Zum Hauptinhalt springen

Notre-Dame auf der Brust und Madrid im Hinterkopf

Paris St-Germain ist französicher Meister, doch für die Scheichs zählen nur internationale Erfolge. Für zwei Stars ist der Club wohl nur Durchgangsstation.

Machte mit drei Toren gegen Monaco den Pariser Meistertitel im Alleingang klar: Kylian Mbappé will bei PSG bleiben – vorerst. (Bild: Anthony Dibon/Icon Sport via Getty Images)
Machte mit drei Toren gegen Monaco den Pariser Meistertitel im Alleingang klar: Kylian Mbappé will bei PSG bleiben – vorerst. (Bild: Anthony Dibon/Icon Sport via Getty Images)

Es gibt diese tolle Kameraeinstellung vom Dach des Prinzenparks, einer Asbestarena im XVI. Arrondissement. Da sieht man über den Dächern der Stadt den Eiffelturm im VII. Bezirk. Im Zoom entsteht der Eindruck, das Wahrzeichen stehe gleich neben dem Stadion. Alles fliesst ineinander, Paris und sein Fussballverein, «le PSG», als wäre es eine natürliche Symbiose. Das wird es natürlich nie sein. Dafür ist die Stadt viel zu gross, in jeder Hinsicht: Ville Lumière, Wiege von Revolutionen, Herz der Aufklärung. An jedem Spieltag gäbe es tausend grandiose Gründe, etwas anderes zu unternehmen, als eben eine Fahrt mit der Métro, Linie 9 oder 10, raus in den Parc des Princes. Eine Kunstausstellung, eine Retrospektive im Kino, ein Theaterstück, ein Flanierrunde, ein Essen.

Doch seitdem die Katarer PSG gekauft haben, vor acht Jahren, ging es ihnen immer mindestens so sehr um die Stadt wie um den Verein. Man wollte sich in ihrem Glanz sonnen, mit ihr strahlen, sich in ihr spiegeln. Als nun am Ostersonntagabend die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel auflief, um den sechsten Meistertitel in der katarischen Ära abzuholen, kampflos und frühzeitig, weil der Tabellenzweite Lille den Anschluss definitiv verloren hatte, da musste natürlich alles im Zeichen von Notre-Dame stehen, der halbwegs heruntergebrannten Kathedrale. Gar alles.

Den Anstoss besorgten zwei Feuerwehrleute, fünfhundert weitere sassen als Gäste auf der Tribune Auteuil. Auf der Trikotbrust prangte statt des Sponsors eine graphische Interpretation der Kathedrale, auf dem Rücken stand anstelle der Spielernamen bei jedem «Notre-Dame». Und ganz oben auf der Auteuil hatten sie eine Plastikplane ausgebreitet mit der Losung der Stadt, dem Wappenspruch auf Lateinisch: «Fluctuat nec mergitur» – etwa: Sie mag schwanken, geht aber nicht unter.

Ein Abend im Zeichen der Brandkatastrophe: Im Parc des Princes hängt ein Banner von Notre-Dame und der Losung der Stadt. (Bild: Mustafa Yalcin/Anadolu Agency/Getty Images)
Ein Abend im Zeichen der Brandkatastrophe: Im Parc des Princes hängt ein Banner von Notre-Dame und der Losung der Stadt. (Bild: Mustafa Yalcin/Anadolu Agency/Getty Images)

Nun liesse es sich trefflich darüber sinnieren, wie gut das alles zusammenpasst, die Katarer und die katholische Kirche, kulturell, geopolitisch und überhaupt: diese ganze Verschmelzung eines Staates vom Golf mit einer europäischen Stadt und ihrem Verein im Sinne des Marketings, der Soft Power, des Identitätstransfers. Aber es fragt schon lange niemand mehr.

