«Neid nehme ich vermehrt wahr»

Noch vor einem Jahr mit Wil in der Challenge League – nun Fixstarter beim Schweizer Meister: Es ist nicht übertrieben, Fabian Schär beim FC Basel als Aufsteiger der Saison zu bezeichnen.

«Das mit dem Schnee ist langsam schlimm.» Fabian Scha?r beantwortet im BaZ-Interview.

«Das mit dem Schnee ist langsam schlimm.» Fabian Scha?r beantwortet im BaZ-Interview.

(Bild: Keystone)

Oliver Gut

So ein Aufsteiger ist begehrt: Bereits drei Termine hat der 21-jährige Innenverteidiger in der Woche vor dem Luzern-Spiel am Ostermontag (Liveticker auf baz.ch, 13.45 Uhr, Teleclub 3), da ihn die BaZ anfragt.

Was tun? Aus der Not eine Tugend machen und Fabian Schär gleich dreimal interviewen – auf dem Kilometerweg, der den Fussballprofi jeweils vom Übungsplatz zurück in die Kabine führt.

Montag

Das erste Training nach einem langen freien Wochenende ist vorüber. Es ist ein kalter, grauer Nachmittag. Die FCB-Spieler gehen rasch vom Platz. Fabian Schär sagt Hallo. Fabian Frei auch – und stösst ein Velo um. Er gibt die Schuld dem Journalisten. Schär grinst, schwingt sich aufs Rad und gondelt los.

Fabian Schär, wir reden im Gehen, um Zeit zu sparen. Sind Sie so gefragt?
Im Moment ist schon einiges los. Es gibt immer wieder Medienanfragen, auch Sponsoren sind interessiert, dass ich bei einem Anlass dabei bin.

Hat die «Schweizer Illustrierte» schon angefragt?
Ja.

Würden Sie sich denn in der Badewanne ablichten lassen?
Das sicher nicht.

Und die Freundin? Käme die ins Blatt oder würden Sie diese geheimhalten?
Die müsste es zunächst geben.

Sie haben gerade drei freie Tage hinter sich. Waren Sie in der Ostschweiz?
Ja. Ich traf die Familie und Kollegen.

Die Kollegen sind noch die Gleichen?
Ja, die sind immer noch die Gleichen.

Und Sie sind auch noch der Gleiche?
Ich denke schon. Bin ich mit meinen Kollegen zusammen, ist es jedenfalls immer noch wie früher.

Werden Sie oft auf der Strasse erkannt?
Das ist immer häufiger der Fall.

Merkt man sofort, dass man erkannt wird?
Ja, das hat man im Gefühl.

Wann ist das lästig?
Bisher selten.

Wann ist es lustig?
Bei Verwechslungen. Kürzlich war ich mit Fabian Frei unterwegs, als wir von einer Frau angesprochen wurden. Sie vertauschte uns, nannte ­Fabian Frei halt Fabian Schär.

Wann profitiert man davon?
Immer wieder mal. Natürlich gibt es Menschen, die einem einen Drink bezahlen wollen. Oder es kommt vor, dass es in einem vollen Restaurant plötzlich doch noch Platz hat.

Ist das nur angenehm?
Nicht nur. Mir geht dann schon auch durch den Kopf, was nun wohl die anderen Leute in so einem Restaurant denken. Es sind Dinge, die das Klischee des arroganten Fussballers unterstützen. Und das ist eigentlich nicht das Bild, das ich abgeben will.

Also muss man als Fussballer auch keine tolle Frisur und keinen dicken Sportwagen haben?
Also ich fahre den VW, den wir zur Verfügung gestellt bekommen. Und die Frisur? Ist die toll?

Es gibt auffälligere Haarpracht. Trotzdem: Wie oft gehen Sie zum Coiffeur?
Einmal pro Monat.

Das ist aber oft für einen Mann.
Ja, wohl schon.

Woran liegt es, dass die Fussballer mehr als andere auf ihre Frisur achten?
Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir oft fotografiert oder gefilmt werden. Da will man gut aussehen.

Ein bisschen Eitelkeit schwingt also mit?
Das würde ich nicht verneinen.

Dabei wird man für die Damenwelt doch mit zunehmendem Bekanntheitsgrad automatisch attraktiver, oder?
Ich weiss nicht, ob ich attraktiver geworden bin. Aber dass auch das Interesse von dieser Seite zunimmt, das merke ich schon.

Sind Frauen auch mal zu aufdringlich?
Es kommt ganz selten vor, dass man Klartext reden muss.

Spürt Neid, wem so viel Gutes widerfährt?
Ja, Neid nehme ich vermehrt wahr.

Von wem?
Von mir bekannten und unbekannten Menschen. Oft vernimmt man das dann aus zweiter Hand.

Welche Umstellung ist Ihnen im Rückblick schwerer gefallen: Jene auf dem Platz oder jene daneben?
Neben dem Platz. Die Öffentlichkeit, die Medien – das sind Dinge, die sich mit der Zeit in Wil überhaupt nicht vergleichen lassen. Zudem bin ich erstmals von zu Hause weg, wohne allein. Auch das ist ein grosser Schritt.

Von der Challenge League in die Viertelfinals der Europa League ist auch kein so kleiner Schritt.
Bestimmt nicht. Aber darauf konnte ich mich besser einstellen. Ich habe schon mit Wil gegen höherklassige Teams gespielt, ich habe mir den FCB in der Champions League vor Ort angeschaut – da lässt sich ungefähr abschätzen, was auf einen zukommt.

Dienstag

Es ist ein Frühlingsnachmittag – und es schneit. Der FCB hat trotzdem draussen auf dem Kunstrasen trainiert. Fabian Schär trägt Handschuhe, lange Hosen, keine Kappe. Fabian Frei stösst erneut ein Velo um und beschuldigt wieder den Journalisten, den er inzwischen als Schärs Hofschreiber bezeichnet. Die Stimmung ist locker – trotz des Wetters.

Fabian Schär, müssen Fussballprofis auf alles eine Antwort haben?
Es schadet nicht. Manchmal ist es allerdings auch besser, nichts zu sagen.

Um es mit Rudi Carrell zu sagen: Wann wirds mal wieder richtig Sommer?
Hoffentlich bald. Das mit dem Schnee ist langsam schlimm.

Schlimm …
Ja … Ich denke, jeder Fussballer hat es lieber, wenn es warm ist. Das geht mir nicht anders, auch wenn das Verteidigen auf Schnee eher einfacher ist, da es dem Gegner schwerer fällt, ein sauberes Angriffsspiel aufzuziehen. Aber eine wirklich grosse Rolle spielt es mir nicht, wenn es schneit.

Also sind die jüngeren Spieler doch nicht so verwöhnt, wie es oft heisst?
Das will ich mit meiner Aussage gar nicht unbedingt widerlegen. Aber wenn es so ist, dann hat das seine Logik in der Entwicklung des Fussballs. Das beginnt bei den Platzverhältnissen: Früher gab es nirgends eine Rasenheizung – natürlich spielten die Profis damals häufiger auf schlechten Plätzen. Zudem werden die Clubs laufend professioneller. Auch einem jungen Spieler wird immer mehr abgenommen, daraus lässt sich folgern, er werde immer mehr verwöhnt.

Was halten Sie denn davon, wenn Alex Frei als Luzern-Sportdirektor davon spricht, dass er die jungen Profis weg von der Playstation und hin zu einer Nebenbeschäftigung bringen will?
Darüber haben wir in der Kabine auch schon diskutiert. Ein Ausgleich tut jedem gut – egal, ob er eine Sprache lernt oder sich im Yoga übt. Allerdings darf man sich auch ab und zu erholen und Playstation spielen.

Sie haben die Playstation im Griff?
Ja, die habe ich im Griff.

Gehört die Playstation bei jüngeren Fussballern quasi zur Standardausrüstung?
Das kann man fast so sagen.

Trotzdem haben Sie nicht nur Playstation gespielt. Sie haben eine KV-Lehre samt Berufsmatur auf der Raiffeisenbank in Wil absolviert. Noch vor einem Jahr arbeiteten Sie dort – was bringt das dem Fussballprofi Fabian Schär?
Primär war das der Ausgleich. Ich sass nie zu Hause rum und wusste nicht, was ich mit meiner Zeit machen soll. Bestimmt lehrt es einen aber auch Demut. Ich weiss, dass das, was ich jetzt habe, nicht selbstverständlich ist. Und ich habe eine Ahnung, was es heisst, normal zu arbeiten – das wird kein Nachteil sein, wenn meine Fussballkarriere eines Tages vorbei ist.

«Banker» ist ja fast ein Schimpfwort …
So würde ich das nicht sagen. Aber ich hatte auch das Glück, bei der richtigen Bank angestellt zu sein – einer, die in den vergangenen Jahren nie für negative Schlagzeilen sorgte. Ich glaube, dass der Job als Banker noch immer ein guter, gefragter Job ist.

Verfolgen Sie die Bankenwelt noch stark?
Ich würde sagen, dass ich noch immer überdurchschnittlich informiert bin.

Ihr Bezug zu Geld?
Ich habe damit auf der Bank natürlich spezielle Erfahrungen gemacht. Jedenfalls ist es so, dass ich Sorge dazu trage. Kommt der Lohn, stürme ich nicht gleich in den Kleiderladen.

Sie regeln Ihre Finanzen noch selbst?
Bislang schon. Ich weiss ja eigentlich, worum es geht. Aber ich bin auch noch nicht so lange Fussballprofi.

Und Sie wissen jeweils, wie viel Geld auf Ihrem Konto ist?
Ja, da habe ich den Überblick.

Besitzen Sie Aktien?
Es existiert ein kleines Depot, ja. Das hat aber mit meiner Bank-Vergangenheit zu tun, stammt aus meiner Lehrzeit, als wir uns darin versuchten.

Studieren Sie täglich den Aktienkurs?
Nein, nicht mehr.

Wie steht es um die Aktie Fabian Schär?
Ich würde sagen, dass die FCB-Aktie als Ganze auf dem richtigen Weg ist. Wir sind in drei Wettbewerben im Rennen, stehen dabei in den Viertelfinals der Europa League. Und da ich selbst regelmässig spiele, dürfte auch mein Kurs so schlecht nicht sein.

Ihr Kurs ist wohl besser denn je. Träumen Sie von Brasilien?
Zur WM mache ich mir keine Gedanken. Das macht keinen Sinn, solange ich noch nie aufgeboten worden bin.

Aber Sie nehmen schon wahr, dass sich in der Öffentlichkeit die Stimmen mehren, die sagen, der Fabian Schär wäre doch einer für die Nationalmannschaft?
Ja. Aber diese sind ohne Einfluss. Es entscheidet der Nationaltrainer. Sollte er mich aufbieten, bin ich gerne dabei.

Mittwoch

Am Vortag, da hat Fabian Schär auch noch erklärt, dass Fussballer am liebsten über Fussball sprechen. Also soll an diesem kühlen Vormittag der Fussball Thema sein. Zunächst gilt es aber, Sprüche verschiedener Teamkameraden zu parieren, denen inzwischen auch aufgefallen ist, dass Schär eine journalistische Sonderbehandlung geniesst. Und dafür zu sorgen, dass Fabian Frei nicht schon wieder ein Velo umstösst.

Fabian Schär, Sie werden Freude haben, denn heute sprechen wir nur über …
… Fussball?

Genau. Ihr Trainer war einst eine grosse Spielerpersönlichkeit. War Murat Yakin gar ein Idol des kleinen Fabian?
Das nicht. Aber ich habe ihn selbstverständlich schon zur Kenntnis genommen. Und ich denke, ich habe ihn auch spielen sehen. Jedenfalls war ich zu jener Zeit auch mal in Basel, als der St.-Jakob-Park neu war.

Was können Sie vom ehemaligen Top-­Abwehrchef Yakin lernen, das Sie von Axel Thoma in Wil nicht lernen konnten?
Durch seine Erfahrungen auf höchstem Niveau weiss er, wie man sich gegen grosse Spieler verhalten muss. Zum Beispiel gegen Hulk von Sankt Petersburg: Murat sagte uns, dass der Brasilianer alles mit links macht. Kein schlechter Tipp, wie man sah.

Sie machten vor einem halben Jahr Ihr erstes Pflichtspiel für Basel. Wenn Sie den Fabian Schär von damals mit dem von jetzt vergleichen: Worin haben Sie sich am spürbarsten verbessert?
Es ist halt das Mehr an Erfahrung, das man überall spürt. Es geht weniger darum, dass ich etwas anders mache als zuvor. Sondern, dass ich das, was ich konnte, unverändert gut kann – obwohl in der Super League alles schneller geht als in der Challenge League. Dass die Pässe ankommen, die Abwehraktionen sitzen, auch wenn ich weniger Zeit habe. Es bedingt eine höhere gedankliche Geschwindigkeit.

Gibt es etwas, womit Sie sich noch besonders schwertun?
Mit meiner Grösse ist die Beweglichkeit keine Stärke. Das ist ein Punkt, der besser werden muss.

Mit Übungen in Sonderschichten?
Manchmal. Aber in englischen Wochen ist die Erholung wichtiger.

Was kann Ihr Nebenmann Aleksandar Dragovic besser als Sie?
Im Zweikampf ist er überragend.

Was können Sie besser als er?
Bisher schiesse ich mehr Tore. Drago ist zwar kürzlich ein Doppelpack gelungen – aber beim Jubeln hat man ja gesehen, dass er damit noch nicht so viel Erfahrung hat (lacht).

Wissen Sie stets, ob Sie den Ball haben, wenn Sie zum Tackling ansetzen?
Nein. Aber ich gehe davon aus, dass ich ihn habe. Andernfalls sollte man nicht reinrutschen – wenn man auf dem Boden ist, dann ist der Gegner weg. Manchmal ist ein Tackling aber auch ein bisschen dazu da, um ein Zeichen zu setzen. Das gehört dazu.

Braucht ein Fussballprofi auch schauspielerische Fähigkeiten? Sie halten sich schon mal die Hände vors Gesicht, wenn Sie am Bein getroffen wurden …
Auch das ist moderner Fussball. Manchmal muss man Zeit schinden – auch wenn das viele nicht toll finden.

Was ist besser: Ein spektakulärer 4:3-Sieg mit einem Schär-Tor oder ein 1:0-Erfolg ohne einen Schär-Fehler?
Beides ist gut. Aber primär will ich gewinnen und dabei zu null spielen.

Das hat der FCB zu Hause zuletzt elfmal in Folge geschafft. Wie stolz macht das?
Es ist schön. Aber es haben sehr viele Spieler Anteil daran. Sehr viel Arbeit wird weiter vorne erledigt.

Und wie lange hält diese Serie noch?
Darauf kann ich Ihnen nun wirklich keine Antwort geben.

Basler Zeitung

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