Niederreiter: «So crazy, wie viele meinen, ist es hier gar nicht»

Im Sommer unterschrieb Nino Niederreiter bei den Minnesota Wild den besten Vertrag eines Schweizer Eishockeyspielers. Im Interview spricht er über neue Erwartungshaltungen und das Leben in den USA.

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Kristian Kapp@K_Krisztian_

Nino Niederreiter, lesen Sie das neue nordamerikanische Online-Sportmagazin «The Athletic», das sich auch intensivst um die Berichterstattung über Ihre Minnesota Wild kümmert?
Ich versuche, so wenig wie möglich Artikel über uns zu lesen. Ob du gut oder schlecht spielst: Die einen sehen es so, die anderen so. Als Spieler kannst du dich immer am besten beurteilen.

Eine der Haupt-Saison-Vorschauen über Minnesota ist Ihnen und Ihrem gleichaltrigen Teamkollegen Mikael Granlund gewidmet. Beide haben Sie im Sommer Verträge unterschrieben, die im Schnitt jährlich rund 5,5 Millionen Dollar einbringen. Die Schlagzeile ist unmissverständlich: «Mehr Lohn, mehr produzieren!»
Das stimmt, das müssen wir. Wir sind zwar immer noch jung, spielen aber schon sechs oder sieben Jahre in der NHL und konnten entsprechend Erfahrungen sammeln. Darum müssen wir jetzt auch eine andere Rolle in der Mannschaft übernehmen.

Sie sind der erste Schweizer Stürmer in der NHL, von dem eine klare Leaderrolle erwartet wird. Macht Sie das stolz?
Ja, denn das war immer ein persönliches Ziel. Ich wollte nicht nur einfach in der NHL mitspielen, sondern auch Verantwortung übernehmen können, sei es mit Toreschiessen oder mit was auch immer. Gleichzeitig ist das ein guter Schritt auch für die nächsten Schweizer Stürmer. Sie wissen: Es werden nun auch von uns Sachen erwartet, und wir müssen liefern. Das ist gut.

Der Druck auf Ihnen ist damit auch grösser.
Absolut. Ich habe das Glück, der Erste zu sein. Und wie gesagt: Nico Hischier, Sven Andrighetto oder Sven Bärtschi hilft es, wenn Schweizer Stürmer plötzlich ernst genommen werden.

In der Schweiz ist derzeit der Saisonstart Nico Hischiers das Thema. Haben Sie sein Debüt mitverfolgt?
Ja. Das gilt bei mir allgemein für Schweizer, die neu in die Liga kommen oder vor einen Neustart bei einem neuen Club stehen. Wie Mirco Müller in New Jersey oder Andrighetto bei Colorado. Oder wie sich Denis Malgin in Florida durchzusetzen versucht, oder Mark Streit, der es noch einmal in Montreal probiert. Wir sind ein kleines Land, da verfolgst du einander.

Nino Niederreiter am Montag, 9. Oktober 2017, im Training mit den Minnesota Wild im Xcel Energy Center in Saint Paul:

Kennen Sie Hischier persönlich?

Ich habe ihn erst einmal kurz getroffen an den Sports Awards in Bern. Du siehst es aber an seinen Interviews und seinen Leistungen, dass da ein künftig sehr guter Spieler heranwächst.

Am Samstag debütierte Hischier in Newark mit grossem Tam-Tam in der NHL. Sie waren zwar in Ihrem NHL-Draft «bloss» die Nummer 5 und nicht die Nummer 1 wie Hischier. Konnten Sie sich aber dennoch ein wenig in ihn hineinversetzen?
Absolut. Ich dachte daran, wie es mir damals mit den New York Islanders erging. Spannend war für mich zu realisieren, dass mein Debüt schon sieben Jahre her ist. Da merkst du: Wie schnell die Zeit vergangen ist, wo ich damals war, wo ich heute bin.

Gerade Ihr Beispiel zeigte es aber: Mit dem Debüt alleine ist noch nichts erreicht. Für Sie folgten danach turbulente drei Jahre inklusive Abschiebens in die Farmteamliga AHL.
Nein, es ist nichts erreicht, es ist bloss ein Spiel. Es wird auf deinem Weg danach so viel mehr erwartet. Diese Frage stellt sich dir danach immer wieder: Bist du bereit, oder bist du nicht bereit? Und dann spielt es auch noch eine Rolle, wie dein Club das Ganze handelt. Nicht alle machen es gleich. Da kommen dann Dinge hinzu, die du als Spieler nicht immer kontrollieren kannst.

Hischier hat Ihnen bereits etwas voraus: Er hat in Newark sein eigenes Sandwich …
Ich habe in Saint Paul, wo unser Heimstadion steht, eine eigene Sushi-Rolle. (lacht) Mit Gurke, Lachs, scharfer Mayonnaise.

Es gibt nicht nur Hischier und Sie. Mit Andrighetto, Timo Meier, Kevin Fiala und Sven Bärtschi ist es gleich bei sechs Schweizer Stürmern ein realistisches Ziel, fix in den ersten beiden Linien ihres Teams zu spielen. Das gab es noch nie.
Das zeigt unsere Fortschritte im Schweizer Eishockey. Auch wir können gute Spieler produzieren. Die NHL ist allgemein den Leuten auch ausserhalb Nordamerikas so viel näher gekommen: Es gibt auch dieses Jahr Spiele in Stockholm oder in China. So sehen alle, dass die NHL näher ist als man meint. Als Spieler musst du bloss den Schritt wagen und es in Nordamerika probieren.

Für andere Schweizer sind Sie mittlerweile gar in einer Vorbildrolle. Ein Timo Meier beispielsweise eifert offen in diversen Belangen Ihnen nach. Fühlt man sich da alt?
«Alt» ist vielleicht übertrieben. Schön ist, dass immer mehr Schweizer diesen Schritt machen wollen. Und ich probiere, eine Art Vorreiter zu sein, so wie Mark Streit, der viel fürs Schweizer Eishockey machte. Wenn Timo Meier das so sagt, ist das schön zu hören, das macht auch stolz.

Als Sie Ihre NHL-Karriere lancierten, gab es keinen Schweizer NHL-Stürmer als Vorbild, nur Verteidiger oder Goalies. Zu wem blickten Sie hinauf?
Das Vorbild für mich als Nachwuchsspieler war Mark Streit. Es spielte keine Rolle, welche Position er spielte. Mein Ziel war, nach Nordamerika zu schaffen, und von ihm hörte man stets, dass er immer härter dafür gearbeitet hatte als andere. Das war der Grund für seine Karriere, darum war er mein Vorbild.

Sie ebenfalls erwähnt, allerdings aus einem anderen Grund, haben Andrighetto und Mirco Müller. Beide hoffen, Ihre NHL-Karriere nach einem Clubwechsel so richtig zu lancieren. Für Sie lief es ja auch erst rund, nachdem Sie von den Islanders nach Minnesota wechseln konnten.
Auch ich zahlte teures Lehrgeld. Wenn du hoch gedraftet wirst, wird sehr viel von dir verlangt. Ich wollte immer bestätigen, dass ich zurecht als Nummer 5 gezogen worden war. Der frustrierende Teil war, die Chance nicht zu erhalten, auf jener Position zu spielen, auf der du spielen solltest. Du fühlst dich dann machtlos. Ohne Eiszeit kannst du auch nichts beweisen. Das war bei mir der Fall. Darum kam dann meine Anfrage nach einem Trade.

Andrighetto und Müller stehen nun etwa an jenem Punkt, an dem Sie vor vier Jahren nach dem Transfer standen. Das alleine wird ihnen aber nicht reichen.
Dass dir nichts geschenkt wird, sah man beim Russen Nail Yakupov, der 2012 als Nummer 1 gedraftet wurde. Er hat seither schon zwei Mal den Club wechseln müssen, weil er nicht das leisten konnte, was von ihm erwartet wurde. Das einzige, was gerade der Nummer-1-Draft dir bringt ist, dass du so viele neue Chancen erhältst. Ich behaupte, dass Yakupov ansonsten nie so viele davon bekommen hätte. Andrighetto und Müller müssen nun beide ihre Chancen packen, und ich bin überzeugt, dass sie das tun werden.

Denken Sie noch oft an Ihre schwierige Zeit bei den Islanders zurück?
Ja, sicher. Ich habe auch jetzt Phasen, in denen es nicht nur rund läuft. Dann muss ich auch dranbleiben und mich wieder zurückkämpfen. Ich habe jetzt zwar einen neuen 5-Jahres-Vertrag unterschrieben, das heisst aber nicht, dass ich mich jetzt zurücklehnen und einfach mal drauflos spielen kann. Ich will zeigen, was ich kann und eine gute Rolle haben. Diese Bestätigung will ich für mich haben.

Ihr neuer Vertrag, den Sie Anfang August unterschrieben, ist 26,25 Millionen US-Dollar wert. Haben Sie mittlerweile schon mal über diese Zahl und ihre Bedeutung intensiv nachgedacht?
Eigentlich denke ich immer noch nicht gross daran. Den neuen Vertrag sehe ich als eine Art Absicherung fürs ganze Leben. Ich kann mich ab jetzt nun aufs Eishockey konzentrieren. Nach der Karriere kann ich mir dann in Ruhe eine neue Leidenschaft suchen.

Den Bezug zum Geld hat der Vertrag nicht verändert?
Nein. Ich weiss immer noch, wo ich herkomme. Ich weiss, wie hart meine Eltern und Schwestern für ihr Geld arbeiten müssen. So etwas darf man nie vergessen.

Im US-Teamsport sind die Löhne der Spieler trotz Millionensummen offen, in der Schweiz würde man nicht einmal im kleineren Bereich über Zahlen reden. Können Sie sich das erklären?
Hier gönnen die Leute den anderen eher etwas. In der Schweiz ist der Neid grösser, was schade ist. Wenn einer etwas mit viel Arbeit erreicht hat, sollte er das geniessen dürfen. In der Schweiz führt Erfolg oft zu Missgunst. Reden wir über das Gegenteil von Missgunst: Sie und Ihr Teamkollege Jared Spurgeon sind die beliebtesten Spieler der Minnesota Wild. Sagt zumindest die Verkäuferin im offiziellen Fanshop im Stadion. Nichts verkaufe sich annähernd so gut als Utensilien mit Ihrer Rückennummer 22 und der 46 Spurgeons.
Das mit den Leibchen habe ich auch schon gehört. Das ist ein schönes Gefühl.

Warum Sie und Spurgeon?
Das ist schwierig zu beantworten …

Okay, sich selber loben müssen Sie jetzt nicht. Aber warum Spurgeon, der kleine Verteidiger?
Weil er ein bodenständiger Spieler ist, ein tapferer Kerl, einer, der immer Einsatz gibt. Er ist einer, der zwar nicht extrem auffällt, aber sich in Schüsse wirft und ein wahrer Kämpfer ist. Das wird im Staate Minnesotas geliebt, hier geht es nicht nur um Tore und schöne Pässe. Sondern um die Krampfer, die jeden Abend ihr bestes geben. Minnesota wird «Hockey State» genannt, hier verstehen die Leute den Sport.

Die Kehrseite der Medaille: Auch von Spurgeon wird erwartet, ein Leader zu sein. Am Montag, nach der zweiten Niederlage im zweiten Saisonspiel wurden ausgerechnet er und seine Performance von Trainer Bruce Boudreau öffentlich kritisiert. Das droht Ihnen nun in Zukunft wohl auch öfter mal.
Ja, sicher. Wenn bei mir zum Beispiel die Tore ausbleiben sollten. So muss das auch sein.

Themawechsel: Vegas ist äusserst präsent in der NHL. Zunächst, weil dort neu das 31. Team der Liga spielt. Nun aber vor allem wegen dem Amoklauf vor zehn Tagen mit über 50 Toten. Auch in Ihrem Team war das Drama ein grosses Thema.
Mit Jason Zucker haben wir einen Mitspieler aus Las Vegas. Aber so ein tragisches Ereignis regt alle zum Nachdenken an. Ich habe auch daran gedacht, wie wir auch in der Schweiz oder wo auch immer an viele Musik-Festivals gehen und wo überall so etwas passieren könnte. Aber mit diesem Gedanken, dass heute irgendwo irgendetwas passieren könnte, darfst du nicht leben. Dann dürftest du das Haus gar nicht mehr verlassen. Du kannst nicht alles kontrollieren.

Wie reagierten Sie, als Sie vom Massaker hörten?
Ich bekam es erst am nächsten Morgen nach dem Aufstehen mit, hörte von den Verletzten, von den Toten, deren Zahl immer höher wurde. Was willst du da denken? Es ist einfach eine Katastrophe.

Ihr guter Freund Luca Sbisa spielt bei den Vegas Golden Knights. Haben Sie ihm gleich angerufen?
Nein. Ich wusste, dass sich so viele Leute bei ihm erkundigt hatten und er auch sonst nicht die einfachste Zeit hinter sich hatte: Der Umzug nach Vegas, er wurde Vater, die ständigen Gerüchte, dass Vegas ihn gleich wieder weiter transferieren will. Als er Vater wurde, telefonierten wir noch, ich werde ihn nun bald wieder kontaktieren.

Wie wussten Sie denn, dass ihm beim Amoklauf nichts zugestossen war?
Erik Haula, der bis letzte Saison noch bei uns in Minnesota spielte, ist ja nun in Vegas. Er ist aber immer noch in unserer Team-Snapchat-Gruppe und schickte uns Fotos und Updates, dass es ihnen allen gut geht.

Ausserhalb der USA scheint die Meinung gemacht: Was in diesem Land abgeht, kann bald nur noch als «crazy» bezeichnet werden. Ist das so?
Ich finde, Europa und Amerika, auch die Schweiz und Amerika lassen sich nicht miteinander vergleichen. Die USA ist so gross, da passiert jeden Tag irgendwo irgendwas. Alles schafft es gar nicht mehr in die News, was vielleicht gar nicht so schlecht ist. Aber dennoch ist die USA ein super Land. Zum Beispiel die Begeisterungsfähigkeit der Amerikaner für Sport. Da könnte sich Europa oder die Schweiz eine Scheibe abschneiden. So crazy wie viele meinen, ist es hier gar nicht.

Angst ist ein in Verbindung mit den USA oft gehörtes Wort. Leben Sie in Angst?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin jemand, der im Moment lebt. Der letzte Gedanke, den ich habe, ist Angst oder Terror oder weiss ich was.

Die Politik hat aber auch den US-Sport erreicht. Vor allem Footballspieler demonstrierten an den letzten Spieltagen reihenweise gegen Rassendiskriminierung aber auch Präsident Trump, indem sie während der Hymne auf die Knie gingen oder die Faust in die Luft streckten. Von NHL-Spielern oder Teams hörte man da fast nichts. Warum?
In der NFL sind knap 80 Prozent der Spieler schwarz, in der NHL sind es nur ein paar. Am Samstag hat aber erstmals einer protestiert: Tampas Stürmer J.T. Brown. Es ist ein schwieriges Thema. Aber leider ist es immer noch ein Thema, weil es Leute gibt, die andere Leute nach der Hauptfarbe beurteilen.

Auch in Ihrem Team spielen mit Chris Stewart und Matt Dumba zwei dunkelhäutige Spieler.
Sie haben uns beide davon erzählt, wie das ist, wenn sie wegen ihrer Hauptfarbe zum Beispiel via Social Media wie Twitter angefeindet werden. Für mich sind solche Sachen unerklärlich.

Die beiden wollten aber nicht beim Protest mitmachen?
Nein. Wahrscheinlich auch, weil beide in einem Vertragsjahr sind. Das sind zwar kleine Details, aber man weiss nie. Vielleicht will ein anderes Team dich dann genau aus so einem Grund nicht verpflichten. Die ganzen Proteste wurden vielerorts aber auch missverstanden. Es ging denen, die mit dem Protest in der NFL begannen,ja nie darum, die US-Fahne zu entehren, wie das Präsident Trump dann gesagt hat. Sondern um ein Zeichen für Gleichheit und gegen Diskriminierung zu setzen, zu zeigen, dass wir alle gleich sind, egal ob schwarz oder weiss.

baz.ch/Newsnet

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