Die Dominanz ist grotesk

PSG ist endlich Meister, der Spuk ist vorbei. Dreimal in den vergangenen Wochen wäre es bereits möglich gewesen, die lästigen Mühen abzuschliessen und sich dann auf das Pokalfinale zu konzentrieren, gegen Rennes am kommenden Samstag. Doch dann spielte man unentschieden gegen Strassburg, verlor recht sensationell 1:5 gegen Lille, dann auch noch 2:3 gegen Nantes. Der Titel kommt also etwas sehr spät, am 33. Spieltag erst, fünf Runden vor Saisonende. Aber er kommt wieder mit groteskem Abstand auf den Zweiten: 19 Punkte sind es diesmal. Tordifferenz der Pariser: plus 68.

Trainer Thomas Tuchel ist in Paris angekommen: Der Coach (M.) mit seinen zwei Superstars Neymar (l.) und Kylian Mbappé. (Bild: Jean Catuffe/Getty Images
Trainer Thomas Tuchel ist in Paris angekommen: Der Coach (M.) mit seinen zwei Superstars Neymar (l.) und Kylian Mbappé. (Bild: Jean Catuffe/Getty Images

Die peinlichen Auftritte gegen Lille und Nantes wirken nach, sie fühlten sich an wie eine logische Fortsetzung der eigentlichen Katastrophe dieser Saison, des Versagens in der Champions League. Nur an der Darbietung in Europa misst sich der Erfolg, auch der des Trainers. Meistertitel in der Ligue 1 gehören zur selbstverständlichen Inventarzugabe bei fast 600 Millionen Euro Jahresbudget. Tuchel mag gefeiert werden dafür, dass er das Spiel variiert, dass er ständig taktisch eingreift, umstellt, Spieler umdisponiert. Ein moderner, innovativer Coach sei er, heisst es immer. «Libération» findet: «Tuchel ist smart, elegant, charmant.» Und das muss ein Deutscher in Frankreich auch erst einmal schaffen.

Video: Das späte Aus in der Champions League

Marcus Rashford schiesst das Pariser Starensemble in der Nachspielzeit aus der Königsklasse. (Video: SRF)

Doch nichts wiegt die Schmach auf, gegen ein geschwächtes Manchester United ausgeschieden zu sein, erneut im Achtelfinale schon, nachdem man das Hinspiel 2:0 gewonnen hatte. «L’Equipe» schreibt, wenn Tuchel eine bleibende Spur hinterlassen wolle, dann müsse er die Champions League gewinnen. Wie es aussieht, wird er bleiben und das zumindest versuchen. Den Vertrag hat er schon mal bis 2021 verlängert. Tuchel war einst die Wahl von Doha gewesen, die Wette des Emirs persönlich. Als er verpflichtet wurde, hiess es in Paris, bon, okay, ein interessanter Mann: Aber was hat der schon gewonnen? Seine Vorgänger kamen mit Trophäen und Bekanntheit: Carlo Ancelotti, Laurent Blanc, Unai Emery.

Tuchels Quote überzeugt – zumindest national

Doch keiner von ihnen schaffte im ersten Jahr eine bessere Siegesquote als Tuchel, wenigstens in der Ligue 1: 81,8 Prozent aller Spiele gewann PSG mit dem Deutschen. Mit «Carletto» waren es im ersten Jahr nur 57,9 Prozent gewesen. Aber das war ja auch erst der Anfang der golfgalaktischen Zeiten. Tuchel beklagt sich gerne über den Sportdirektor des Vereins, den Portugiesen Antero Henrique, der ihm nicht das passende Personal zur Verfügung stelle.

Im Sommer dürfte es zum Showdown zwischen den beiden Männern kommen: Tuchel möchte eine Art «Manager à l’anglaise» werden, ein Trainer, wie man sie in England kennt, der für fast alles zuständig ist – auch und vor allem für die Transfers. «Tuchel will die Macht», titelte «L’Equipe» unlängst. Einige Positionen müssten verbessert werden, sagt der. Und eine neue Medizinabteilung bräuchte es auch. Wieder häuften sich zum Frühjahr die Verletzungen so sehr, dass zuweilen nur dreizehn Spieler des ersten Kaders gesund waren.

