Sie schauen aktiv weg

Gegen Fifa-Präsident Infantino müsste längst eine Untersuchung laufen.

Gianni Infantino baut die Fifa zur Dunkelkammer um. Foto: Getty

Gianni Infantino baut die Fifa zur Dunkelkammer um. Foto: Getty

Florian Raz@razinger

Das ging aber für einmal fix. Kaum wurden im Rahmen der zweiten Staffel der Football Leaks schwere Vorwürfe gegen Fifa-Präsident Gianni Infantino laut, da war auch schon eine Untersuchung durch eine unabhängige Instanz angeordnet. Bloss ist es natürlich nicht der Weltfussballverband, der tätig wurde; es ist die Walliser Staatsanwaltschaft. Sie will wissen, ob es strafrechtlich relevant ist, dass einer ihrer Ermittler mit Infantino Gefälligkeiten und Einladungen an Matchs ausgetauscht hat.

Wer dagegen bei der Fifa anfragt, ob sie eine Untersuchung gegen ihren Präsidenten eingeleitet habe, wird abgewimmelt. Die Ethikkommission kommentiere «normalerweise nicht, ob Untersuchungen zu mutmasslichen Fällen laufen». Das passt wunderbar zur Amtszeit Infantinos. In seinen knapp drei Jahren hat er alles unternommen, um die Fifa zu einer Dunkelkammer umzubauen, bei der Entscheidungen gerne im Hinterzimmer, in Privatjets russischer Oligarchen und vor allem unter engen Freunden getroffen werden.

Dazu gehört, dass Infantino mit einem Konzern mit engen Verbindungen zum Staatsfonds Saudiarabiens darüber verhandelt, für 25 Milliarden Dollar sogar die Rechte an der Weltmeisterschaft zu verkaufen. Dass er dazu aber keine Auskunft gibt. Das tut er nicht einmal den 37 Mitgliedern des Fifa Council gegenüber, die den Deal absegnen müssten.

Kreative Anwendung der Regeln

Dank Football Leaks ist bekannt, dass Infantino grundsätzlich ein Problem mit Gewaltentrennung oder geregelten Aufgabenbereichen zu haben scheint. Als Generalsekretär des europäischen Verbandes Uefa fädelte er für Paris St-Germain einen Deal ein, der den katarischen Besitzern Finanzdoping ermöglichte. Infantino wandte die Regeln dabei nicht nur derart kreativ an, dass der zuständige Untersuchungsrichter der Uefa von seinem Amt zurücktrat. Infantino interessierte sich auch wenig für die vorgeschriebene Unabhängigkeit der Untersuchungskommission.

Eigentlich müsste die Uefa, aufgeschreckt durch die Veröffentlichung belastender E-Mails und interner Dokumente, längst an die Öffentlichkeit getreten sein. Aber auch sie versteckt sich hinter einer dürren Verlautbarung. Sie habe die Möglichkeit, alte Fälle neu aufzurollen, sollten neue Informationen auf ein früheres Fehlverhalten hindeuten. Mehr mag sie nicht sagen. Vor allem beantwortet die Uefa keine einzige Frage zum Verhalten ihres damaligen Generalsekretärs. Sie sollte alarmiert sein ob des Verhaltens, das Infantino vorgeworfen wird. Stattdessen zieht sie es vor zu schweigen.

Und nicht nur sie. Man mag von Joseph Blatter denken, was man will. Aber der abgesetzte ehemalige Fifa-Präsident hat recht, wenn er in der «SonntagsZeitung» fragt: «Warum stehen die Landesverbände nicht auf und sagen etwas? Haben Sie einmal etwas vom Schweizer Verband dazu gehört? Kein Wort. Da stimmt doch etwas nicht.»

«Sollten Sie im Rahmen Ihrer Recherchen auf Beweise für kriminelles oder unethisches Verhalten treffen, sollten Sie nicht zögern, diese der Fifa zu schicken.»Fifa

Ja, da hat der seit 2015 für alle Tätigkeiten im Fussball gesperrte Blatter recht: Es stimmt etwas nicht, wenn sich bis heute weder die Uefa noch einer der grossen europäischen Verbände gegen Infantino auflehnen. Und ja, auch der Schweizer Verband dürfte durchaus darauf pochen, dass Regeln eingehalten werden. Denn dass die Fifa selbst ihrem Boss auf die Finger schaut, kann man getrost vergessen.

Das ist spätestens klar, seit Infantino ungestraft bei der Neubesetzung der Ethikkommission mitmischte. Oder als er die Ethikvorschriften der Fifa redigierte. Also jene Regeln, die ihn selbst überwachen sollen. Dass er das tat, sei «ein klarer Verstoss gegen den Kodex und die Statuten der Fifa», befand der frühere Ethikchefrichter Hans-Joachim Eckert. Untersucht wird gegen Infantino natürlich trotzdem nicht.

Dafür schreibt die Fifa treuherzig: «Sollten Sie im Rahmen Ihrer Recherchen auf Beweise für kriminelles oder unethisches Verhalten treffen, sollten Sie nicht zögern, diese der Fifa zu schicken, damit wir sie untersuchen können.» Irgendwie lustig, dass die Staatsanwaltschaft Wallis auch ohne eine derartige Zuschrift tätig werden konnte. Vielleicht lesen die Leute bei der Fifa weniger Zeitung als Walliser Staatsanwälte. Viel realistischer aber ist: Sie schauen bei ihrem Chef aktiv weg.

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