Zum Hauptinhalt springen

Der EHC Biel – ein wenig Casino-Feeling, ein wenig Karma

Ein Sieg fehlt zum Finaleinzug. Die Seeländer hat allen Unkenrufen zum Trotz der Mut nicht verlassen.

Endstation: Der Berner Gregory Sciaroni prallt am Bieler Beat Forster ab.
Endstation: Der Berner Gregory Sciaroni prallt am Bieler Beat Forster ab.
Anthony Anex, Keystone

Nein, so reagiert keine Mannschaft mit Muffensausen. Und das war den Bielern vom Grossteil der Eishockey-Schweiz prophezeit worden, als sie nach 2018 nun auch dieses Jahr einen 2:0-Vorsprung im Halbfinal preisgaben. Letzte Saison, gegen Lugano, folgten auf den Ausgleich in der Serie zwei weitere Niederlagen und das Saisonende.

Natürlich, der EHC Biel kann trotz nun 3:2-Führung immer noch den Final verpassen, zu eng und zu unberechenbar war diese faszinierende Serie gegen Bern bis jetzt, um ernsthaft irgendwelche Prognosen wagen zu können. Aber nach dem 2:0-Sieg in Bern am Donnerstag steht er eben auch nur einen (Heim-)Sieg vor dem Finaleinzug.

Ein Finaleinzug nach einem Triumph über den grossen SCB? Dieser Erfolg wäre für den Club wohl nur noch mit den drei Meistertiteln in der Vor-Playoff-Zeit 1978, 1981 und 1983 vergleichbar.

Forster ist selbstbewusst – er darf es sein

«Wir fahren jetzt nach Hause, und am Samstag machen wir den Sack zu.» Beat Forster sagte dies nach dem Sieg in Bern fast schon so nebenbei. Und natürlich ist Biels Routinier in der Abwehr nie verlegen, gegen aussen Stärke zu demonstrieren. Als er vor zwei Jahren aus Davos ins Seeland wechselte, erklärte er gleich als erstes, mit Biel Meister werden zu wollen – es dürften ihn da wohl auch einige Anhänger des Clubs für verrückt erklärt haben.

Aber diese Bieler Mischung aus Selbstvertrauen und Verspieltheit, sie widerspiegelt sich eben nicht nur in Worten, sondern auch in den Taten auf dem Eis. Ein ängstlicher EHC Biel mit der Furcht in den Augen, wieder das Gleiche zu erleben wie 2018, der wäre ganz anders in dieses kapitale Spiel 5 in Bern getreten.

Doch Trainer Antti Törmänen entschied sich für die mutige Variante. Sowohl im Start-, als auch im Schlussdrittel war seine Mannschaft bei 5-gegen-5-Hockey mindestens so aktiv wie der Gegner. Das war gerade in den letzten 20 Minuten, die Biel mit einem 1:0-Vorsprung in Angriff nahm, alles andere als selbstverständlich.

Wie viele Teams kommen nach Bern und verfallen bei einem Vorsprung so kurz vor Schluss nicht der Versuchung, in den Verwalter-Modus umzustellen?

Der beschwerlichere Weg des SCB

Natürlich half den Bielern der bislang beschwerlichere Playoff-Weg des SCB, der sich langsam bemerkbar macht und gerade die von Kari Jalonen forcierten Spieler dann und wann stumpf und ausgelaugt wirken lässt.

Und erst recht hilft von Spiel zu Spiel immer mehr, dass Törmänen die Einsatzzeiten seiner Stürmer fast schon auf absurde Weise ausgeglichener verteilt: Am Donnerstag betrug die Differenz zwischen dem am meisten forcierten SCB-Angreifer (Thomas Rüfenacht/22:31 Minuten) und jenem des EHC Biel (Marc-Antoine Pouliot/17:25) exakt fünf Minuten.

Doch wie Törmänens Team im Schlussdrittel Shift für Shift lief und lief und lief, nicht in den Verwaltermodus schaltete, Bern permanent im Aufbau störte, ohne die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive zu verlassen, das war beeindruckend, das hatte den Hauch eines fast perfekten Drittels.

Törmänen coachte sehr aktiv, seine Handbewegungen drückten seine Wünsche klar aus: Schnelle Shifts! Und nie passiv werden, nie stehen bleiben, nie abwarten, was der Gegner im Aufbau dann macht!

Maurer: «Diese Null freut mich mehr als ein Tor»

«Souverän – so fühlte es sich eigentlich auch an. Wir brachten jeden Puck aus der Gefahrenzone, da war ein grosser Zusammenhalt im Team zu spüren.» Das sagte Marco Maurer, der Verteidiger, der bei Biel mit Abstand am häufigsten im Unterzahlspiel eingesetzt wurde. Also in jener Spezialdisziplin, die immer noch die letzte grosse Baustelle im Bieler Spiel ist – auch wenn sich Maurer gegen die Bezeichnung «Baustelle» wehrte. Schliesslich überstand sein Team fünf Berner Powerplays und neun Minuten Unterzahl ohne Gegentor.

Bislang im Playoff hatte Biel über eine unfassbar schwache Boxplay-Erfolgsquote von bloss 50 Prozent aufgewiesen, Bern hatte in den ersten vier Spielen sechs Treffer aus 12 Powerplays erzielt. «Diese Null im Boxplay – sie freute mich am meisten an diesem Abend», gestand darum Maurer. «Es ist mir egal, ob ich ein Tor schiesse oder nicht. Aber diese Null …»

Der Weg zu dieser «Null», er war allerdings abenteuerlich. Im Mitteldrittel fand Biel gegen ein starkes und abwechslungsreiches und mobiles Berner Powerplay kaum ein Mittel, der SCB traf aber drei Mal den Pfosten oder scheiterte an einem gross aufspielenden Jonas Hiller im Bieler Tor.

Der Offensivdrang in Unterzahl

Eines ist auffällig: wie sehr die Bieler Stürmer auch in Unterzahl den Angriff suchen. Mit Robbie Earl, Pouliot und Toni Rajala setzen sie gleich drei Angreifer auch im Boxplay ein, die im Zweifel eher offensiv denn defensiv denken. Gerade Earl brachte am Donnerstag seine Boxplay-Kollegen zwei Mal in die Bredouille, als er statt der sicheren die offensive Variante suchte, hängen blieb und damit kurz für Chaos vor dem Bieler Tor (und zwei der drei Berner Pfostenschüsse) sorgte.

Das mag im ersten Moment wie offensiver Wahnsinn daherkommen und damit gar nicht so zum Bieler Spiel bei 5-gegen-5 passen. Zumal Biel in Unterzahl schon Konter-Gegentreffer kassierte (zum Beispiel in Spiel 4), was im Eishockey die wohl seltenste Tor-Spezies ist.

Es könnte aber auch mehr dahinterstecken.

Praxis oder bloss Theorie?

Taucht man tief in die Welt der Eishockey-Datenanalyse ab, stösst man auch auf dieses Thema und interessante Zahlen. In einer Studie über die NHL-Saison 2016/17 wurde zum Beispiel festgestellt, dass bei Transitions-Kontern (also 1-gegen-0, 2-gegen-1 oder 3-gegen-2) bei 5-gegen-5-Eishockey in 18 Prozent der Fälle ein Tor resultiert. Bei den genau gleichen Transitions-Kontern einer Mannschaft in Unterzahl springt diese Zahl aber auf 27 Prozent.

Was zunächst als unlogisch erscheint und sich ein wenig wie Casino-Feeling anfühlt, hat aber einen Grund: Teams tendieren immer mehr zu Powerplay-Formationen mit nur einem Verteidiger und vier Stürmern. Und weil Stürmer halt Stürmer sind, denken sie auch nach Puckverlusten eher offensiv als Verteidiger. Ein Konter in Unterzahl darum ist im grossen Bild also, zumindest statistisch, vielversprechender.

Der SCB ist da aber eine kompliziert zu knackende Powerplay-Maschine: Die erste Formation mit nur einem Verteidiger (Calle Andersson) aber vier Stürmern (Thomas Rüfenacht-Simon Moser-Andrew Ebbett-Mark Arcobello) spielt meistens in der 1-3-1-Formation:

(Screenshot MySports)

Die zweite mit zwei Verteidigern (Eric Blum-Ramon Untersander) und drei Stürmern (André Heim-Tristan Scherwey- Jan Mursak) wechselt hingegen oft in ein für Konter weniger anfälligeres 2-1-2:

(Screenshot MySports)

Das scheint den EHC Biel, gerade was Earl betrifft, aber nicht gross zu kümmern – er sucht die Konter vehement gegen beide Formationen …

Einer der Bieler Stamm-Verteidiger in Unterzahl, die das dann von hinten anschauen dürfen (oder müssen …), ist Forster, und er stellt fest: «Vielleicht machen wir das etwas zu oft. Und gerade wenn das im Mitteldrittel passiert, wenn die Wege zum fliegenden Wechsel länger sind, gibt das dann halt etwas lange Shifts für uns …»

Aber Forster will auch das festgehalten haben: «Wir sind eine Mannschaft, die gerne läuft, wir haben viele Stürmer, die gerne mit dem Puck spielen. Du kannst ihnen also nicht wirklich böse sein …» Die Frage hier ist halt auch, wie sehr eine Mannschaft den Freipass erhält, diese Lauf- und Spielfreude auch auszuspielen. Was übrigens auch nicht zu vergessen ist: Das am Ende entscheidende 1:0 in Bern schoss … Robbie Earl.

Maurer: «Erstmals Karma in unserem Eishockey»

Es fiel dann zwei Minuten vor Schluss auch das 2:0, und dazu gab es noch diese Episode hier, die ebenfalls nicht unerwähnt bleiben soll. Es war am Dienstag in Spiel 4 in Biel die meistdiskutierte Szene gewesen: Als der Berner Yannick Burren dieses abgerundete Ende des Plexiglases bei der Bieler Spielerbank ungewollt traf, was dem Puck jenen unberechenbaren Richtungswechsel gab, den es benötigte, um Biels Goalie Jonas Hiller aus dem Konzept zu bringen und Simon Moser den 1:0-Treffer zu ermöglichen. Der Tenor nach dem Spiel bei Spielern, Trainern und Zuschauern: «Wir sahen was Einmaliges, Zufälliges heute. Das ist nicht reproduzierbar.»

Biel – Bern und das Plexiglas, Teil 1. (Video: SRF)

Und was geschah nun am Donnerstag, als der SCB ohne Goalie und verzweifelt den 1:1-Ausgleich suchte? Genau: Es war der Berner Andrew Ebbett, der den Puck auf die selbe Weise tief ins Bieler Drittel schiessen wollte wie Burren zwei Tage vorher. Und auch er traf genau dieses runde Glas, von wo aus der Puck in hohem Bogen zum Bieler Pouliot flog und dieser ihn nur dank dieses Zufalls ins leere Berner Tor zum 2:0-Endstand schiessen konnte.

Bern – Biel und das Plexiglas, Teil 2. (Video: SRF)

Der erste Gratulant Pouliots auf dem Eis hatte ein breites Grinsen im Gesicht: Marco Maurer. «Ich konnte nicht anders, ich musste einfach lachen», sagte der Verteidiger. Denn zwei Mal solch ein unmögliches Ding, einmal zu Gunsten der einen, dann zwei Tage später der anderen Mannschaft, das könne nur eines bedeuten, so Maurer: «Wir haben in unserem Eishockey erstmals Karma erlebt …»

«Ich konnte nicht anders, ich musste einfach lachen»: Marco Maurer (links) beglückwünscht Marc-Antoine Pouliot zu seinem kuriosen Treffer. (Bild Urs Lindt/freshfocus)
«Ich konnte nicht anders, ich musste einfach lachen»: Marco Maurer (links) beglückwünscht Marc-Antoine Pouliot zu seinem kuriosen Treffer. (Bild Urs Lindt/freshfocus)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch