In Italiens Fussball ist die Spannung zurück

Gigant Juventus wird vom aufstrebenden Rivalen Inter Mailand und Aussenseiter Lazio Rom bedrängt – obwohl Cristiano Ronaldo auch mit 35 munter Rekorde bricht.

An der Tabellenspitze der Serie A ist es eng: Juventus und Inter Mailand sind nach 23 Runden punktgleich. (Bild: Emilio Andreoli/Getty Images)

An der Tabellenspitze der Serie A ist es eng: Juventus und Inter Mailand sind nach 23 Runden punktgleich. (Bild: Emilio Andreoli/Getty Images)

Fabian Ruch

Die Serie A lebt. Und ihr Puls schlug am Sonntagabend mal wieder im San Siro, das seit Jahren abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll. Das betrübt nicht nur Nostalgiker, weil die mythische Arena in Mailand als Scala des Fussballs einzigartiges Flair besitzt.

Wie vor vier Tagen: Inter gegen Milan, ausverkauft, elektrisierendes Ambiente, rund 6 Millionen Franken Einnahmen für Inter. Und ein Spiel wie ein Sittengemälde des Fussballs. Mit Emotionen, Energie, Eleganz. Mit einem Milan, das mit Rückkehrer Zlatan Ibrahimovic, der in diesem Jahr 39 wird, vor der Pause alles im Griff hatte. Das 2:0 führte, Tor und Assist Ibrahimovic – aber dann monumental einbrach. Und mit einem Inter, das 4:2 gewann, wobei Ibrahimovic in der Nachspielzeit das 3:3 knapp verpasst hatte, als er mit einem Kopfball den Pfosten traf.

Ratlos nach dem Derby, aber eine Bereicherung für die Liga: Zlatan Ibrahomivic. (Bild: Andrea Staccioli/LightRocket via Getty Images)

Es war allerbeste Werbung für die Serie A, die oft ein wenig unterschätzt wird. Italienische Teams verteidigen in der Regel stilsicher, die Vereine gehen auf dem Transfermarkt geschickter als etwa Premier-League-Clubs vor, die Liga ist spannend, unterhaltsam, turbulent. Inter-Trainer Antonio Conte sagt: «So interessant wie in Italien ist es derzeit in keiner anderen Topliga.»

Contes Projekt läuft gut

Conte, einst in der ersten Saison bei Juventus und Chelsea Meister geworden, befehligt seit letzten Sommer das ehrgeizige Projekt Inter Mailands. Angetrieben vom schwerreichen Besitzer Suning, dem grössten chinesischen Einzelhandelsunternehmen, setzt der Traditionsclub sportlich und wirtschaftlich Ausrufezeichen. Inter hat seit dieser Saison alle Uefa-Vorgaben bezüglich Financial Fairplay erfüllt – und ist seit Sonntag Leader. Die Euphorie ist riesig, der Zuschauerdurchschnitt beträgt knapp 66'000, das ist weltweit ein Top-5-Wert. Und kein europäischer Topclub steigerte 2019 seinen Umsatz so signifikant – um über 20 Prozent auf 450 Millionen Franken. Tendenz stark steigend.

Das Kader ist breit und gut besetzt. Im Angriff harmonieren der flinke Lautaro Martinez und der wuchtige Romelu Lukaku, der nach schwierigen Zeiten bei Manchester United allein in der Liga schon 17-mal getroffen hat.

Inters Sturm-Duo: Lauro Martinez und Romelu Lukaku (r.). (Bild: Andrea Staccioli/LightRocket via Getty Images)

Ende Januar verpflichtete Inter auch noch Christian Eriksen, dessen Vertrag bei Tottenham Ende Saison ausgelaufen wäre – für 20 Millionen. Es war ein Coup: Der Marktwert des Dänen beträgt fast das Fünffache. Im Sommer hatte Tottenhams Präsident Daniel Levy noch weit über 100 Millionen verlangt für den Regisseur, der Inter ideal verstärken könnte.

Präsentiert wurde Eriksen mit stilvollen Bildern aus der Mailänder Scala. Im Derby am Sonntag wurde er auf grosser Bühne eingewechselt – und setzte einen famosen Freistoss aus über 35 Metern nach spektakulärer Flugkurve ans Lattenkreuz. Nach dem Spiel sagte er: «In fast sieben Jahren in der Premier League erlebte ich nie so eine Stimmung wie heute. Das war magisch.» Nicht wenige hoffen, dass sich die Mailänder Clubs bei der Suche nach dem richtigen Projekt für ein neues Stadion weiter schwertun.

Inters neuste Anschaffung: Edeltechniker Christian Eriksen bei seiner Präsentation in der Mailänder Scala. (Bild: Inter Mailand)

Lazio ärgert das Topduo

Am Sonntag folgt für Inter der Spitzenkampf bei Lazio Rom, das nur einen Punkt hinter den Mailändern und Juventus liegt. Lazio hat sein Team angesichts der geringen wirtschaftlichen Möglichkeiten kompetent zusammengestellt, agiert gut organisiert und leidenschaftlich. Ciro Immobile ist mit 25 Toren die überragende Figur. Der Stürmer ist sogar noch treffsicherer als Cristiano Ronaldo, der Juventus fast im Alleingang halbwegs auf Kurs hält.

Ist fast immer in Torlaune: Lazio-Stürmer Ciro Immobile. (Bild: Silvia Lore/NurPhoto via Getty Images)

Seit wenigen Tagen ist Ronaldo 35. Er überzeugt immer noch mit Athletik und Einstellung, Sprungkraft und Schnelligkeit. 20 Tore schoss der Superstar in 20 Spielen – in den letzten 10 Einsätzen traf er stets (und total 15-mal). Es ist ein neuer Bestwert in der glorreichen Juventus-Historie. Ronaldo bricht einfach weiter Rekord um Rekord – und peilt schon den nächsten an. Der Serie-A-Höchstwert liegt bei elf Partien in Serie mit einem Torerfolg.

Am Wochenende brachte der Portugiese ein müde wirkendes Juventus mit einer herrlichen Einzelleistung bei Hellas Verona 1:0 in Führung. Doch der unbequeme Aufsteiger schlug zurück und gewann sensationell 2:1.

Der Trainer ist der Buhmann

Schon länger wird Juventus-Trainer Maurizio Sarri, einst bei Napoli ein erbitterter Rivale des Turiner Serienmeisters, angezweifelt. Es ist Sarri noch nicht gelungen, das Potenzial seiner teuren Mannschaft auszureizen. Spieler wie Paulo Dybala und Mathijs de Ligt enttäuschen, und so muss Juventus härter um den neunten Meistertitel in Serie kämpfen als erwartet. Sofort verfügbare Alternativen wie der frühere Coach Massimiliano Allegri und Wunschkandidaten ab Sommer wie Pep Guardiola von Manchester City werden bereits als Sarris Nachfolger gehandelt.

Juventus-Trainer Maurizio Sarri und Paulo Dybala, eines seiner Problemkinder. (Bild: Pier Marco Tacca/Getty Images)

Die Ansprüche in Turin sind gewaltig: Das Triple aus Champions League, Serie A und Pokal soll es sein – wie es Inter 2010 gelungen ist. «Wir dürfen nicht nervös werden», sagt Ronaldo, «noch haben wir alles in den eigenen Händen. Die wirklich wichtigen Spiele folgen erst im Frühling.»

Immerhin liegt Juventus weit vor der AS Roma (Rang 5), Milan (10), Napoli (11) und Fiorentina (14). Die Probleme des prominenten, ambitionierten Quartetts sind teilweise hausgemacht. Aber eben auch Beweis der klugen Arbeit bei einigen kleineren Clubs – wie Atalanta, das im Champions-League-Achtelfinal auf Valencia trifft. Und in der Serie A hinter dem souveränen Spitzentrio folgt.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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baz.ch/Newsnet

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