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«Ich lebe von der Intuition»

Der Heilsbringer hat beim Grasshopper Club wieder einen Namen: Murat Yakin.

«Ich staune manchmal selbst, wie ruhig ich da bleiben konnte.» Murat Yakin soll als Trainer dem Grasshopper Club zu neuem Glanz verhelfen.
«Ich staune manchmal selbst, wie ruhig ich da bleiben konnte.» Murat Yakin soll als Trainer dem Grasshopper Club zu neuem Glanz verhelfen.
Keystone

Die letzte Medienkonferenz bei GC vor dem Spiel gegen Basel im August war bizarr: Ein Journalist war bei Carlos Bernegger zugegen, jener der BaZ. Vor dem heutigen Knüller GC gegen FCB (19 Uhr, Letzigrund) heisst der Trainer Murat Yakin (43) und ist der Presserummel ein anderer. Der Münchensteiner mit grosser FCB-Vergangenheit ist schliesslich der Hoffnungsträger beim Rekordmeister, der in den letzten Jahren so tief gefallen ist.

BaZ: Murat Yakin, wie und wo haben Sie am Mittwochabend den FCB-Galaabend in der Champions League gegen Benfica verfolgt?

Murat Yakin: Ich habe zu Hause auf dem TV-Sofa mitgefiebert und mich sehr gefreut. Der Schweizer Fussball braucht starke Clubs im europäischen Geschäft. Und ich habe ja eine wunderbare Vergangenheit in Basel, durfte grosse Erfolge feiern. Da ist es doch selbstverständlich, dass ich mich freue.

Welcher Typ Fussballgucker sind Sie zu Hause?

Ein ganz entspannter (lacht). Am liebsten mit Nüssli oder sonstigem Knabberzeug. Ich studiere die Strategien beider Mannschaften, aber Notizen mache ich mir keine.

Wo steht der FC Basel heute?

Ich bin etwas weit weg, um das seriös beurteilen zu können, schliesslich habe ich beim Grasshopper Club genug Arbeit. Das 5:0 gegen Benfica hat mich nicht überrascht, ich kenne ja die Atmosphäre im Joggeli – in diesem Stadion ist ein solches Fussballfest immer möglich. Die Spieler hatten nicht viel zu verlieren, die Champions League ist für jeden ein Highlight. Die 1:2-Pleite gegen St. Gallen von letzter Woche in der Meisterschaft gewichte ich nicht stark. Die Saison ist noch jung, alles liegt nahe zusammen in der Tabelle.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten, dass Marco Streller Sportchef wird beim FCB?

Pipi bringt alles mit für die Aufgabe. Er ist ein Idol der Massen, ein Berufsbasler, er hat das Talent dafür. Aber seien wir ehrlich – die Umstellung ist nicht immer einfach, das hat auch ein Alex Frei in Luzern erfahren müssen. Der Beruf eines Sportchefs erfordert keine Lizenz wie bei einem Trainer. Streller wird seine Erfahrungen in Basel sammeln.

Im Mai 2014 verliessen Sie den FCB. Wie unschön war damals der Abgang aus Ihrer Sicht?

Ich empfand ihn nicht als unschön. Im Leben und im Fussball speziell kann es schnell gehen. Wir haben in Basel alles rausgeholt, was möglich war. Jeden dritten Tag ein Spiel, Druck von allen Seiten – in der Nachbetrachtung staune ich manchmal selbst, wie ruhig ich da bleiben konnte. Aber natürlich habe ich sehr viel gelernt, die Mannschaft von damals war nicht einfach zu führen mit diesen Charakteren. Alex Frei, Marco Streller, Valentin Stocker, Marcelo Diaz, Geoffroy Serey Die, Raul Bobadilla, die Degen-Zwillinge …, da kam schon etwas zusammen (lacht).

Via Spartak Moskau und Schaffhausen sind Sie nun bei GC angekommen. Was für einen Club fanden Sie vor bei Amtsantritt am 25. August?

Ich kannte den GC-Campus ja bereits aus meiner ersten Zeit als U21-Cheftrainer. Campus umschreibt das Wort kasernieren – gerade hier braucht es ein gutes, kommunikatives Miteinander im Alltag. Die ganze GC-Führung arbeitet ja unter dem gleichen Dach wie die Spieler, das muss nicht immer nur ein Vorteil sein. Aufgefallen ist mir der hervorragende Zusammenhalt unter den Spielern, wobei ich da schon auch eingegriffen habe; ich will, dass die Spieler nach dem Training und dem Essen zusammensitzen und sich austauschen. Das gehört dazu, wenn ein Team gemeinsam wachsen soll. Generell ist es gut, wenn alle auf dem Campus miteinbezogen werden und sich auch alle einbringen können.

Wie wirkte die GC-Führungsspitze bei Ihrem Wechsel von Schaffhausen nach Zürich auf Sie?

Sie begegneten mir ausserordentlich respektvoll und herzlich. Die Vertragsverhandlungen waren unkompliziert. Sie wünschten sich einen Trainer, der die Mannschaft kurzfristig stabilisiert und ihr mittelfristig ein neues Gesicht verpasst.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Erich Vogel, die GC-Eminenz im Hintergrund, voll auf Ihrer Seite steht?

Jeder im Schweizer Spitzenfussball hatte schon mit Erich Vogel zu tun. Er ist eine faszinierende Persönlichkeit, die mich seit 30 Jahren begleitet. Ich zeige ihm meinen Respekt – aber er weiss auch, dass ich mich auch hier niemals beeinflussen lasse.

