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Mourinho fühlt sich im Clubhaus wie zu Hause

Trainer José Mourinho hat Tottenhams sportlichen Absturz gestoppt. Das Team scheint zu seinem Faible für Fleiss zu passen. Gegen Leipzig aber fehlen heute die Besten.

Ein bisschen Flieder im grauen Alltag: Tottenhams Trainer José Mourinho mit seinen Spielern. Foto: Mark Leech (Getty Images)
Ein bisschen Flieder im grauen Alltag: Tottenhams Trainer José Mourinho mit seinen Spielern. Foto: Mark Leech (Getty Images)

Gleich seine erste Nacht als Trainer von Tottenham Hotspur verbrachte José Mourinho im November auf dem Vereinsgelände. Als hätte er in einem Himmelbett geschlafen, schwärmte er anderntags über seine Lodge im Clubzentrum, die er sogar seinem Londoner Haus vorgezogen hatte. Neben dem grossartigen Bett hatte es ihm vor allem die teure Bettdecke angetan, erzählte der Portugiese, und erst die Kissen: superriesig, superweich, fünf, sechs Stück! Nicht mal in einem Sechssternhotel könne man besser nächtigen, fand Mourinho – und wer könnte das besser beurteilen als er, nachdem er zuvor sämtliche 895 Tage seiner Zeit bei Manchester United in einem Luxushotel gewohnt und dabei eine Rechnung von mehr als einer halben Million Pfund hinterlassen hatte.

Die nette Anekdote erzählte Mourinho natürlich nicht nur aus einer Laune heraus, sondern weil sie sich wunderbar eignete, um gegen seinen alten Verein zu sticheln und seinem neuen Club zu signalisieren: Seht her, ich fühle mich hier wie zu Hause!

Mit dieser demonstrativen Nähe zu den Spurs folgte Mourinho auf seinen Vorgänger Mauricio Pochettino, der sehr erfolgreich war, aber trotz der Unterzeichnung eines Fünfjahresvertrags im Sommer 2018 danach plötzlich nicht mehr so gerne Trainer in Tottenham zu sein schien. Spätestens nach dem verlorenen Final der Champions League 2019 (0:2 gegen Liverpool) ging im Club der Glaube verloren, in der sechsten Saison mit dem argentinischen Coach noch einen Titel gewinnen zu können. Diesen Glauben brachte Mourinho, persönlich ausgestattet mit 25 Trophäen, durch seine pure Anwesenheit zurück.

Gekommen mit 25 Trophäen

Innerhalb von drei Monaten hat der 57-Jährige den sportlichen Sinkflug der Spurs gestoppt und den Club in der Tabelle der Premier League wieder aufsteigen lassen. Der einst elf Punkte grosse Rückstand auf den für Europas Königsklasse erforderlichen vierten Platz ist inzwischen auf einen Punkt geschmolzen. Weitere Anfangserfolge für Mourinho waren das Überstehen der Gruppenphase in der Champions League und das Weiterkommen im FA-Cup.

Auf diesem Weg hat Tottenham im Winter den fast über­fälligen Kehraus im Kader ein­geleitet: Der seit langem wechselwillige dänische Spielmacher Christian Eriksen durfte für 20 Millionen Euro zu Inter Mailand, Linksverteidiger Danny Rose wurde nach Newcastle ausgeliehen. Dafür verlängerte der fürs Gefüge wichtige belgische Innenverteidiger Toby Alderweireld seinen Vertrag um 3 Jahre.

Neben dem aktuell formstarken Giovani Lo Celso (23), der vorigen Sommer von Betis Sevilla kam, führte sich zuletzt der 30 Millionen Euro teure Winterzugang Steven Bergwijn (22) mit einem Volleytor gegen Manchester City prächtig ein. Der pfeilschnelle niederländische Aussenstürmer, gekommen aus Eind­hoven, fängt den Ausfall des seit Neujahr verletzten Captains und Torjägers Harry Kane auf.

Das Kader ist auf ihn zugeschnitten: Keine exzentrischen Jungkicker, das Team besticht durch Disziplin.

Bergwijn bildete zuletzt mit Lucas Moura und dem unverzichtbaren Heung-min Son eines der rasantesten Offensivtrios in der Premier League – bis sich der Koreaner Son am Sonntag beim 3:2-Sieg gegen Aston Villa den rechten Arm brach und nun ebenso wie Kane wochenlang ausfällt. Obwohl sich die Fraktur schon zu Beginn der Partie ereignete, spielte Son gegen Villa durch und stellte mit seinem Siegtreffer in der Nachspielzeit sogar einen Rekord auf: Als ­erster asiatischer Spieler hat Son damit 50 Tore in der Premier League erzielt.

Durch den Ausfall der beiden Ausnahmestürmer Kane und Son sowie ohne Mittelfeldantreiber Moussa Sissoko geht Tottenham heute (ab 21 Uhr im Ticker) ähnlich angeschlagen ins Champions-League-Heimspiel wie der verletzungsgeplagte Gast aus Leipzig. Immerhin kann der Tabellenzweite der Bundesliga auf seine Geschwindigkeit in der Offensive setzen, was zur entscheidenden Frage dieses Achtelfinals führt: Wer kontert wen aus? Die Spurs haben in diesem Jahr bisher alle sieben Ligatreffer nach Tempoangriffen erzielt – oder im Anschluss an Standardsituationen.

Wie genau es Tottenham bei der Analyse des Gegners Leipzig nahm, verdeutlichte Mourinho, indem er zuletzt als Spion beim Spitzenspiel von RB in München (0:0) schon weit vor dem Anpfiff seinen Sitzplatz im Stadion eingenommen hatte, für alle sichtbar. Mourinho hatte in seiner starken Anfangszeit als Trainer mit Porto (2004) und Inter ­Mailand (2010) die Champions League gewonnen – sein ewiges Ziel bleibt, diese krönende Trophäe als erster Coach in Europa auch noch mit einem dritten Club zu erobern.

Die Abwehr – wenig solid

Die Kaderstruktur bei Tottenham scheint dabei immerhin auf ihn zugeschnitten zu sein. Im Gegensatz zu seiner Zeit bei Manchester United muss der erfolgs­besessene Mourinho in London keine zwar hochtalentierten, aber exzentrischen Jungkicker führen und ausbilden. Das Team der Spurs besticht mit Disziplin und Fleiss, die Abwehr ist gestanden, das Mittelfeld physisch stark – und vorne hat Mourinho, wie es ihm am liebsten ist, neben schnellen Aussenbahnspielern auch einen versierten Spielmacher (Dele Alli) und, sofern er gesund ist, einen echten Tor­jäger (Kane).

Aber reicht das für Titel? Die Qualität in der Abwehr lässt zu wünschen übrig. In den 20 Spielen unter Mourinho, der seine Teams von hinten nach vorne baut, blieb Tottenham nur drei Mal ohne Gegentor. Bisher konnte er noch über die Anfälligkeiten der Defensive hinwegsehen, aber wehe, diese Fehler kosten den Erfolg. Dann gute Nacht im Himmelbett!

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