Den Blick aufs ganze Bild nicht vergessen

Warum der Weg der Schweizer U20 der Richtige ist, sie aber dennoch nicht wirklich zu den Top-4 der Welt gehört.

Rang 4 an der WM: die Schweizer U20-Nationalmannschaft.

Rang 4 an der WM: die Schweizer U20-Nationalmannschaft.

(Bild: Keystone Darryl Dyck)

Kristian Kapp@K_Krisztian_

Die Schweizer U20 konnte es den «Grossen» nicht nachmachen, gewann keine WM-Medaille. Dieser 4. Platz auf der höchsten Junioren-Stufe ist dennoch mindestens so viel Wert wie Silber der Erwachsenen. Wenn nicht gar mehr. Denn innerhalb eines Jahrgangs ist die Auswahl kleiner, spielt der Nachteil der Schweiz zu den grossen Eishockey-Nationen, im Verhältnis viel weniger lizenzierte Spieler zu haben, eine gewichtigere Rolle.

Da ein paar NHL-Stammspieler nicht verfügbar sind, ist die Weltmeisterschaft auf U20-Stufe zwar nicht die aussagekräftigste aller Turniere – das ist jene auf U18-Level, an der wirklich (fast) aus dem Vollen geschöpft werden kann. Dennoch repräsentiert die U20-WM die Stärkeverhältnisse eher als die «richtige» WM, die jeweils vom gleichzeitig stattfindenden NHL-Playoff stark beeinflusst wird.

Die Parallelen zum A-Nationalteam

Ist die Schweiz nun wirklich die Nummer 4? Es gibt zwei Optiken. Jene mit dem «Vorwurf» des Opportunismus: Die Mannschaft von Headcoach Christian Wohlwend gewann von sieben WM-Spielen nur jene zwei, die sie benötigte für den 4. Rang: Das Gruppenspiel gegen den Absteiger Dänemark, der alle seine sechs WM-Spiele verlor – fünf davon, ohne ein Tor zu erzielen. Sowie den Viertelfinal gegen die Schweden, die zwar klar favorisiert, aber durch eine Magen-Darm-Grippe, die einen Teil des Teams erfasst hatte, angeschlagen ins Duell gingen.

Diese Sicht greift indes zu kurz. Wichtiger als die nackten Resultate ist der Blick auf die Art und Weise, wie die Schweizer Eishockey spielten. Da sind die Parallelen zur A-Nationalmannschaft offensichtlich. Der Erfolg wird mutig, selbstbewusst, bissig, offensiv gesucht – vertrauend auf die grösste Stärke, der schlittschuhläuferischen Qualität. Dies tut sie konsequent auch gegen Teams, die individuell besser besetzt sind, was Pass- und Schusstechnik oder Puckkontrolle angeht – und das sind halt immer noch alle aus den Top 6: Finnland, Kanada, Russland, Schweden, Tschechien, USA. Auch das zeigte die U20-WM auf.

Der Einfluss der «Nordamerikaner»

Nein, die Schweiz ist darum im grossen Bild nicht die Nummer 4, sie schafft es aber immer häufiger, die grossen Sechs nicht bloss zu ärgern, sondern auch zu schlagen. Darum ist der aktuelle Schweizer Weg ohne Wenn und Aber der richtige. Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer und sein Trainer-Staff sind drauf und dran, eine positive, eigene Schweizer Eishockey-Kultur zu kreieren.

Wie bei den Erwachsenen hilft auch bei den Junioren der Einfluss der «Nordamerikaner»: Die Hälfte von Wohlwends Team spielt in Juniorenligen in Übersee und hat diese unschweizerische Mentalität, diese «Unbescheidenheit», verinnerlicht. Das ist Voraussetzung für grosse Erfolge.

Der Hilferuf und die Swiss League und ihre Farm-Teams

Ein Hilferuf Wohlwends im Interview mit dieser Zeitung soll noch erwähnt werden: «Setzt doch die Jungen ein!» lautete sein Appell an Schweizer Clubs, die zwar über hohe Löhne klagen, jungen Spielern dennoch nur in Ausnahmefällen echte Chancen geben.

Natürlich machen junge Spieler mehr Fehler. Eines der Bilder, die von der WM bleiben werden, ist die Szene kurz vor Schluss gegen Schweden, als Wohlwend einen Spieler tadelt, weil dieser ein unnötiges, weil «forciertes» Offside verursachte, dieses bescherte der Schweiz ein Bully vor dem eigenen Tor – ein klassischer Faux-pas eines Rookies.

Aber wie soll ein junger Spieler auf höchster Stufe lernen, wenn er kaum Einsätze erhält? Ein Grund für die grosse Anzahl Schweizer Junioren in Kanada ist die fehlende Perspektive auf einen Platz in einem NLA-Club.

Gut, gibt es die Swiss League und ihre drei Farmteams GCK, Biasca und EVZ Academy – auch das ist ein Aspekt des Auftritts der U20. Knapp ein Drittel von Wohlwends Team hat diese Saison in einem dieser drei Teams gespielt. Diese sind den Gegnern und ihren Fans ein Dorn im Auge, da sie keine Zuschauer mobilisieren. Aber genau sie bieten jenen Youngsters Bewährungschancen, die von den Clubs eine Stufe höher verwehrt werden. Auch hier lohnt der Blick aufs grosse Bild.

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