Löw erdet sich

Der Bundestrainer gibt sich vor den Nations-League-Partien geläutert. Doch das ihm entgegengebrachte Vertrauen ist nicht vorbehaltlos.

Halt suchen – nur an wem? Bundestrainer Jogi Löw.

Halt suchen – nur an wem? Bundestrainer Jogi Löw.

(Bild: Keystone)

Während der grossen Konferenz des Fussball-Weltverbandes am 23. September in London befand sich der deutsche Bundestrainer dort, wo er hingehörte: Mittendrin in der Menge. 190 Nationaltrainer nahmen teil, Löw, Vertreter des WM-Verlierers Germany, sass neben den Kollegen aus Georgien und Gibraltar. Auf der Bühne sezierten der Weltmeistercoach Didier Deschamps und die Legenden und Fifa-Funktionäre Carlos Alberto Parreira, Marco van Basten und Clarence Seedorf das WM-Geschehen, als Van Basten einen Einfall hatte: «Es wäre interessant, mit Mister Löw zu sprechen», sagte er – was seinen Landsmann spontan zur Programmänderung veranlasste. «Herr Löw, wo sind Sie?», rief Seedorf in den Saal hinein.

Für Löw gab es kein Entkommen, aber augenscheinlich kostete es ihn keine Überwindung, dem Weltkongress zu erklären, warum er mit seiner Mannschaft gescheitert war. Unter anderem gab er «taktische Fehler» zu, und weil ein Trainerkonvent keine Selbsthilfegruppe ist, sondern eher einer Vollversammlung der Unfehlbaren gleicht, erregte er durch seine Selbstbezichtigung grosses Aufsehen. Van Basten teilte mit, er sei «froh und stolz, dass Sie aufgestanden sind und so offen zu uns gesprochen haben, das war sicher nicht einfach».

«Wie viele andere war ich überrascht, dass er seinen Job behalten hat.»Michael Ballack, einstiger Captain

Für jene 189 Koryphäen, die in London beieinandersassen, ist die WM Geschichte. Jogi Löw aber befindet sich noch mittendrin in der privaten Verlängerung des Turniers. Daran hat ihn in den letzten Wochen sein einstiger Captain und spezieller Freund Michael Ballack erinnert, als er der «Deutschen Welle» erzählte, er sei «wie viele andere Leute überrascht gewesen, dass er seinen Job behalten hat». Die Herren des DFB müssten sich «doch eingestehen, dass die Dinge nicht mehr funktionieren, wenn jemand so lange mit einer Mannschaft arbeitet wie er».

Pläne und Debatten in kritischem Umfeld

Bis zum Abpfiff der Nations-League-Spiele gegen Holland (heute) und Frankreich (am Dienstag) steht Ballacks Wort nur als einzelne Meinungsäusserung im öffentlichen Raum. Aber den DFB-Verantwortlichen ist bewusst, dass sich das wohl ändern wird, falls es auf unschöne Weise schiefgehen sollte in Amsterdam und Paris. Dass es dann in Deutschland eine Bundestrainer-Debatte geben wird.

Anders aber als Ballack das vielleicht glaubt, setzten die Oberen des Verbandes eine solche Debatte selbst bereits auf die imaginäre Tagesordnung, nachdem Löw Anfang Juli seine Bereitschaft zum Bleiben erklärt hatte: Im Fall des Abstiegs aus der Eliteklasse der Nations League sei Löw nicht mehr zu halten, dies war der unzweideutige Tenor. Es heisst, dass man für den Fall der Fälle vorbereitet wäre, doch man ist mittlerweile wieder besserer Hoffnung, den sogenannten Plan B nicht aktivieren zu müssen.

Oliver Bierhoff wird als zuständiger Manager dem Präsidium bei der nächsten Sitzung am Freitag Bericht erstatten. Im ärgsten Fall könnte es dann einen Beschluss geben, aber dieser könnte auch lauten, dass Löw noch die Chance bekommt, im November beim Heimspiel gegen Holland den zweiten Gruppenplatz zu retten. Derzeit verlangt ja niemand, dass der Trainer sein Team vor Weltmeister Frankreich in die Endrunde der Nations League führt.

Die Rückmeldungen, die Bierhoff den Funktionären aus der Mannschaft bisher übermittelt hat, seien positiv. Die Spieler seien sich ihrer eigenen Schuldigkeit am WM-Versagen bewusst und wollten unbedingt mit Löw weiterarbeiten. Dies hat sogar Ballack bestätigt, beim 0:0 gegen Frankreich Anfang September habe er «wirklich gute Spieler gesehen, die sich mit den Franzosen messen konnten». Während mancher Kritiker monierte, Löw habe entgegen seinem Vorsatz der «tief greifenden Veränderungen» bloss wieder die alten Gesichter versammelt, glaubt man beim DFB, dass der Bundestrainer und Manager Bierhoff die richtigen Lehren gezogen hätten.

Bevor sich Löw gerügt hatte, hatte er bereits einer Runde von Bundesliga-Vertretern seine strategischen Fehler gestanden. Die Taktik im Eröffnungsspiel gegen Mexiko (0:1) hält er zwar nach wie vor für unverzeihlich. Im Kreis der alten Fussballer erhielt er aber Zuspruch. Karl-Heinz Rummenigge und Rudi Völler kürzten die Debatte ab und rieten zur Schwamm-drüber-Methode, Niederlagen seien nun einmal Teil des Geschäfts. Löw verliess die Sitzung im Gefühl der Erleichterung, dass er seine Entscheidung, Bundestrainer zu bleiben, nicht gegen die komplette Szene durchsetzen müsste.

Ein Stück Unsicherheit und Angestrengtheit merkt man ihm immer noch an. Löw tritt jetzt nicht mehr wie der Mann auf, der höflich wissen lässt, über den gewöhnlichen Dingen zu stehen. Nun heisst es: «Jogi hängt sich rein.» Neu schaut er sich so viele Bundesligaspiele an, dass man meinen könnte, er besuche mehrere Stadien gleichzeitig. Viel gelobt wurde sein professioneller Einsatz, als die Uefa die EM 2024 an Deutschland vergab.

Ein Ausstiegsrecht für beide Parteien

Der DFB hatte sich zuvor am Genfersee in Klausur begeben, um die Präsentation vorzubereiten. Eine BBC-Moderatorin trainierte die Delegation, zu der auch Löw gehörte, für die englischsprachige Anhörung. Aber es waren nicht die Sprachkenntnisse des Trainers, die die Pluspunkte brachten. «International hat er einfach eine unglaubliche Geltung», sagt ein DFB-Mann.

Andererseits wären Van Bastens Komplimente und Löws neue Motivationsbeweise nicht mal von sekundärem Interesse, wenn die schlechten Ergebnisse der WM mit schlechten Ergebnissen nach der WM addiert werden müssten. Löws Vertrag gilt bis 2022, nach der EM 2020 haben die Parteien ein Ausstiegsrecht. Wenigstens bis dahin wollen es die Beteiligten schaffen.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt