Von allen guten Geistern verlassen

Der Horizont von Sportexperten reicht leider allzu häufig nicht über die Eckfahnen hinaus.

Der 500- bis 800-Millionen Euro-Deal für den Stürmerstar Neymar wirft begründete Zweifel auf, ob diese obszönen Geschäfte überhaupt noch etwas mit Sport zu tun haben.

Der 500- bis 800-Millionen Euro-Deal für den Stürmerstar Neymar wirft begründete Zweifel auf, ob diese obszönen Geschäfte überhaupt noch etwas mit Sport zu tun haben.

(Bild: Keystone)

Roland Stark

Journalisten und andere Erdenbewohner, die dem Irrsinnstransfer des brasilianischen Stürmerstars Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain Anerkennung zollen, muss man mit der Lupe suchen. In den Redaktionsstuben von Blick und Basler Zeitung wird man fündig. Deren Sportchef findet den 500- bis 800-Millionen Euro-Deal (inkl. Wechselprämien, Handgeld, Gehalt etc.) allen Ernstes «grossartig». Er stehe «für den weltweiten Siegeszug des Fussballs». Das «Geschrei», das selbst aus dem innersten Zirkel des Fussballs ertöne, nennt er «heuchlerisch und verlogen». (BaZ, 3.8.2017)

Allerdings bestehen begründete Zweifel, ob diese obszönen Geschäfte überhaupt noch etwas mit Sport zu tun haben. Sinnvollerweise verzichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf den Druck eines eigenständigen Sportteils. Am Sonntag hat sie die Berichterstattung in den Bund «Geld & Mehr» integriert, unter der Woche in den Bund «Finanzen». Auch die Rubrik «Unfälle und Verbrechen» würde sich bestens eignen.

Der Hauptstadtclub Paris Saint-Germain ist, ebenso wie die Fussball-WM 2022, ein wichtiger Bestandteil der Aussenpolitik des Golf-Emirats Katar. Mit Sportsponsoring und vor allem mit Fussball will Scheich Tamim bin Hamad Al Thani sein angeschlagenes internationales Renommee aufpolieren. Dabei geht sein Regime beim Bau der Fussballstadien und auch bei der tatkräftigen Unterstützung von Terroristen buchstäblich über Leichen.

Tore zählen und Spieler benoten. Das genügt.

In der abgeschotteten Sportblase finden lästige Fakten nur wenig Beachtung. Schon der selbsternannte Arabien-Experte Franz Beckenbauer konnte auf seinen Pilgerfahrten nach Katar «keinen einzigen Sklaven» entdecken. «Die laufen alle frei rum», plauderte der Kaiser, «weder in Ketten, gefesselt oder mit Büsserkappe am Kopf.»

Der Horizont von Sportexperten reicht leider allzu häufig nicht über die Eckfahnen hinaus. Tore zählen und Spieler benoten. Das genügt. Ein anschauliches Beispiel dafür hat die Süddeutsche Zeitung ausgegraben.

Der spätere «Tagesthemen»-Moderator und Abteilungsleiter Sport beim ZDF, Hanns-Joachim Friedrichs, berichtete 1978 von der Fussball-WM in der Militärdiktatur Argentinien. Ein Film, der die mörderischen Zustände nicht beschönigte, stiess bei Springers Bild am Sonntag auf harsche Kritik. «Betreiben Sie eigentlich politische Agitation oder Fussball-Berichterstattung?», fragte der BamS-Reporter den Reporter. Und gab ihm unmissverständlich den Tarif durch: «Ihre Zuschauer, Herr Friedrichs, und unsere Leser haben diese Art tendenziöser Interviews und Berichte, die sich nur am Rande mit Fussball beschäftigen, nämlich satt.» (SZ, 5.8.2017)

Der Sport ist auf den Hund gekommen.

Für 300 Millionen Euro zierte von 2013 bis 2016 das Logo von Quatar Airways Barças Leibchen. Die Werbung für Unicef wurde auf die Rückseite verbannt. In der BaZ wird der Wüstenscheich nun dafür gelobt, dass er die Riesensummen nicht für Waffen in einem neuen Golfkrieg oder ein Ozeaneum verplempere, sondern in den Sport investiert habe. In diesem Jahr sind nach Angaben von Unicef wieder allein in Afrika 1,4 Millionen Kinder akut vom Hungertod bedroht. Mit der halben Milliarde Euro für Neymar könnten viele davon gerettet werden.

Nicht erst seit diesem Sommer haben sich ethische Prinzipien und zivilgesellschaftliche Errungenschaften im Profifussball in Luft aufgelöst. Der Sport ist auf den Hund gekommen.

Wirklich grossartig, dieser Siegeszug.

Basler Zeitung

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