GC hatte in den letzten Jahren enorm grosse Probleme. Wie haben Sie diesen Niedergang wahrgenommen?

Viele Probleme bei GC waren hausgemacht. Ich hatte immer Kontakte hier, und ich spürte, wie viele im Umfeld des Vereins in den letzten Jahren gelitten haben. Das Selbstvertrauen von früher ist etwas abhanden gekommen. Was mich überrascht hat: GC hat in den letzten Jahren wertvolle Spieler zu Spottpreisen verkauft, was nie richtig aufgefangen werden konnte. Eine Saison spielte GC gut – schon war die halbe Mannschaft wieder weg. So konnte nichts Nachhaltiges reifen.

Mit dem Namen Yakin sind in Zürich grosse Hoffnungen verknüpft. Sind Sie der neue Club-Ambassador – oder gar das Maskottchen für ein neues Stadion?

In erster Linie geht es um Fussball. Und um Resultate. Wir können auf dem Papier die tollsten Pläne aushecken – wenn wir auf dem Platz nicht liefern, ist alles nichts wert. Und als Fussball-Verkäufer eigne ich mich definitiv nicht. Das sollen andere machen.

Eine nicht sehr gewagte These: GC wird erst dann Erfolg haben, wenn das neue Stadion kommt – also nicht vor 2021 …

Die neue Arena ist garantiert entscheidend für die GC-Zukunft. Kurzfristig kann man immer Spiele gewinnen. Und wichtig ist auch, dass wir den Funken im Publikum wieder zünden, dass wir Feuer entfachen. Dafür brauchen wir ein neues Stadion. Ich habe das ja selbst in Thun, Luzern, Basel, Moskau und zuletzt in Schaffhausen erlebt. Überall das Gleiche: Man muss den Fussball nicht neu erfinden, aber ohne einen modernen Tempel geht nichts. Und wenn es dafür meinen Namen braucht, helfe ich gerne mit, keine Frage.

Überall, wo Sie als Trainer arbeiten, ist Erfolg, sogar in der Provinz in Schaffhausen. Wie oft werden Sie pro Tag gefragt, ob Sie einen Zauberstab im Sack haben?

(Lacht) Also, ich habe keinen Zauberstab, dafür eine Trillerpfeife (öffnet seine Trainertasche und zeigt sie). Ich mache mir keine Gedanken, warum es so ist, wie es ist. Ich lebe von der Intuition, vom Instinkt. Aber ich weiss, was ich den Jungs auf dem Platz vermitteln muss. Dafür habe ich einen klaren Plan – immer bezogen auf den nächsten Match, niemals auf den nächsten Monat.

Was ist für Sie auf dem Trainingsplatz entscheidend?

Dass ein Spieler die gleiche Leidenschaft mitbringt wie ich selbst. Macht er das, trage ich ihn auf den Schultern vom Feld. Macht er das nicht, hat er ein Problem. Dann bin ich schnell nicht mehr der liebe Muri, sondern der konsequente Yakin.

Ganz generell gefragt – auf was legen Sie Wert im Alltag?

Ich will den Spielern Selbstvertrauen einflössen und ihnen ein gutes Gefühl vermitteln. Ein taktischer Plan ist enorm wichtig, aber letztlich funktioniert der Fussball nur über Teamwork. Wenn ich spüre, dass ein Junger lernen will, schenke ich ihm alle Zeit der Welt.

Welche Rolle spielt Ihr Bruder und Assistenztrainer Hakan Yakin?

Er beobachtet die Spieler, er beobachtet mich und liefert Inputs. Er arbeitet detailliert Trainingsinhalte für Standardsituationen aus oder hilft bei der Auswertung von Videos. Auch ich brauche einen Coach, mit dem ich mich austauschen kann. Die Grösse des Staffs ist ein wichtiger Punkt im Leben eines Trainers.

Wie meinen Sie das?

Bei Spartak Moskau hatte der ganze Trainerstaff am Ende eine Grösse von 28 Personen. Es war unmöglich für mich, den Überblick zu behalten, obwohl ich ja die ganze Verantwortung trug. Das war eine der Lehren aus Russland.

Wie haben Sie sich als Mensch und als Trainer verändert in den letzten Jahren?

Die jeweilige Situation in einem Club verändert einen am meisten. Bei mir ging alles extrem schnell. Die Trainer-Diplome in Thun, der Aufstieg, das neue Stadion in Luzern, der Wechsel zu Basel, die tollen Erfolge, der Wechsel zu Spartak – alles hat mich geprägt. Ich bin mit dem Schnellzug durch die Karriere gerast, und gerade beim FCB war es nicht einfach. Am Ende hat mich alles stärker gemacht.

Ihr Captain und Führungsspieler Milan Vilotic hat in dieser Saison bereits drei Eigentore geschossen. Wie reagiert da der ehemalige Innenverteidiger Yakin?

Das ist schon eine spezielle Angelegenheit. Ich habe jahrelang auf der gleichen Position gespielt wie er – und ich vermag mich an kein Eigentor zu erinnern (lacht). Ich baue Milan auf, helfe ihm und zeige ihm, wie er auf dem Platz stehen muss, um solche Situationen zu verhindern.

Mit was für einem Spiel rechnen Sie am Samstag gegen die Rotblauen?

Der FCB steht mehr unter Druck als GC. Wenn wir gewinnen, liegen wir in der Tabelle vor Basel. Wir dürfen nicht ins offene Messer laufen. Und ich bin selbst gespannt, wie unsere Organisation gegen einen Grossen wie den FC Basel schon klappt.

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