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Verzweifelter Kampf um seinen Ruf

Granit Xhaka wurde von Experten mit scharfen Worten attackiert, er gilt als Raubein. Jetzt kehrt er nach seiner Sperre ins Team von Arsenal zurück.

Zwischen Frust und Freude: Granit Xhaka erlebt bei Arsenal alle erdenklichen Emotionen. Bild: Getty Images
Zwischen Frust und Freude: Granit Xhaka erlebt bei Arsenal alle erdenklichen Emotionen. Bild: Getty Images

Am vorletzten Sonntag hob Jamie Vardy hoch und spektakulär ab, bis er hart auf den Boden prallte. Juan Mata hatte ihn abgeräumt, das gestreckte Bein in der Luft, die Schuhsohle voraus. Er habe ja keine Absicht gehabt, Vardy zu verletzen, verteidigte sich der Spieler von Manchester United, er habe nur versucht, den Ball zu erreichen. Mata kam im Spiel gegen Leicester mit einer Verwarnung davon.

In «Match of the Day» rechtfertigte Experte Jermaine Jenas das Verdikt: «Es geht um Mata. Er ist ein fairer Spieler. Es ist ein richtiger Entscheid.» Es wäre spannend gewesen, wenn der Giftzwerg Danny Murphy an diesem Abend im Studio von BBC gesessen hätte. Hätte er auch so unverständlich viel Gnade walten lassen wie der freundliche Jenas, immerhin 21-facher englischer Nationalspieler?

Dumm, hirnlos, rücksichtslos?

Murphy ist der Mann, der sich im Dezember Granit Xhaka an gleicher Stelle vorgeknöpft hatte. Im Gedächtnis geblieben sind Formulierungen wie: «Er hat eine dreckige Seite in seinem Spiel», oder besonders: «Mit ihm auf dem Feld mache ich mir Sorgen um Arsenal.»

Xhaka hatte damals Joe Allen im Spiel von Arsenal gegen Stoke mit dem Ellbogen im Gesicht getroffen und einen Elfmeter verschuldet. Was für seinen Trainer Arsène Wenger «nicht einmal ein Foul» war, diente Murphy als Auslöser, auf Xhaka loszugehen. Seit jenem Tag trägt der Schweizer auf der Insel das Stigma des unbeherrschten Raubeins.

Die rote Karte gegen Swansea. Video: Youtube

Er hat lernen müssen, dass die englische Öffentlichkeit unnachgiebig sein kann, wenn sie sich einmal in ein Thema verbissen hat; dass sie dann nicht mehr vorurteilsfrei denkt und Unterschiede zwischen Xhaka und Mata macht, zwischen Xhaka und ganz vielen anderen, die mit beiden Beinen voraus in Zweikämpfe steigen und doch gnädig davonkommen.

Jamie Redknapp, noch einer der vielen Alt-Internationalen, die als Experten bei einem TV-Sender viel Geld verdienen, nannte Xhakas bislang letzte unsaubere Aktion gegen Burnley «hirnlos». Einzelne Zeitungen urteilten an jenem 23. Januar nicht freundlicher. Gegen Burnley hatte Xhaka von Steve Defour den Ball zurückholen wollen, den er ihm zuvor aus drei Metern in die Füsse gespielt hatte. Er setzte nach, beide Beine voraus. Der Umstand, dass er sie dabei am Boden hatte, bewahrte ihn nicht vor der roten Karte. Das Strafmass brauchte ihn bei Jonathan Moss nicht weiter zu wundern. Es war wieder derselbe Schiedsrichter, der ihn schon am 15. Oktober gegen Swansea vom Platz gestellt hatte. Xhaka erhielt vier Spielsperren.

Ist Xhaka darum also hirnlos, dumm, rücksichtslos, undiszipliniert, dreckig, wie ihm von Murphy und Co. vorgehalten wird? Aber ist er das wirklich alles? Und wie passen die bislang neun Platzverweise in seiner Profikarriere zu einem jungen Mann, der sich wohlerzogen geben kann?

«Hat mich nicht allzu sehr berührt»

Er selbst will sich um diese Fragen nicht weiter kümmern. «Es ist die Meinung eines Ex-Fussballers, die mich in dieser Form nicht allzu sehr berührt», hat er der Nachrichtenagentur SDA im Zusammenhang mit Murphys Urteil gesagt.

Was nichts daran ändert, dass er jetzt in der harten Lehre steckt. Die Premier League ist nicht mehr die Bundesliga, wo er trotz aller Aussetzer als Chef der Mannschaft von Mönchengladbach respektiert war; und schon gar nicht mehr die Super League, wo er beim FC Basel so viel mehr Talent mitbrachte als die Gegner, dass Unsauberkeiten in seinem Spiel nicht nötig waren. Er muss jedoch erst noch wirklich begreifen, wie es in England zu und her geht, was physisch auf dem Platz verlangt wird und was auch moralisch daneben. Er muss lernen, wie tief die Hemmschwelle ist, wenn es um Vorurteile geht, wie schnell etwas zum vermeintlichen Skandal wird.

Der Platzverweis gegen Burnley. Video: Youtube

Jüngst brachte er den Bruder seiner Freundin auf den Flughafen von Heathrow, das Gate war schon zu, als sie ankamen. Danach soll er eine Angestellte beleidigt haben. Von Rassismusverdacht war gleich die Rede. Und dass er von der Polizei verhört worden sein soll. Xhaka verteidigte sich gegenüber Vertrauten, da sei nichts gewesen, die Polizei habe ihn nur gebeten: «Sir, kommen Sie noch schnell mit.»

Unglücklicherweise trug sich das am Tag nach dem Burnley-Match zu. Der Reflex in einzelnen Medien war schnell da: Xhaka, unbedarft auf und neben dem Platz. Dabei gibt es bis heute keinen Beleg für eine Verfehlung Xhakas auf dem Flughafen. Und sein Trainer Arsène Wenger stellt fest: «Ich kann nur über das reden, was ich von ihm hier bei Arsenal gesehen habe. Er hat eine fantastische Einstellung und zeigt das jeden Tag.»

Er hat noch zu oft Aussetzer

Xhaka ist nicht bösartig, und trotzdem ist eines auch unbestritten: Er neigt im Spiel noch zu oft zu Aussetzern. Das hat viel damit zu tun, dass er die Technik des Grätschens nicht beherrscht. Würde er das, wäre ihm der Platzverweis gegen Swansea erspart geblieben und der gegen Burnley erst recht. Und würde er sich in Zweikämpfen geschickter verhalten, hätte er auch nicht ohne Not den Elfmeter in Bournemouth verschuldet.

Das unbedarfte Einsteigen gegen Bournemouth. Video: Youtube

Mit solchen Aktionen ist er immer wieder aufgefallen. Er lässt sich ein auf Situationen, die zum einen unnötig sind und zum anderen Mitspieler verärgern können, wenn der Erfolg dadurch gefährdet wird. Dabei hat Xhaka auch in England schon oft genug bewiesen, dass er den Anforderungen der Liga gewachsen ist. Sein Passspiel ist hervorragend, die Mitspieler suchen ihn auf dem Platz, hundert Ballkontakte und mehr pro Spiel sind bei ihm die Regel.

Vielleicht hat er die letzten Tage genutzt, sich an das zu erinnern, was er einmal im «Tages-Anzeiger» nach einem Platzverweis während seiner Gladbacher Zeit sagte: «Ich hätte mich cleverer verhalten können.» Sein Ausbruch habe nichts mit seiner albanischen Emotionalität zu tun, ergänzte er, nur mit einem: «Ich habe zu wenig überlegt. Und das ist das, was ich noch lernen muss.»

Morgen kann er damit beginnen. Im Achtelfinal der Champions League tritt Arsenal bei Bayern München an.

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