. «Ast» habe dieser gesagt und sie sich geduckt. Dummerweise ging es aber nicht um einen herabhängenden Ast, sondern um einen am Boden herumliegenden. «Ich stürchelte vornüber, passiert ist nichts Gravierendes, seither bezeichnen sie Äste am Boden als Wurzeln.»

Gleich am Aareufer, in der einstigen Brauerei Gassner, arbeitet Cavin. Hier ist sie Assistentin der Geschäftsleitung von Maru Dojo, einem Zentrum für Kampfkunst und Gesundheit. Zudem ist sie Projektleiterin Nachwuchs bei Plusport, dem Behindertensportverband Schweiz. Cavin hat die Sporthandelsschule besucht und dabei als Talent viel Zeit zum Trainieren erhalten. Danach arbeitete sie lange auf einer Bank. Heute wird sie ab und zu für Referate ­engagiert, Hauptthema ist die «Zusammen sind wir stärker»-Taktik – wer wüsste das besser als sie? Sie spricht aber auch über das Anderssein, und wenn sie sich charakterisieren soll, sagt sie: «Ich bin einfach ein Ausdauertierchen.» Deshalb wandte sie sich nach dem Schwimmen und vor dem Laufen erst dem Triathlon zu. Nicht den kurzen Distanzen, der «Zwaschpel» ging gleich aufs Ganze: die Ironman-Distanz. 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren (auf einem Tandem), 42,195 km laufen. «Beim ersten Mal wollte ich ins Ziel kommen, beim zweiten Mal schneller sein, und beim dritten Mal benötigte ich 10:34 Stunden», sagt sie – als wäre das eine Selbstverständlichkeit. War es ­natürlich nicht, es war eine Superleistung, mit der Cavin bei der Challenge Roth 2016 (Ger) 27. von 497 klassierten Frauen wurde (zum Vergleich: Daniela Ryf, die Weltbeste, siegte 2018 bei der WM auf Hawaii in 8:26 Stunden).

Fragt man sie nach dem Ehrgeiz, von dem sie zweifellos getrieben sein müsse, findet sie den Ausdruck «zu negativ behaftet». «Es tönt nach verbissen Sport treiben. Das tue ich nicht, es ist Leidenschaft. Ich bin mit Leidenschaft Sportlerin.» Und Hauert ergänzt, Cavin sei in erster Linie ein «sehr positiver Mensch».

Dass sie einst gesehen hat, ist im Sport ein grosser Vorteil

Cavin führt an ihrem Arbeitsort durch die Stockwerke. Und wenn sie mit ausgestrecktem Arm deutet und sagt, «hier rechts haben der Physiotherapeut und der Osteopath ihre Räume», tönt das, als sähe sie das alles jeden Tag. Aber Cavin hat weder den pinkfarbenen Gymnastikball hinten in der Ecke noch die violetten Yogamatten im Regal je gesehen. Dass sie ihr Augenlicht jedoch einst hatte, «das ist im Sport ein riesiger Vorteil gegenüber jenen, die von Geburt an blind sind. Ich konnte 14 Jahre lang Bewegungen abschauen und nachmachen», sagt sie. Sie wisse, was ein Ausfallschritt sei, wie das geht, wenn sie diesen grösser machen müsse. «Ich weiss auch, worum es geht, wenn jemand vom Hantelstemmen spricht.» Geburtsblinden müsste jede Bewegung von null auf beigebracht werden.

Im Laufe der Jahre hat sie sich ein Netzwerk an Leuten erarbeitet, die mit ihr trainieren und Wettkämpfe bestreiten – ihre Guides. «Erarbeitet ist nicht übertrieben», sagt sie und spricht von Knochenarbeit. Anfänglich habe sie Sportclubs angeschrieben, ob es Interessierte für so etwas gäbe. Das Echo war praktisch gleich null. Dann habe sie Ranglisten von Läufen in der Gegend studiert und gezielt Läuferinnen und Läufer angefragt. «Das brauchte Mut, hat mir aber viel gebracht.» Derzeit stehen ihr fünf Läuferinnen und Läufer für Wettkämpfe zur Verfügung und sieben weitere für Trainings, die meisten schon seit Jahren. Hat sie sich ihren Trainingsplan einmal zusammengestellt, macht sie die Umfrage: Wem passt wann was?

Nun also Zürich. Ziel ist in zweiter Linie eine Bestzeit. Primär will sie Frankfurt vergessen machen. Dort musste Cavin im Oktober aufgeben, sie fühlte sich nicht wohl. Wieso, weiss sie bis heute nicht. Dieser Schwäche will sie nun mit Stärke begegnen. Wie immer, seit sie nur noch Licht und Dunkel unterscheiden kann.

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