Kein Wunder, geht Platini mit Blatter unter

Michel Platini geht als der Mann in die Fussballgeschichte ein, der die Weltmeisterschaft nach Katar gebracht hat.

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Florian Raz@razinger

Es ist noch einmal ein Blick in die wundersame Welt der hohen Fussballfunktionäre in der Ära des Joseph «Sepp» Blatter. Und wie so oft, wenn sich der Schleier der Verschwiegenheit etwas lüftet, bleibt der Mund offen ob des nonchalanten Umgangs mit Geld.

Einblick bietet das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (TAS). Der hat entschieden, dass Michel Platini vom Weltverband Fifa zu Recht von allen Fussballaktivitäten ausgeschlossen worden sei, auch wenn die Strafe von sechs auf vier Jahre reduziert wird. Der suspendierte Uefa-Präsident hat daraufhin seinen Rücktritt aus dem Weltfussball verkündet.

Es wird ihn kaum jemand vermissen.

Gestolpert sind Platini und Blatter über zwei Millionen Franken, die 2011 von der Fifa an Platini flossen. Was das TAS zu dieser Zahlung schreibt, zeigt, wie abgehoben die Spitze der mächtigen Fussballverbände funktionierte: Platini besass gemäss dem TAS von 1999 bis 2002 mit der Fifa einen Vertrag mit 300'000 Franken Jahressalär. Blatter und Platini gaben später aber an, sie hätten sich 1998 mündlich auf einen Lohn von einer Million Franken pro Jahr geeinigt.

Nun fragt das TAS: Wie kommen Platini und Blatter auf eine geschuldete Summe von zwei Millionen? Vier Jahre à je 700'000 Franken zu wenig bezahlten Lohns würden ja 2,8 Millionen ergeben.

Platini kopierte Blatter

Aber auf solche Kleinigkeiten kam es unter Blatter bei der Fifa nicht an. Hier ging es um den Machterhalt durch Gefälligkeiten. Und Platini hat seinem einstigen Ziehvater gut genug zugeschaut, um dieses System beim Europäischen Fussballverband (Uefa) ebenfalls einzusetzen.

Kein Wunder, dass Platini gemeinsam mit Blatter unterging. Zu ähnlich war der Franzose dem Oberwalliser geworden. Zu sehr waren die beiden persönlich verstrickt, als dass Platini den Untergang Blatters hätte überleben können.

Von Anfang an hofierte Platini (wie Blatter) die kleinen Verbände, um sich ihre Stimmen zu sichern. Mehr Plätze für Meister von kleineren Ligen in der Champions League und mehr Teilnehmer an den Europameisterschaften lauteten seine Versprechungen. Sie brachten ihm vor allem in Osteuropa Sympathien ein. Eine der Folgen: Mit 24 Mannschaften nimmt fast die Hälfte der 54 Uefa-Mitglieder an der kommenden EM teil.

Flüge um die Welt

Wie Blatter flog auch der Franzose um die Welt, um Hilfsgelder zu verteilen. 2012 schloss die Uefa mit dem Ozeanischen und dem Asiatischen Fussballverband ein «Memorandum of Understanding» ab, in dem sie «technische Hilfe und Unterstützung» anbietet. Bis 2014 folgten dieselben Abmachungen der Karibischen, Mittel- und Nordamerikanischen sowie der Afrikanischen Föderation.

Das wirkt wie eine billige Kopie von Blatters Fussballentwicklungsprojekten, mit denen sich der Walliser weltweit die Stimmen der kleinen und kleinsten Nationen sicherte. Und Platini wollte Blatter ja auch unbedingt als Fifa-Präsidenten beerben.

Nur zeigte sich hier, dass Platini eben doch nur ein schwacher Blatter-Abklatsch war. Jovial sein, das konnte er ebenso gut wie Blatter. Aber die Machtspielchen, die beherrschte er nur halb so gut.

Die Sache mit Katar

Wenig intelligent war, dass er öffentlich dazu stand, für eine Weltmeisterschaft in Katar gestimmt zu haben. Die Umstände, die zu seiner Entscheidung geführt hatten, brachten ihm zwar keine Anklage ein – aber den Ruf der Käuflichkeit.

Bekannt ist, dass Platini vor der Vergabe der WM 2022 mit dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und dem Emir von Katar dinierte, dass der katarische TV-Sender al-Jazeera nach der WM-Vergabe an Katar für viel Geld die TV-Rechte der französischen Liga erwarb und die Investorengruppe Qatar Sport Invest (QSI) Paris Saint-Germain übernahm. Und dass Platinis Sohn Laurent zwischenzeitlich Europachef von QSI wurde.

Heruntergerollte Stutzen

Zum Verhängnis wurde Platini schliesslich, dass er sich öffentlich gegen Blatter wandte: Da entschied sich der Oberwalliser, den Franzosen mit sich in den Abgrund zu ziehen.

In Frankreich und Turin wird Platini immer als eleganter Spielmacher in Erinnerung bleiben; mit heruntergerollten Stutzen und der Nummer 10 auf dem Rücken des über den Hosen baumelnden Trikots. Aber Michel Platini geht auch in die Fussballgeschichte ein als der Mann, der die WM nach Katar gebracht hat.

Tages-Anzeiger

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