Noch wichtiger aber ist, dass zwei Herrschaften in Paris bleiben, an denen auch wirklich grosse Vereine ihre helle Freude hätten und für deren Dienste einige von denen unanständig viel Geld ausgeben würden: Neymar Junior und Kylian Mbappé.

«Ich bin in Paris, ich schreibe mit an diesem Projekt.»

Kylian Mbappé

Für Paris ist die Zukunft von Mbappé, dem Jungen aus der Vorstadt Bondy, erst 20 Jahre alt, zu einer Dauerobsession geworden: Bleibt er? Geht er zu Real Madrid? Nach dem Osterspiel gegen Monaco, in dem er alle Pariser Tore zum 3:1 beigesteuert hatte, brillant und wunderbar leichtfüssig, sagte Mbappé: «Ich bin in Paris, ich schreibe mit an diesem Projekt. Ich gönne es Real, dass es ‹Zizou› zum Trainer hat. Ich werde mir deren Spiele wie ein Verehrer anschauen.» Am Fernseher also. Von Zinédine Zidane ist überliefert, dass er ihn unbedingt nach Madrid holen möchte, und von Mbappé weiss man, dass er ein «Madridista» ist, tief drinnen.

War’s das tatsächlich schon, bleibt er noch ein Jahr? Länger wohl nicht. Mbappé hat immer klar gemacht, dass PSG eine Brücke sein würde, eine Kurzetappe in seiner Karriere. Einer wie er gehört nach Madrid, Barcelona, oder nach England. Die Progressionsmarge ist enorm, das hat diese Saison gezeigt. Mbappé nutzte die lange Verletzungspause von Neymar, um sich zu entfesseln, zu befreien, alle Wege standen ihm offen. 30 Tore in 27 Spielen. Das sei «zlatanesk», heisst es nun, das ist das Adjektiv für Zlatan Ibrahimovic, der während fünf Jahren den Gott von Paris gab.

Alles für Neymar

Auch «Ney» würden die Katarer gerne behalten. Alles tut man dafür, jede Extravaganz lässt man ihm durchgehen. Schon als er bei Barça unter Vertrag stand, verpasste er keinen Karneval in Rio und keinen Geburtstag seiner Schwester Raffaela in der Heimat: Der 11. März – er war immer schon eine künstlich erfoulte Spielsperre wert, oder eine erfundene Verletzung. Bei PSG aber ist er König. Die Spezialbehandlung nimmt er mit Nonchalance hin, als wäre sie eine standesgemässe Kompensation dafür, dass er die Stadt, den Verein, ja das Land mit seiner unverdienten Präsenz beehrt. Das geht einigen Kameraden schon lange auf den Geist, auch einem Teil des Publikums. Aber Neymar ist nun mal ein Weltstar.

Nun droht gar, dass Neymar im Schatten des Jungen aus Bondy verschwindet.

Der 5. Mittelfussknochen am rechten Fuss ist jetzt offenbar nachhaltig geheilt. Gegen Monaco spielte Neymar erstmals wieder seit Januar, gleich eine ganze Halbzeit lang. Für das Pokalfinale ist er gesetzt. Es gelang da eine Genesung auf den Punkt, perfekt getimt. Im Juni findet nämlich die Copa America statt, daheim, in Brasilien. Man darf annehmen, dass ihm die wichtiger ist als alles andere. Vielleicht dämmerte ihm während seiner langen Pause, dass das gar keine so gute Idee war, nach Paris zu wechseln. Trotz des vielen Geldes und der Privilegien. Weltfussballer, sein grosser Traum, wird er da wahrscheinlich nie werden.

Und nun droht gar, dass er im Schatten des Jungen aus Bondy verschwindet. Mbappé steht ihm plötzlich vor dem Licht, wie es damals, in Barcelona, Leo Messi tat. Läuft also gerade nicht so ideal. Bleibt «Ney»? Oder geht am Ende er zu Real? Paris dreht sich für einmal ganz um Madrid.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch