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In vier Tagen zum Rekordläufer

Erst am Mittwoch erfährt Guye Adola, dass er am Sonntag seinen ersten Marathon laufen wird. Dann gelingt ihm in Berlin das schnellste Debüt der Geschichte.

Triumphlauf des Debütanten: Adolas Zieleinlauf, in neuer Rekordzeit von (später korrigierten) 2:03:46 Minuten.
Triumphlauf des Debütanten: Adolas Zieleinlauf, in neuer Rekordzeit von (später korrigierten) 2:03:46 Minuten.
Keystone

Am Schluss war Guye Adola einige Nebensätze wert. Vielleicht auch den letzten Abschnitt eines grossen Artikels zum Berlin Marathon. Dabei wäre seine Geschichte einen ganzen Artikel wert gewesen. Was hiermit nachgeholt wird.

Mit Eliud Kipchoge, Kenenisa Bekele und Wilson Kipsang waren in der deutschen Hauptstadt gleich drei Läufer angetreten mit dem erklärten Ziel, den Marathon-Weltrekord zu brechen. Das Trio lief dann durch den Berliner Regen, gut abgeschirmt von drei persönlichen Pacemakern. Doch an ihre Fersen hatte sich ein weiterer Läufer geheftet. Ein Niemand. Was hatte der dort verloren? Guye Adola. Der Äthiopier wurde denn auch ignoriert, solange es eben ging. Doch irgendwann war das nicht mehr möglich. Bekele und Kipsang hatten bereits aufgegeben, als der 26-Jährige weiterhin völlig unaufgeregt hinter Kipchoge herlief. Und das mit diesem mühelosen Schritt, neben ihm wirkte der Stil des kenianischen Favoriten fast schon ineffizient – obwohl er alles andere als das ist.

Die WM? Wann? Und wo?

Adola wagte dann gar einen Angriff, Kipchoge konterte souverän. Wäre ja noch schöner gewesen, wenn er sich von einem Debütanten hätte abkochen lassen. So musste Adola im Ziel nur einige wenige Fragen beantworten, seine unglaubliche Geschichte blieb unbeachtet. Bis sie Michael Crawley, ein britischer Doktorand, der dabei ist, ein Buch über die äthiopische Laufszene zu verfassen, auf Letsrun.com niederschrieb.

Die beiden trafen sich in einem Café in Kotebe, tranken dort gar ab und an ein Bier – eine Ausnahme in der dortigen Läuferszene. Crawley lernte Adola als sehr unbekümmerte Person kennen. Vergangenes Jahr qualifizierte sich dieser an den nationalen Ausscheidungen für die Halbmarathon-WM. Wusste aber tags darauf weder, wo diese stattfand (in Cardiff), noch wann (zwei Wochen später). In Wales zog er dann einen schlechten Tag ein, wurde nur 16., nach einem Sturz in der Starthektik. Das war ein Rückschritt nach seiner WM-Bronze 2014.

Spätes Marathon-Debüt wegen Olympiatraum

Überhaupt lief die Saison 2016 nicht so, wie sich Adola das vorgestellt hatte. Er wollte sich über 10’000 Meter für die Olympischen Spiele in Rio qualifizieren, lief im äthiopischen Ausscheidungsrennen aber nur die zehntbeste Zeit, mehr als eine Minute hinter dem Sieger. Für den Traum von Olympia hatte er seine Marathonpläne hintangestellt. Wobei, was heisst Pläne: Adola plant nicht, er führt primär aus, was ihm sein Trainer Gemedu Dedefo aufträgt.

Dessen Einheiten haben es in sich: Dedefo gibt ein Tempo vor – wer das nicht mithält, muss sein Training alleine laufend beenden. Entsprechend lief Adola in den ersten Monaten viele Kilometer alleine, abgehängt von der eigenen Trainingsgruppe. Doch er schaffte die Anpassung so weit, dass ihn Dedefo am Mittwochvormittag nach dem Training fragte, ob er Lust auf eine Reise nach Deutschland habe, wo vier Tage später der Berlin Marathon anstand.

Den Rat des Trainers missachtet

Natürlich hatte Adola Lust, und nahm sich auch den Rat des Trainers zu Herzen, der ihm auftrug, sich im Rennen der zweitschnellsten Gruppe anzuschliessen, gehe es beim Debüt doch primär darum, Erfahrung über die 42,195 Kilometer zu sammeln. Aber nur bis er am Sonntagmorgen an der Startlinie stand, vor ihm Kipchoge, Kipsang und Landsmann Bekele sah. Da entschied der Debütant: «Ich möchte einen Eindruck davon erhalten, wie es sich anfühlt, mit den Leadern zu laufen. Und vielleicht kann ich ja Bekele helfen.» Helfen konnte er dem Landsmann nicht, der erfolgreichste Langstrecken-Bahnläufer fiel als Erster der Favoriten zurück.

Adola dagegen fühlte sich bis Kilometer 37 gut, ehe seine Füsse zu schmerzen begannen. «Dann dachte ich an Abebe Bikila, der war den Marathon barfuss gelaufen! Was für ein Held», erzählte Adola Crawley. Die fünf Kilometer bis zum Ziel brachte er so auch noch über die Runden, nach 2:03:46 Stunden erreichte er dieses. Als schnellster Debütant der Geschichte. Und als neuntschnellster Marathonläufer überhaupt.

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