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«Wir Goalies machen sehr viele Fehler»

Ruhig auch in Ausnahmesituationen: Leonardo Genoni. Foto: Reto Oeschger

Warum sind Sie Goalie?

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Sie waren Meistergoalie in Davos und in Bern, nun kommen Sie als aktueller Champion zum EVZ. Ihr letztes Club-Spiel war also das Meister-Spiel mit dem SCB, das letzte mit der Nationalmannschaft an der WM gegen Kanada, als die Schweiz im Viertelfinal bis 0,4 Sekunden vor Schluss führte und dann dennoch in der Verlängerung verlor. Welches Spiel fiel Ihnen einfacher zu vergessen?

Goalies und ihre Coaches betonen aber immer wieder die Wichtigkeit des Vergessens, besonders unmittelbar nach Fehlern. Wie gut sind Sie da?

Viele Goalies haben ein eigenes Ritual, das nach jedem Gegentor zu beobachten ist.

Fred Brathwaite, ein kanadischer Goaliecoach, sagt, dass er schon bei den Allerjüngsten auf die Körpersprache nach Gegentoren achtet. Denn da könne der Torhüter mit falschen Signalen die ganze Mannschaft mental herunterziehen.

Es gibt Goalies, die nach Gegentoren die Hände verwerfen. Das Dümmste, was man tun kann?

Die Goaliewelt ist nicht nur für Zuschauer fremd. Viele Top-Goalies erzählen, dass selbst Mitspieler oder gar Cheftrainer keine Ahnung hätten, was Goalies mit ihrem Goaliecoach da machen.

«Ja, ich schaue mir auch gerne zu, sehe gerne Sachen, die ich gut gemacht habe. Ich bin aber mir gegenüber sehr kritisch eingestellt, ich will auch alle weniger guten Sachen anschauen.»

Ben Bishop, ein Top-NHL-Goalie, hat diese Methode, wenn ihm das «Vergessen» schwer fällt und er schlechte Spiele aneinanderreiht: Er schaut sich mit seinem Coach so lange alte, schöne Paraden an, bis es ihm wieder besser geht.

Wie pusht sich ein Goalie, wenn er mental im Tief ist? Feldspieler können physischer spielen als üblich, , Checks häufiger fertig machen, defensiv noch verlässlicher agieren, sich also Schritt für Schritt hochziehen. Ein Goalie kann all das nicht tun …

Sie sind da ein «gebranntes Kind», kassierten das wahrscheinlich grösste Slapstick-Tor der letzten Saison, als Sie in Davos fast von der Mittellinie aus zuschauen mussten, wie der gegnerische Stürmer den Puck in Ihr leeres Tor schob.

Letzte Saison war der Finne Aki Näykki Ihr Goalietrainer. Er sagte nach diesem Fehler, dass er ihn gar nicht ansprach nach der Partie. Dass er seine Goalies vorerst generell in Ruhe lasse nach schlimmen Fehlern und nur dann mit ihnen darüber rede, wenn diese es explizit wünschen.

Die Arbeit mit Näykki beeindruckte Sie von Anfang an.

Was wirklich speziell ist: Näykki wollte alles aus Ihrem Privatleben wissen, auch Ihre Ehefrau kennen lernen. War das nicht unangenehm? Und fiel es da nicht schwer, sich zu öffnen?

Sie waren sich aber nicht immer einig mit ihm. Es gab im März diese Episode in der Viertelfinalserie gegen Genf …

Und Sie kassierten prompt wieder späte, kuriose Treffer …

Es kommt kaum vor, dass der Cheftrainer sich einmischt in die Goaliearbeit.

Wie reagierten Sie auf die erneute Nachfrage?

«Ich hatte noch nie Angst vor dem Versagen. Ich spüre auch keinen Druck, weder von Mitspielern noch von ausserhalb. Ich habe vor allem Spass.»

Wir sprachen vom Spass im Leben eines Goalies. Es geht aber nicht nur lustig zu und her. Mike Valley, NHL-Goaliecoach und Buchautor, schrieb: «Keine Position im Sport ist so anfällig auf psychische Probleme, ­Angstzustände und als Folge dessen Muskel­übersäuerung, Atemnot, ­Übelkeit und Schweissaus­brüche.» Kennen Sie das?

Ist es ein Tabuthema? Warum reden meist nur zurückgetretene Goalies darüber? Oder anders gefragt: Wann hatten Sie zuletzt Angst?

Das müssen Sie jetzt so sagen.

Vom Amerikaner Scott Darling gibts die Geschichte, dass er vor jedem Spiel vor Nervosität erbrechen muss – erst dann findet er die Ruhe, seine Leistung abrufen zu können …

Torhüter können Identitätskrisen haben. Das sagt zum Beispiel Tampas Curtis McElhinney, und er spricht aus Erfahrung. Es treffe Goalies, die jedes Jahr den Goalietrainer wechseln oder wegen Transfers wechseln müssen. Sie selbst werden in Zug nun den fünften Goaliecoach in fünf Jahren haben. Spüren Sie diese Krise schon?

Erfahrene Goalies mögen in der Regel nicht, wenn der Goaliecoach zu sehr an ihrem Stil herumschrauben will. Näykki hingegen wollte als erstes gleich ihre Körperhaltung grundsätzlich ändern in den Situationen, wenn der Puck sich in den Spielfeldecken befindet und Sie sich an den Pfosten lehnen. Das tönt für Aussenstehende nach klitzekleinem Detail, die beiden unterschiedlichen Stile für diese Situation ist unter Goalies aber fast schon eine «Religionsfrage». Sie machten dennoch mit!

Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia