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«Halt die Schnauze»

Am 24. Oktober erhielt er eine neue Niere, am 26. November stand Jeff Tomlinson wieder als Coach der Lakers an der Bande.

Jeff Tomlinson ist bereits wieder im Element. (Bild: freshfocus)
Jeff Tomlinson ist bereits wieder im Element. (Bild: freshfocus)

Die Bierrunde fand doch nicht statt. Nach dem 4:0 der SCRJ Lakers im Cup-Viertelfinal gegen Titelverteidiger EV Zug war der Gerstensaft zwar schnell bestellt, aber noch schneller hatten sich einige aus dem Team aus der Garderobe in andere Richtungen aufgemacht. Also wurde die Bestellung annulliert. Für Jeff Tomlinson wäre das ohnehin das falsche Getränk gewesen. Obwohl er eine erfolgreiche Operation hinter sich hat, dank seines Bruders Darryl über eine funktionierende Niere verfügt, muss er pro Tag noch rund 20 Tabletten einnehmen.

Seit der Transplantation am 24. Oktober hat Tomlinson auf diesen Moment hingefiebert, der am Dienstagabend, dem 26. November, Tatsache wurde: Zurück an der Bande sein. «Und ich habe es überstanden. Diese Null zu sehen am Ende war sehr schön.» Die Defensive, nicht der Gesundheitszustand des Trainers, war das Thema gewesen in den letzten Tagen.

Mentale Pause

Es schien, als hätten sich die Lakers in eine mentale Pause verabschiedet, als ihr Chef nach dem 5:3 über Biel (22. Oktober) nach Halle in Deutschland reiste, um sich operieren zu lassen. «Wir waren nicht schlecht, aber fast jeder Fehler von uns wurde mit einem Tor bestraft», sagt Niklas Gällstedt. Der schwedische Assistent war zu Tomlinsons Ersatz während der Absenz des 49-jährigen Kanadiers bestimmt worden. In acht Partien ohne Tomlinson holten die Lakers nur gerade vier Punkte.

Die Operation und die Zeit danach war nicht nur für Tomlinson schwierig. Gällstedt hatte täglich Kontakt. Er hätte sich so sehr gewünscht, dass das Team öfters punktet, nur damit der Cheftrainer sich besser vom Eingriff erholen könne. Er befürchtete, dass der Coach sich mit jeder Niederlage mehr Gedanken machen würde.

Lakers-Trainer Jeff Tomlinson musste sich am 24. Oktober einer Nieren-Transplantation unterziehen.
Lakers-Trainer Jeff Tomlinson musste sich am 24. Oktober einer Nieren-Transplantation unterziehen.
Alessandro della Valle, Keystone
Fünf Tage nach der Operation schickten die Lakers-Fans dem 49-jährigen Kanadier Genesungswünsche beim Heimspiel gegen Lausanne (2:5).
Fünf Tage nach der Operation schickten die Lakers-Fans dem 49-jährigen Kanadier Genesungswünsche beim Heimspiel gegen Lausanne (2:5).
Thomas Oswald/freshfocus
Tomlinson erholte sich gut vom Eingriff. Er stand einen Monat nach der OP im Cup-Viertelfinalspiel gegen Zug (4:0) wieder an der Bande.
Tomlinson erholte sich gut vom Eingriff. Er stand einen Monat nach der OP im Cup-Viertelfinalspiel gegen Zug (4:0) wieder an der Bande.
Thomas Oswald/freshfocus
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Er hatte recht. Tomlinson litt, weil zu oft Punkte ausblieben. «Ich möchte helfen» – von diesem Wunsch war er erfüllt. Gefühlte sechs Monate sei er vom Team weg gewesen. Zwei Wochen vor seinem Comeback kehrte Tomlinson in die Halle zurück. Sporadisch nur. Seine Prognose, bereits am 16. November wieder an der Bande zu stehen, sei «blauäugig» gewesen. Aber zehn Tage später wirkte er topfit wie eh und je. Und verzog kaum einmal die Miene, als seine Lakers Goals schossen. Nur beim 3:0 lächelte er. Er wusste, das würde reichen.

Und dennoch lehnte er sich nicht zurück. Dass er nach dem Match ziemlich heiser war, kam daher, dass ein Zuger Spieler im letzten Drittel zu lange vor dem Lakers-Tor alleine war. «Ich habe so laut geschrien, dass ich kaum mehr sprechen kann», erklärte Tomlinson mit einem breiten Lächeln. Sonst aber versuchte er extrem, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten, der Blutdruck darf nicht zu hoch werden. Er führte Selbstgespräche. «Halt die Schnauze», habe er mehrmals zu sich selber gesagt. Dieser Aufforderung Folge leisten konnte er nicht immer. Er sprang ab und zu von der Bank herunter, um seinen Leuten Anweisungen zu geben.

«Ich bin nicht Superman»

Die Anspannung sei sehr gross gewesen vor dem Spiel, so gross, dass er sogar einen Termin im Spital vergessen habe. Da musste er am Tag nach dem Match erscheinen und erzählen, wie es ihm am Abend gegen Zug ergangen ist. «Ich bin bereit, ich möchte am Freitag mit der Mannschaft aufs Eis», sagte Tomlinson. Er werde der Ärztin sagen, dass alles super gelaufen sei. «Hoffentlich glaubt sie mir auch.»

Wenn er so überzeugend Auskunft gibt wie nach dem Match, wird sie ihm glauben. Der Mann aus British Columbia sprüht nur so vor Energie. Aber er sagt selber: «Ich darf nicht denken, dass ich Superman bin. Ich muss aufpassen und nichts überstürzen. Ich hoffe einfach, dass ich bald wieder Sport machen kann.» Die Medikamente werden beinahe täglich neu eingestellt. Er kann hoffen, die Anzahl Pillen deutlich zu reduzieren. Doch jene, die gegen das Abstossen fremder Organe wirken, jene, die dafür sorgen, dass des Bruders Niere Jeff Tomlinson wieder ein Leben ohne tägliche Dialyse ermöglicht, wird er weiterhin einnehmen müssen. Auch wenn er wieder ganz zurück in der Normalität ist.

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