«Es wirken unvorstellbare Kräfte, wir reden von Tonnen»

Interview

Beat Villiger, langjähriger Eishockey-Clubarzt und früherer Leiter des Paraplegiker-Zentrums, äussert sich zum Fall des gelähmten Ronny Keller und wünscht sich mehr Respekt auf dem Eis.

Tragisches Schicksal: Ronny Keller bleibt nach einem Unfall auf dem Eis gelähmt.

Tragisches Schicksal: Ronny Keller bleibt nach einem Unfall auf dem Eis gelähmt.

(Bild: Keystone)

Ronny Keller ist nach seinem Unfall im Match Olten - Langenthal querschnittgelähmt. Muss ein Eishockeyspieler mit diesem Risiko leben? Offensichtlich muss er das, glücklicherweise aber sind Querschnittsverletzungen sehr selten. Ich sitze in der medizinischen Kommission des internationalen Eishockeyverbandes, wo wir uns in den vergangenen Jahren vor allem mit Hirnerschütterungen beschäftigten. In der Schweiz haben wir mit den Möglichkeiten, die uns die Pat-Schafhauser-Stiftung bietet, auf die vergangene Saison hin mit Swiss Ice Hockey eine Prophylaxekampagne gestartet zur Verhinderung von Verletzungen durch Checks, vor allem an der Bande. Die Kampagne heisst «Respect Checks», weil alle getroffenen Massnahmen versagen, wenn die Spieler keinen Respekt zeigen vor den Gegenspielern.

Der Fall von Ronny Keller ist der erste in der Nationalliga seit Pat Schafhauser 1995.Wir hatten in den vergangenen Jahren in den unteren Ligen noch ein oder zwei Fälle. Und wir hatten im Profibereich einige schwerwiegende Wirbelsäulenverletzungen wie diejenige von Julien Sprunger an einer WM, glücklicherweise aber ohne spätere Lähmungen. Es gibt also Wirbelverletzungen. Doch die Profis sind gut trainiert, sie sind stabil. Ihre Muskulatur ist so stark, dass sie eine gewisse Schutzwirkung hat.

Der Unfall am Dienstag passierte nicht nach einem brutalen Check in den Rücken, das Tempo war auch nicht übermässig hoch. Doch Keller bremste nach einem Laufduell kurz vor der Bande plötzlich ab und prallte nach dem Check kopfvoran in die Bande.Es ist ein ganz wichtiger Punkt bei der Verhinderung von Verletzungen im Eishockey: Der Spieler muss immer in Bewegung bleiben. Nur waren die beiden Mannschaften am Dienstag in der Verlängerung und die Spieler entsprechend müde. Ihre Reaktion konnte deshalb nicht mehr so gut sein. Im Fall von Pat Schafhauser war der Unfall noch zufälliger. Er wurde vom Gegenspieler aus Versehen gecheckt.

Hätte Keller den Unfall verhindern können, wenn er weitergefahren wäre und die Bande dazu benutzt hätte, den Check zu absorbieren?Der Spieler sollte im Eishockey die Bande suchen, seinen Körper davor aufbauen und in Spannung sein, um bei einem Check wie ein Puffer zu funktionieren. Es laufen derzeit Studien mit flexiblen, leicht nachgebenden Banden, die einen zusätzlichen Schutz bieten. Solche Banden werden im Profieishockey Pflicht werden.

Zuerst hiess es, eine Diagnose zu Kellers Verletzung gebe es erst in zwei Wochen, nun ist die Lähmung definitiv. Wie ist die schnelle Gewissheit nun doch möglich?Grundsätzlich sind die Verantwortlichen in Nottwil vorsichtig mit der Diagnose, weil es immer wieder Überraschungen gibt. Es gibt aber aufgrund der Symptome und bildgebenden Verfahren Fälle, in denen die Ärzte sagen können, dass der Patient mit grösstmöglicher Wahrscheinlichkeit gelähmt bleiben wird. Ob gewisse Restfunktionen zurückkommen, sei dahingestellt. An den Rollstuhl aber wird Keller bei der kommunizierten Diagnose gebunden bleiben.

Wie geht es jemandem, dem die Diagnose querschnittgelähmt gestellt wird?Sie können sich vorstellen, wie es Ihnen ginge. Am Anfang ist es ein enormer Stress, weil die Betroffenen merken, dass sie nichts mehr spüren, dass sie sich nicht mehr bewegen können. Dann erhalten sie die Bestätigung, dass sie mit grösster Wahrscheinlichkeit querschnittgelähmt sind. Das ist eine psychophysische Belastung, die unvergleichbar ist.

Wie haben Sie den Unfall von Pat Schafhauser damals im Stadion und als betreuender Arzt erlebt?Es war grauenhaft. Ich war immer ein Front-Mediziner und habe auch Todesfälle erlebt. Der Fall Schafhauser ging mir sehr nahe. Als ich nach dem Unfall aufs Eisfeld kam, sah ich sofort, was los war. Danach funktionierte ich einfach noch, instinktiv, wie ich es gelernt hatte. Es war eine Totenstille in der Halle, man hörte den Helikopter kommen . . . Ich benötigte viel Zeit, um darüber hinwegzukommen. Ich habe den Verursacher des Unfalls intensiv betreut und mit ihm viele Gespräche geführt, das hat auch mir geholfen.

Machen Sie Kellers Gegenspieler Stefan Schnyder einen Vorwurf?Ich war nicht dabei und mache niemandem einen Vorwurf. Es ist aber wichtig, wieder einmal zu sehen, was man mit einem solchen Check auslösen kann. Es gibt viele Checks an der Bande, die zum Glück ohne Folgen bleiben – nun war es einer zu viel. Wenn es uns gelingt, die gefährlichen Checks in Zukunft zu verhindern, haben wir schon viel erreicht.

Einen Schutz vor Querschnittlähmungen gibt es auch mit besserer Ausrüstung nicht?Nein. Es wirken unvorstellbare Kräfte auf den Körper, wir reden von Tonnen, dagegen hilft kein Rückenpanzer und kein anderes Hilfsmittel.

Ist Eishockey zu schnell geworden?Eindeutig. Wir müssen uns darum schon überlegen, wie wir das Spiel verlangsamen können. Oder uns die Frage stellen: Wo sind Checks erlaubt? In allen Zonen oder nur noch im Verteidigungsdrittel?

Können Sie Eltern ohne schlechtes Gewissen empfehlen, die Kinder zum Eishockey zu schicken?Ja, denn wenn man es mit anderen Sportarten vergleicht, schneidet Eishockey erstaunlich gut ab, was das Verletzungsrisiko angeht. Natürlich verletzen sich Kinder beim Sport. Aber es gibt daneben so viele positive Ansätze. Sie lernen, im Team zu arbeiten, mit Ansprüchen und mit Niederlagen umzugehen. Und sie lernen, Respekt zu haben vor dem Gegner und vor der eigenen Gesundheit.

Wie häufig sind schwere Verletzungen in Sportarten wie Snowboard oder Skicross?Die sind wesentlich gefährlicher.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt