«Männer brechen zusammen und dieser Idiot redet über Zuordnung»

Für die Champions League, die heute beginnt, kehrt Marcel Reif zurück in die Kommentatorenbox. Ein Gespräch über die Kunst des Sprechens und die Magie des Schweigens im Fussball.

«Warum zur Hölle seid ihr das einzige Land, in dem nicht in der Muttersprache kommentiert wird?» Teleclub-Experte Reif.

«Warum zur Hölle seid ihr das einzige Land, in dem nicht in der Muttersprache kommentiert wird?» Teleclub-Experte Reif.

(Bild: Keystone)

BaZ: Marcel Reif, Sie haben in 30 Jahren rund 1500 Spiele kommentiert, galten als einer der eloquentesten Redner. Wie kommentiert man Fussballspiele?
Marcel Reif: So wie man ist. Jeder hat seinen eigenen Stil. Klar kann man andere toll finden, aber man sollte nie jemanden kopieren, das geht schief, krachend! Und der Zuschauer merkt das, immer.

Also soll jeder so kommentieren, wie es ihm am besten gefällt?
So einfach ist es natürlich nicht. Manchmal muss man Geschichten erzählen, die nichts damit zu tun haben, was der Zuschauer auf dem Bildschirm sieht, sondern nur, was ich als Kommentator spüre. Nach dem Spiel zeigen sie immer nur die Sieger, ich habe stets die Verlierer angeschaut, wie sie mit der Enttäuschung kämpfen. Wenn man es schafft, das Bild für den Zuschauer zu verbreitern, dann schafft der Kommentator Mehrwert.

Was ist die Schwierigkeit dabei?
Man sieht das Spiel nicht immer gut. Nou Camp in Barcelona, sensationelles Stadion, aber Luftlinie sind es ungefähr 500 Meter zum Spielfeld runter. Und dann erkennst du kaum etwas, auf dem Bildschirm wird es in der Wiederholung auch nicht klar und dann macht der spanische Regisseur irgendwas, aber nicht das, was du brauchst.

In ihrem Buch steht: «Die kleinen Dinge erkennen und ihre Grösse begreifen.»
Wenn das gelingt, dann ist es hohe Kunst. Dann ist es mehr als Handwerk. Denn die grossen Geschichten sieht der Zuschauer selber. Wenn einer drei Tore schiesst oder der Ramos jemandem das Bein bricht. Aber wenn du die kleinen Geschichten siehst und du sie rüberbringen kannst, dann ist es gut.

Sind Geschichten wichtiger als Taktik und Zahlen?
Wenn in der 7. Runde Hoffenheim gegen Dortmund spielt, dann schauen 5 Leute in Hoffenheim zu und 5000 in Dortmund, und vielleicht noch die Trainerakademie in Köln. Und dann hast du beim nächsten Mal ein WM-Final, da schalten alle ein, sogar meine Schwiegermutter. Da musst du natürlich anders kommentieren. Zahlen, Fakten, Geschichten, Banalitäten, Witzchen. All das, was irgendwo im Spektrum drin ist, ohne dass sich die Trainerkollegen in Köln bekreuzigen und dass es gleichzeitig meine Schwiegermutter versteht.

Warum kann denn nicht jeder kommentieren?
Weil es auch Rhetorik braucht. Es gibt nur diese zwei Dinge: Fachkenntnis und Sprache, mehr nicht. Die Sprache ist dein Handwerk. Kein einfaches Handwerk, okay. Aber ist das zu viel verlangt? Jeder Schreiner, jeder Gärtner muss sein Handwerk beherrschen, sonst fliegt er.

Fanden Sie es nie schwierig?
In der Regel fand ich es nicht schwierig. Ich konnte meinen Job, und ich kann ihn immer noch. Ob das grosskotzig klingt, ist mir wurscht. Für mich war es ein Beruf, den ich erlernen musste. Und noch was: Ich weiss nicht, ob Sie zwei Hände zusammenbekommen mit Fehlern, die ich in meiner Karriere gemacht habe. Richtige Fehler meine ich. Nicht: «Ja, das war aber doch Abseits und der Reif hat es nicht gesehen.» Das ist kein Fehler. Fehler sind, wenn man Spiele falsch einschätzt, Leistungen falsch einordnet. Oder wenn man bei der dritten Zeitlupe immer noch nicht sehen will, dass es ein Foul war, obwohl er ihm beinahe das Genick bricht.

Was muss man für ein Typ Mensch sein als Kommentator?
Man muss ein extrovertierter Exzentriker sein – und eitel. Eitelkeit war für mich nie ein Schimpfwort, sondern ein Antrieb. Aber um eitel zu sein, muss man auch gut sein, sonst bist du einfach ein dummes Arschloch. Ich habe mir das geleistet. Und wenn ich dann einen Fehler gemacht habe, bin ich ausgeflippt, unverzeihlich.

Wie haben Sie kommentiert?
Ich hatte immer zwei Blätter vor mir, auf dem einen die Mannschaften, der Schiedsrichter, das Stadion. Auf dem anderen die Statistik, die Details. Manchmal schaust du auf die Blätter, dann aufs Spielfeld, hin und her, da wirst du wahnsinnig. Aber dann gab es auch die Spiele, bei denen ich nach fünf Minuten so gemacht hat (er lehnt sich nach hinten, verschränkt die Arme). So.

Für 90 Minuten?
Logisch. Ich kannte die Mannschaften, die Statistik. Dann fällt das Reden leichter, es fliesst.

Wie wichtig ist es, witzig zu sein?
Ja, wenn es wirklich witzig ist, dann geht es über das gewöhnliche Mass hinaus. Das ist schon fast Kunst.

Zum Beispiel 1998, als in Madrid vor der Partie zwischen Real und Dortmund das Tor umkippte und Sie gesagt haben: «Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan»?
Ach, der Torfall … Das war doch keine Leistung!

Sie haben dafür einen Preis bekommen.
Preise, mehrere! Aber ich bleib dabei, der Torfall war keine Leistung. Das war spontane Anarchie unter Freunden. Eine Leistung ist es, wenn morgen Basel gegen Astana spielt. Who the fuck is Astana? Sie kennen Astana nicht, der Zuschauer kennt Astana nicht, ich kenns nicht. Aber ich muss darüber reden, also werde ich es kennen, wenn der Schiedsrichter anpfeift. Heisst: Videos schauen, Zeitung lesen, mit dem Taxifahrer in Astana reden. Denn der erzählt mir die Wahrheit und nicht der Pressesprecher des Clubs. Das alles, das ist Leistung. Aber sonst? Bayern gegen Dortmund, das wäre kein Problem. Da können Sie mich auch heute noch um 3 Uhr morgens wecken, Zähne ungeputzt, ich setz mich da hin und kommentiere. Kein Problem, schwöre ich Ihnen.

Zurückgelehnt und mit den Armen verschränkt?
Natürlich so. Sag mir schnell, wer verletzt ist, wie der Schiedsrichter heisst und los gehts. Aber der Torfall in Madrid? Hat nichts mit Aufgabe zu tun. Die haben uns ja nicht gesagt: «Jetzt macht mal was für 76 Minuten und seid lustig, während die da unten keine Ahnung haben, wie es weitergeht.» Hätten die uns das damals so gesagt, hätte ich geantwortet: «Ihr habt nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wir gehen jetzt ne’ Wurscht essen und nach zehn Minuten sagt ihr uns, wie es weitergeht.» Aber wir haben da einfach geredet, Günther Jauch und ich. Dass das witzig war, ist ja schön und am Ende war es auch gut so, wie es war.

Haben Sie da während des Kommentierens gemerkt, dass es witzig war?
Der Jauch hat schon viel eher gewusst, dass es gut war. Aber ich musste ja nachher noch das Spiel kommentieren, um halb elf, während der Herr Jauch schon gemütlich e Käffeli isch go trinke. Dass ich da noch zwei Stunden länger gehockt bin und weitergemacht habe, das war eine Leistung, einer der grössten meiner Karriere.

Worauf sind Sie sonst noch stolz?
Stolz ist übertrieben. Zufrieden trifft die Sache eher: Champions-League-Final 2001, Bayern gegen Valencia. Es geht in die Verlängerung, und am Ende gibts Elfmeterschiessen. Nach zweieinhalb Stunden Quasseln hält der Kahn den letzten Elfer, und ich schreie, ohne darüber nachzudenken: «Kahn – die Bayern!»

Das hat gereicht?
Wenn Sie mich fragen, ob ich je was gesagt habe, das wirklich gut war, dann das. Das war nicht besser zu kommentieren. «Kahn – die Bayern!» Und dann die Schnauze halten. Wenigstens für zehn Sekunden, während sie da unten alle auf den grossen Meister zurennen.

«Wenn du es schaffst, das Bild für den Fan zu verbreitern, dann schaffst du Mehrwert.»

Warum war das gut?
Die einzige Frage, die nach vier Stunden geklärt werden musste, war, wer die Champions League gewinnt. Und dann passierte es in einer Szene. Nicht in einem Spielzug, in dem sich die Viererkette in eine Dreierkette auflöst und der ganze Quark. Nein, eine einzige Szene. Zwei Mann gegeneinander, wie im Wilden Westen. Der eine lief an und der andere tötete ihn, aus. Die haben in München meinen Kommentar noch Jahre später in einem Lied vor den Meisterschaftspartien eingespielt. Diese Worte bleiben.

Welches war das beste Spiel, das Sie je kommentiert haben?
Ich habe nie Listen geführt, wirklich. Ein paar sind mir geblieben, mehr aber auch nicht. Für mich war immer die Partie am nächsten Samstag die wichtigste. Das war mein Anspruch und mein Ansporn.

Welches war das schlimmste Spiel, das Sie je kommentiert haben?
Da gab es viele. Ganz schlimm waren die vermeintlich grossen Partien, die alles andere als gross wurden. 1991, Endspiel im Europa-Pokal der Landesmeister. Roter Stern Belgrad gegen Marseille in Bari, wunderbares Stadion, die Gattin ist dabei, sensationelles Essen, zwei tolle Mannschaften, Beckenbauer ist Trainer von Marseille. Traumhaft, das wird ein Fest.

Und?
Eine einziges Elend war es! Nach drei Minuten sage ich zu meinem Assistenten Béla Réthy: «Du, was machen die denn da?»

Am Mikro?
Nein, nebenher. Ich sag zu ihm: «Béla, ich sag dir, was die machen. Diese Idioten spielen auf Elfmeterschiessen, ich schwörs dir. Da geht keiner über die Mittellinie, die bleiben mit acht Mann vor dem Strafraum, 120 Minuten lang!»

Was kann man da machen?
Ich hab da versucht, witzig zu sein. Das würde ich mir nie wieder anhören, ein Desaster. Ich dachte mir: Wenn die nichts machen auf dem Feld, dann mache ich daraus ein Final. Geht nicht! Wenn es ein Feuerwerk ist, zündest du ein Feuerwerk und schreist: «Kahn – die Bayern!» Aber wenns Schrott ist, Trauerspiel, 0:0 halten bis zur nächsten Eiszeit, dann musst du das einfach erklären. Ich hab dann gesagt: «Wenn sie noch ihre Steuern machen wollten oder was wegbügeln müssen, dann haben sie die nächsten 115 Minuten dafür gut Zeit.» War ganz okay, mehr nicht.

Von wem haben Sie sich was abgeschaut?
Rudi Michel. 1966, WM-Final in England, die Deutschen gegen die Engländer. Sie müssen sich das mal anhören, wie der nach dem Tor den Mund hält. Das Tor ist ja so selbsterklärend. Damals gab es bestenfalls eine Zeitlupe, aber der hat es trotzdem riskiert, nichts zu sagen. Heute wird ja sofort alles analysiert, sobald ein Tor fällt. Aber wenn ich diese Emotionen zuquatsche, dann nehm ich dem Spiel alles, was es zum Spiel macht. Du siehst Männer, die zusammenbrechen, Kinder, die weinen – und der Idiot da oben redet über die Zuordnung. Aber der Rudi Michel, der hat es kapiert. Tor. Und Ruhe. Überragend. Überragend!

Wie wichtig ist die Vorbereitung?
Als Junger bereitest du dich vor wie ein Raketenwissenschaftler, schreibst dir alles auf. Während des Spiels arbeitest du deine Liste ab und merkst langsam: Scheisse, scheisse, scheisse, das wird eng, das kann ich ja nie alles erzählen. Und dann liest du einfach alles runter, damit die schöne Arbeit nicht umsonst war. Verbale Diarrhoe, schrecklich! Je erwachsener du wirst, desto mehr freust du dich, wenn du 30, 40 Prozent von der Vorarbeit nicht brauchst.

Wie weiss man, welche Statistik wichtig ist und welche nicht?
Es empfiehlt sich, sich fortzubilden. Es empfiehlt sich, sich mit Herrn Guardiola zu befassen und seine Ansichten zu studieren, auch wenn ich ihn für einen Zyniker halte, der Spieler nicht als Menschen achtet, sondern sie nur als Nummern sieht. Er reduziert seine Spieler nur auf ihre Funktion. Xherdan Shaqiri zum Beispiel, der durfte sich nur in diesem klitzekleinen Viereck bewegen. Und Shaqiri sagte, dass er mehr will als nur das Viereck. Ja, dann musste er halt gehen.

Verstehen Sie Shaqiri?
Völlig, auch wenn er für diese Meinung damals noch zu jung war. Er hätte es akzeptieren sollen und dann wäre er gross geworden, grösser als jetzt. Jetzt wird er langsam wieder so, wie damals, aber er hätte sich die drei Jahre mit Inter und Stoke und das ganze Mittelmass sparen können. Aber zurück zu Guardiola: Er ist der grösste Ausbilder der Welt. So was hat es noch nie gegeben, unfassbar. Aber er ist kein Menschenversteher, und für mich ist er deshalb auch noch kein guter Trainer. Wird er vielleicht nie sein.

Trotzdem ist er erfolgreich.
Klar, aber für wie lange? Es gibt keine Mannschaft, die mehr konnte als der FC Bayern damals. Und nach Guardiola sind die richtig zusammengebrochen. Das Gleiche wird nun bei Man City passieren, da wette ich. Drei Jahre, keinen Tag länger macht der dort. Keine Sekunde länger! Er geht an der Aufgabe sonst kaputt, weil er ein Wahnsinniger ist, und auch die Spieler sind fertig. Aber zurück zum Kommentieren: Du musst die Spielsysteme verstehen, Viererkette, Dreierkette und so weiter. Aber da beschäftigst du dich eine Stunde damit und dann hasches.

Warum fällt das Kommentieren Schweizern meist schwerer als den Deutschen?
Die Schweizer machen etwas, das ich in meinem Leben nie begreifen werde. Ich weiss ja nicht, wie die das in Papua Neuguinea handhaben, aber warum zur Hölle seid ihr offenbar das einzige Land auf dem Planeten, in dem nicht in der eigenen Muttersprache kommentiert wird? Ich habe nach ein paar Wochen bei Teleclub mal nachgefragt, und die so: «Ja, weisch, wenn ich mit meinem Baslerdialekt das Zürich-Spiel …» Ich selber war drei Jahre in London, habe dort gearbeitet, ich kann die Sprache. Wenn mich jemand fragt, ob ich in Englisch kommentieren könnte, würde ich klar sagen: «Nie in diesem Leben.» Man würde mir 30 Prozent meiner Sprache wegkastrieren. Wortwitz, Tempo und so weiter: alles weg! Warum die Schweizer das so machen, ich verstehe es nicht. Aber das Allerbeste ist ja: Nachher kommt das Interview auf dem Platz, in breitestem Berndütsch, und du verstehst die Welt nicht mehr.

«Es empfiehlt sich, sich mit Herrn Guardiola zu befassen, auch wenn ich ihn für einen Zyniker halte.»

Sind Kommentatoren heute zu brav?
Ich habe Leute erlebt, die während des Spiels unter dem Tisch auf ihr Handy glotzten und schauten, was im Netz los ist. Wie komme ich an? Mögen mich ja alle? Immer auf der Hut vor dem nächsten Shitstorm. Dann sagt du aber nicht mehr: «Der Ramos, das ist der schlimmste Finger im Fussball.» Das ist eine der armseligsten Entwicklungen im heutigen Geschäft.

Die sozialen Medien sind eine Gefahr für den Kommentatoren-Job?
Klar! Früher musstest du als Zuschauer einen Brief schreiben, wenn dir was nicht gepasst hat. Einen Brief! Aber heute, im Netz? «Drecksau!» «Deine Familie soll brennen!» Diese Leute hat es immer gegeben und wird es immer geben. Heute ist einfach alles viel schneller, viel einfacher. Aber die sind nicht mal die Schlimmsten ...

Sondern?
Die angeblich anonyme schweigende Mehrheit, die ist gefährlich. Das hatten wir schon einmal in Deutschland, und da bin ich äusserst empfindlich. Deswegen ist mir jeder Rechtsaussen-Politiker lieber, der irgend einen rassistischen Blödsinn von sich gibt. Da denke ich mir, der hat sich wenigstens öffentlich als rassistisches Arschloch geoutet.

Wieso nerven sich die Zuschauer wegen des Kommentators?
Weil es halt zwei verschiedene Fangemeinden gibt, somit polarisierst du sowieso. Rudi Michel sagte mir damals, dass höchstens 50 Prozent aller Leute dich als Kommentator toll finden werden, egal ob du der Beste und der Schönste und der Tollste bist. Wenn du in der Öffentlichkeit auf einem Seil tanzt, dann musst du dir bewusst sein, dass unten Leute stehen, die dich fallen sehen wollen.

Wie gingen Sie mit Kritik um?
Am Anfang musste auch ich mich zuerst zurechtfinden. Der Franz Beckenbauer sagte damals, ich sei ein Zauberer und man solle mich doch bitte vom Fussball entfernen, im öffentlichen Fernsehen. Aber ich habe gelernt, selbstsicher zu sein. Ich kann meinen Job und ich bereite mich darauf vor, jedes Mal.

Wie sehen Sie die Kritik, der Claudia Neumann ausgesetzt ist?
Kritik? Da ist ja das Schlimmste, sie erhält gar keine richtige Kritik mehr. Das Ganze ist nur noch eine jämmerliche Genderdiskussion.

Was sagen Sie denn zu ihrer Leistung bei der WM?
Was in Russland alles passiert ist, war einfach nur unterirdisch. Ob jemand eine Frau oder ein Mann ist, ist völlig egal. Sie soll kommentieren, und wenn sie gut kommentiert, dann ist es gut, und wenn sie schlecht kommentiert, dann soll sie kritisiert werden. Ich habe nie über sie gesagt, sie sei die Beste, die Grösste. Sie ist eine normale, noch nicht so erfahrene Kommentatorin. Und die gewisse Dinge auch noch besser machen wird, ja.

Was zum Beispiel?
Ihre Stimme ist die ganze Zeit oben, sie hat immer ihre Taktiken bei sich und so Zeugs. Hat sie ja alles schön gelernt, wie ein ambitionierter Drittligatrainer. Wenn ich mit ihr reden würde, dann würde ich sagen: «Hör doch mal auf mit all der Taktik und den Fachausdrücken aus der Trainersprache. Ich glaub dir doch, dass du es kannst.» Dieser ganze Gendermist führt dazu, dass man ihr das aber nicht sagt, sondern sie als Frau erstmal verteidigen muss gegen irgendwelche Neandertaler.

Neben der zunehmenden Kritik über die sozialen Medien wird der Fussball auch immer grösser mit immer mehr Show drumherum. Macht das die Arbeit für den Kommentator schwieriger?
Kann sein. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich immer mehr Show gibt…

«Die Ultras werden in der Birs landen. Und man wird ihre Lieder in den VIP-Räumen einspielen.»

Wenn Helene Fischer in der Pause singt?
Helene Fischer (er verdreht die Augen). Also die Zeit haben wir jetzt nicht, um diese Thematik auszudiskutieren. Da schreiben wir zusammen mal ein Buch über die Entwicklung im Fussball. Und wie er sich ein neues Publikum schafft und die Ultras in der Muttenzerkurve merken, dass sie eigentlich kein Mensch mehr braucht. Damals, als sie für Präsident Bernhard Heusler den Platz gestürmt haben mit ihrem Transparent: Das hätten sie gerne, das Kommando über das Stadion, und zwar immer. Aber nichts da. Man wird sie sukzessive … Wie heisst das Bächli hinter der Kurve nochmals?

Birs.
Dort werden sie landen. Und man wird ihre Lieder in die VIP-Räume einspielen, weil sie ja wirklich schön sind. Aber kein Mensch braucht die mehr. Das ist das Unfaire an der Entwicklung im Fussball, dass die grössten Fans keinen Platz mehr haben werden. Aber Ihre Frage war falsch. Die Helene Fischer, das arme Kind, ist mir sowas von egal und was sie in der Halbzeit macht. Das Problem für den Kommentator ist nicht die Show drumherum, sondern der Fussball selber. Das Spiel ist so gut, das hat mit dem von früher, als ich begonnen habe zu kommentieren, nichts mehr zu tun.

Immer schneller, immer präziser.
Unfassbar! Taktisch und technisch viel besser, nahe an der Perfektion. Ich weiss nicht, was da noch kommen soll. Neymar, 220 Millionen – obszön! Aber das ist ein geiler Kicker. Und durch den gewinnen die bei Paris. Geld schiesst eben doch Tore. Das musst du gesehen haben, unten am Spielfeldrand, wie die sich auf fünf Metern die Bälle zuknallen und sie beherrschen. Wenn das früher jemand mit mir gemacht hätte, hätte ich ihm eine gedonnert. Und diese Geschwindigkeit des heutigen Spiels, ja, die macht es schwieriger zum Kommentieren.

Nun geben Sie Ihr Comeback als Kommentator. Werden Sie nervös sein?
Hundertprozentig, aber hundertprozentig! Ich hatte vor jedem Spiel eine gewisse Feuchtigkeit in den Händen. Sobald du das nicht mehr hast, wenn du Bayern gegen Dortmund nicht mehr aufregend findest, dann solltest du aufhören.

Sie dürfen sich Ihre Spiele aussuchen, die Sie kommentieren werden.
Wunderbar, oder? Ich muss nicht den Bayern folgen, ich muss nicht YB folgen. Ich kann machen, was ich will. Zum Glück kenn ich mich ganz gut aus in Europa. In London warten Leute auf mich, in Madrid, in Mailand. In Paris hole ich sie mir noch, notfalls den Herrn Tuchel, hab ihn lange nicht gesehen. Das ist das, was die Sache lustig macht. Es sind die Reisen, die Erlebnisse, die Begegnungen. Das war früher schon immer a very important part of the Deal. Andere Kollegen reisen am Spieltag mittags an, stehen im Stau und stürzen sich nervös ins Stadion. Ich gehe am Tag vorher ins Museum, am Abend fein essen, ein bisschen Spass haben – und dann am anderen Tag ab ins Stadion. Ein gut gelaunter Zeisig trällert bekanntlich schöner als ein nicht gut gelaunter.

Und das Comeback kommt gut?
Ganz ehrlich: Wenns schiefgeht, dann werd ich es nicht erzwingen. Ich werde ja auch bald 70, liebe Freunde der Sonne. Ich hab immer gesagt, ich hör auf, wenn ich selber finde, dass es nicht mehr gut genug ist. Das war damals schon so, 2016, als ich zum ersten Mal aufgehört hab.

Wie haben Sie das gemerkt?
Also: Bayern ist schon Meister, sie spielen in Berlin. Die Sonne scheint, 84 000 Zuschauer, ausverkauftes Olympiastadion, tolle Stimmung, super. Da kommt die Aufstellung rein, und ich zu meinem Assistenten: «Ja, das ist jetzt aber frech!» Stellt der die B-Mannschaft auf, höchstens B! In der Hauptstadt, und die haben volles Haus. Eine Sauerei. Das macht man nicht, Herr Guardiola.

Und Sie sitzen oben und müssen kommentieren.
Der eine in der Startaufstellung ist Tasci, den haben sie geholt für fünf Partien damals. Der hat vorher nie gespielt, nur heute, für Martinez. Und dann fangen die an, ich kommentiere und jedes Mal, wenn oben ein Flugzeug startet, denke ich mir: Hoffentlich krieg ich nachher den früheren Flug. Nach zehn Minuten sagt mein Assistent zu mir über den Kopfhörer: «Es wäre langsam Zeit, dass du den Javi Martinez jetzt mal auf die Bank setzt.» Und ich denke mir: Was redet der denn da? Und dann merk ichs endlich: Der Martinez spielt gar nicht, der Tasci sieht ihm nur verdammt ähnlich. Und ich rede da minutenlang vom Martinez in der Verteidigung. Da wusste ich: Jetzt ist Schluss, das wäre mir vor einem Jahr noch nicht passiert.

Trotzdem versuchen Sie es nochmals.
Sie haben so nett gefragt beim Teleclub, es ist für sie soo wichtig. Ich hab jetzt die Pause gehabt, und ich habe vor der Aufgabe keine Angst. Und: Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen.

Und wann ist für Marcel Reif Schluss?
Wenn ich nach zwei Spielen merke, dass mir die Leichtigkeit fehlt, die Freude, dann höre ich sofort auf. Aber lass uns zuerst mal gucken. Ob ich sterbe auf dem Reporterplatz? Ich glaub es nicht, ich hoffe es nicht. Aber im Moment verstehe ich den Fussball noch, und der Fussball macht mir Freude. Die Spieler, die Trainer, sie unterhalten sich normal mit mir, ohne dass sie einen Lautsprecher brauchen oder mir das Spiel erklären müssten. Noch weiss ich nicht weniger als die anderen.

Basler Zeitung

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