Die WM als Milchkuh für die ganze Familie

Im Eishockey gibt es jedes Jahr im späten Frühling eine WM, sogar wenige Monate nach dem olympischen Turnier. Das hat einen ganz bestimmten Grund.

Lebensnerv: IIHF-Präsident René Fasel weiss, warum jedes Jahr eine WM im späten Frühling durchgeführt wird.

Lebensnerv: IIHF-Präsident René Fasel weiss, warum jedes Jahr eine WM im späten Frühling durchgeführt wird.

(Bild: Keystone)

Florian A. Lehmann@tagesanzeiger

Was haben Hongkong, Nordkorea, Georgien, Bulgarien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Luxemburg gemeinsam? Richtig – es sind alles Nationen, die dem Internationalen Eishockey-Verband (IIHF) angeschlossen sind und im April im luxemburgischen Kockelscheuer die WM der Division III austrugen. Dass die breite Öffentlichkeit von diesem Turnier, in dem kuriose Resultate wie das 22:1 von Nordkorea gegen Kanonenfutter Georgien keine Seltenheit waren, kaum bis keine Notiz nahm, erstaunt nicht. Der Internationale Verband mit Sitz in Zürich lässt dieses Turnier durchführen, damit sich die Eishockeyfamilie näherkommt und ein sportlicher Beitrag zur Entwicklungshilfe auf Eis geleistet wird.

Dieser Event in der mit 768 Zuschauern fassenden Patinoire de Kockelscheuer wäre finanziell nicht durchführbar gewesen, wenn sich nicht ab Freitag in Minsk die besten Eishockeynationen im alljährlichen Stelldichein messen würden. Dass der IIHF jedes Jahr im späten Frühling eine WM durchführt – sogar dann, wenn zwei Monate zuvor ein weltweit beachtetes olympisches Turnier stattfand –, sorgt stets für allgemeines Kopfschütteln in der Sportwelt.

René Fasel, der Freiburger Obmann des Verbandes, zeigt Verständnis für diese Kritik. Es ist ihm bewusst, dass ein zwei- oder gar vierjähriger WM-Turnus mehr Publizität bringen und auch den sportlichen Wert steigern würde. «Aber wir sind auf die alljährlichen Marketingeinnahmen dieser WM angewiesen», muss der IIHF-Präsident immer wieder erklären. Mit diesem Betrag, den die NZZ jüngst mit über 30 Millionen Franken jährlich bezifferte, werden alle Turniere berappt, auch die Titelkämpfe der Junioren und der Frauen. Ohne die WM würde die Wettbewerbsstruktur des Verbandes in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus oder so weich werden wie ein Freiburger Vacherin-Fondue. Die Eishockey-WM im Mai ist der finanzielle Lebensnerv des Verbandes – da gibt es nichts zu rütteln.

Grosse Dichte von gut ausgebildeten Spielern

Bei vielen namhaften Eishockeyprofis hält sich die Lust, nach Olympia noch ein anstrengendes WM-Turnier zu bestreiten, in Grenzen. Diesen Fakt erlebt Sean Simpson in seiner vierjährigen Zeit als Schweizer Nationalcoach nach dem Jahr 2010 nun schon zum zweiten Mal. Simpson ist beileibe nicht der einzige Personalchef, der im Vorfeld des Turniers von Minsk von Absagen überschwemmt wurde. Anderen Trainern erging es nicht besser. Kanadier, Tschechen und Schweden werden mit einer zweitklassigen Auswahl antreten, wobei nicht nur Simpson auf den einen oder anderen Arbeitnehmer hofft, der mit seinem NHL-Team im Stanley Cup ausgeschieden ist und doch noch zum WM-Team in Weissrussland stösst. Der Schweizer Coach schätzt sich glücklich, dass er in seinem B-Team mit Roman Josi wenigstens den MVP der letzten WM in seinen Reihen hat. Russlands neuer Headcoach Oleg Znarok beispielsweise setzt auf die grossen Kreise und die gewaltige Schusskraft von NHL-Superstar Alexander Owetschkin, der Rest der Sbornaja umfasst primär Spieler aus der KHL.

Sehen wir deshalb zweitklassiges Eishockey in Minsk? Kaum. Die Leistungsdichte an guten Spielern ist mittlerweile so gross, der Sport an und für sich derart packend, dass das Publikum bestimmt auf seine Rechnung kommen wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine WM mit weniger bekannten Professionals gleichwohl für ein beachtliches und hohes Niveau sorgen kann. Viele Spieler wollen sich an der WM im besten Licht präsentieren oder packen die Aufgabe mit viel Herz und Patriotismus an. Wie sehr beispielsweise die einsatzvollen Letten über sich hinauswachsen können, haben die favorisierten Schweizer bei der 1:3-Niederlage im olympischen Achtelfinal von Sotschi erleben müssen. Und der mit Stars gespickte spätere Olympiachampion Kanada setzte sich im Viertelfinal mühevoll mit 2:1 gegen die Balten durch.

baz.ch/Newsnet

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