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«Ich habe die Spieler nie zusammengestaucht»

Helmut Benthaus und sein bewegtes Leben. Besuch beim grössten FCB-Trainer der Geschichte.

Marcel Rohr
10. Juni 1987, Schützenmatte: Im Playout-Hinspiel besiegen die Basler Wettingen gleich mit 7:0. Ein versöhnliches Ende – auch  für den abtretenden Helmut Benthaus.
10. Juni 1987, Schützenmatte: Im Playout-Hinspiel besiegen die Basler Wettingen gleich mit 7:0. Ein versöhnliches Ende – auch für den abtretenden Helmut Benthaus.
Keystone

Helmut Benthaus, wir beginnen das Gespräch mit einem Stichwort: Holthausen. Was fällt Ihnen spontan dazu ein?

Helmut Benthaus: Da bin ich 1935 geboren und aufgewachsen, als Sohn eines Maurerpoliers. Holthausen ist ein Stadtteil von Herne im Ruhrgebiet. Ich war ein Kriegskind. Als der Zweite Weltkrieg 1945 zu Ende ging, war ich zehn Jahre alt. Ich bin gross geworden mit Bombenalarm und Luftangriffen.

Wie sehr litten Ihre Eltern unter dem Krieg?

(Überlegt). Wer das alles nicht selbst erlebt hat, kann es nicht nachvollziehen. Und es ist auch für mich schwer zu erzählen. Mein Vater war beim Militär und musste an die Westfront. Später wurde er gefangen genommen und verbrachte einige Monate in Kriegsgefangenschaft. Ich habe mit meiner Mutter praktisch alleine gelebt, weil mein acht Jahre älterer Bruder ebenfalls ins Militär eingezogen wurde. Alleine über meine Jugendjahre könnten Sie ein ganzes Buch füllen.

Trotz dieser schweren Zeit – waren Sie damals ein glückliches Kind?

Ja, zweifellos. Ich war ein Sunnyboy, quirlig und überall beliebt – bei der Tante, bei der Mutter, aber auch in der Schule und vor allem bei Spielkameraden. Das hing wohl damit zusammen, dass ich körperlich sehr fit war und gut Fussballspielen konnte. Fussball war schon damals das A und O im Kohlenpott. Schalke, Dortmund, Essen: Dort gab es den grossen Sport zu sehen.

Lebten Sie nicht in Angst – wegen der Bombenangriffe?

Wir mussten jeden Abend in einen Bunker. Dabei hatten wir einen kleinen Koffer mit dem Nötigsten. Das Ruhrgebiet wurde jeden Abend flächendeckend bombadiert. Bochum, Herne, Recklinghausen oder Dortmund sahen so aus wie die Städte heute in Syrien. Die Bunker waren sicher, die Eltern machten sich Sorgen, aber unter uns Kindern herrschte eine erstaunlich gute Stimmung.

1945 endete der Krieg. Was passierte mit der Familie Benthaus?

Wegen den Bombenangriffen wurde das Ruhrgebiet zwangsevakuiert. Wir fanden Zuflucht bei einer Tante in Schleswig-Holstein nahe der dänischen Grenze, wo es sich sicher leben liess. Nach einem Jahr kehrten wir zurück nach Holthausen. Danach ging ich in Herne aufs Gymnasium, nach bestandener Matur begann ich in Münster mit meinem Studium. Dafür kratzten meine Eltern das Geld zusammen. Ich entschied mich für Philologie mit Schwerpunkt Englisch und Sport.

Welche Rolle nahm da der Fussball in Ihrem Leben ein?

Mein erster Club hiess Rasensport Holthausen. Der Hauptplatz hatte keinen Grashalm, nur schwarze Asche aus der Kohleproduktion. Ich kickte in der Schülermannschaft. Während meiner Zeit auf dem Gymi baute ich Kontakt zu Westfalia Herne auf, das war der Spitzenclub vor Ort in der Landesliga, später Oberliga. Hier durfte ich zum ersten Mal an einem organisierten Training teilnehmen. Ich war immer der Kleinste, sehr schnell, wendig. So wie später der Otti Demarmels in Basel. Als ich 19 oder 20 war, wuchs ich auf einen Schlag um viele Zentimeter. Das ging auf Kosten meiner Schnelligkeit, also musste ich meinen Stil ändern und wurde ein Spielmacher im Mittelfeld. In Herne war ich ein sogenannter Vertragsspieler in der damaligen Oberliga West, dafür gab es 50 Deutsche Mark im Monat. Das war ein schöner Lohn. Als 18-Jähriger kam ich in die erste Mannschaft.

Und dann?

Herne war zwar Provinz, aber wir wurden immerhin zweimal Meister im Westen. Da ging mein Stern auf, in der Zeit wurde ich Nationalspieler, Sepp Herberger hatte mich berufen. 1860 München warb mich ab.

Mit dem grossen Trainer Max Merkel…

Der Topclub in München damals hiess 1860, nicht Bayern. Ich wollte dort weiter studieren, aber das ganze Jahr dort war ein einziges Missverständnis. Was das Studium anbelangt, wurde mir wegen der Kulturhohheit der Länder Leistungen, die ich an der Uni Münster erbracht hatte, nicht anerkannt. Ich hätte wieder fast von vorne anfangen müssen. Und auch sportlich lief es nicht optimal, ich riss mir das Innenband im Knie. Damals waren die Reha-Möglichkeiten sehr beschränkt, eine Knieverletzung bedeutete oft schon das Karrierenende. Als ich wieder spielen konnte, überwarf ich mich mit Max Merkel. Er hatte zuvor Erfolge mit Dortmund gefeiert und er brachte mich nach München mit. Als es auf dem Platz nicht lief, lud er alles auf meinem Rücken ab, bis es zum Krach kam und wir uns darauf einigten, die Sache zu beenden.

Anschliessend meldete sich der 1. FC Köln bei Ihnen.

Schon vor dem Wechsel zu 1860 München hatte ich bei den Kölnern auf der Wunschliste gestanden. Köln war damals der absolute Topverein in Deutschland. Trainingscenter, Clubhaus, Aufsichtsrat, Präsidium – eine andere Welt. Franz Kremer war der starke Mann im Verein und galt als Vater der Bundesliga, die 1963 gegründet wurde. Als erstes schickte mich Kremer zu einem Schneider, der mir Anzüge und sogar einen Smoking entwarf, extra für die nächste Meisterfeier. Der Fussball hatte einen extrem hohen Stellenwert in Köln.

Und welchen Status hatten Sie in Köln?

Ich fand zu meiner alten Form zurück und war unbestrittener Stammspieler. In der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 wurden wir auf Anhieb Meister. Auch privat lief es gut. Unsere Tochter Bettina wurde geboren – und ich wollte endlich das Studium abschliessen. Im dritten Jahr, in der Saison 1964/65, hatte ich meine Diplome im Sack, aber auf dem Rasen gab es leichte Rückschläge. Gleichzeitig knüpften Franz Kremer und der Präsident des FC Basel, Lucien Schmidlin, erste Kontakte. Ich wusste nichts davon.

Wie wurden Sie dann doch auf den FC Basel aufmerksam?

Als Gratulation für mein Staatsexamen bekam ich ein Telegramm aus Basel. In der Fussnote stand, dass sie gerne mit mir Kontakt aufnehmen würden. Ich rief sofort beim FCB an und sagte denen: Könnt ihr vergessen. Ich bleibe in der Bundesliga.

Das war aber nicht das letzte Wort…

Nein, Lucien Schmidlin sagte mir am Telefon, dass er von Franz Kremer die Erlaubnis habe, mit mir zu reden. Im ersten Moment war ich beleidigt. Ich empfand das nicht als Wertschätzung der Kölner. Mit einem Freund nahm ich dann aber den Nachtzug nach Basel und traf mich im Haus von Lucien Schmidlin. Die Atmosphäre behagte mir sofort. Ich fuhr zurück nach Köln und sagte zu meiner Frau: «Das muss ich mir gut überlegen. Basel gefällt mir».

Wie ging es weiter?

Mit meinen 30 Jahren machte ich mir Gedanken über meine Zukunft. Einerseits fühlte ich mich jung und fit genug, um Fussball zu spielen. Andererseits wollte ich mein Wissen weitergeben, welches ich an der Uni erworben hatte, eigene Ideen entwickeln und meine Visionen verwirklichen. Beim FC Basel waren sie mit Trainer Sobotka nicht mehr zufrieden und der wichtigste Spieler, Captain Hans Weber, war an Krebs verstorben. Der FCB hatte nur wenig Geld und wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen; also machte man mir das Angebot des Spielertrainers.

Dieses Amt war 1965 in Fussball-Deutschland verboten!

Genau, deshalb ging ich ja in die Schweiz. Ich hatte immer die Vision, Einfluss auf eine Mannschaft zu nehmen. Zuvor hatte ich erste Erfahrungen als Hobbytrainer gesammelt, mit der Uni-Mannschaft von Münster, mit der wir sogar Deutscher Uni-Meister wurden. So entdeckte ich den Trainer in mir.

Sie hatten zwei prominente Vorbilder: Bei Ihrer Ausbildung an der Sporthochschule Köln kreuzten sich die Wege mit Hennes Weisweiler. Und in der deutschen Nationalmannschaft war Ihr Chef der legendäre Sepp Herberger.

Beide waren Fussballer, verrückte Fussballer. Herberger war ein autodidaktischer Intellektueller, autoritär und sehr fachkompetent. Er regierte nicht mit eiserner Hand, sondern mit Argumenten. Er war ein hervorragender Trainer…

… der ganz Fussball-Deutschland prägte.

Der WM-Titel 1954 in der Schweiz hat unglaublich viel verändert. Ich wage zu behaupten, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg niemals so schnell wieder auf die Beine gekommen wäre ohne den Fussball. Nach der WM waren wir wieder wer.

Was haben Sie von Weisweiler gelernt?

Auch er war ein Fussballer, wie Herberger. Er dozierte an der Hochschule, auf der Trainerbank hatte er immer Erfolg. Anders als Sepp Herberger umgab sich Weisweiler gerne mit kompetenten Leuten.

Sie haben insgesamt acht Länderspiele für Deutschland bestritten. Sind Sie mit dieser Bilanz zufrieden?

Ich stiess relativ spät zur Nationalelf, als 26-Jähriger. Ich absolvierte acht Spiele hintereinander, und ich hätte weiter dazugehört, wenn ich mich bei 1860 München nicht so schwer am Knie verletzt hätte. Deshalb: Ja, ich bin zufrieden.

1965 zügelten Sie dann nach Basel.

Meine damalige Frau, meine Tochter Bettina und ich bezogen eine Dreieinhalbzimmer-Wohnung in Birsfelden. Mein Sohn Achim wurde später in Basel geboren. Beim FCB waren die Bedingungen, sagen wir: ziemlich bescheiden. Wir trainierten auf dem Landhof hinter der Haupttribüne. Später setzte ich durch, dass wir auf der Brüglinger Ebene einen fixen Platz hatten.

Wussten Sie von Anfang an, was Sie als Spielertrainer zu tun hatten?

Ich wuchs an der Aufgabe. Gleich zu Beginn bot ich allen Spielern das Du an. Das war mir wichtig. Auf dem Platz konnten die Mitspieler ja nicht sagen: «Herr Benthaus, könnte ich den Ball haben?» Aber an Teamsitzungen, das stellte ich auch gleich klar, durfte nur der Trainer Kritik üben – und das war ich. Als Spieler versuchte ich, mit Leistung voranzugehen, aber das gelang nicht immer. Vor einem Europacup-Spiel in Valencia trichterte ich dem Team ein, dass wir zu Beginn ja kein Gegentor kassieren dürfen. Und was passierte? Ich verpatzte einen Tor-Abschlag, haute den Ball genau in den Fuss eines Spaniers, der sofort traf. Solche Dinge nahm ich dann voll und ganz auf meine Kappe.

Mit wem man in Basel auch über Sie redet, alle sagen das Gleiche: Der Benthaus war unglaublich fit. Ihr Konditionstraining war weitherum gefürchtet, Ottmar Hitzfeld erzählt heute noch davon.

Ja, ja, da wird ja immer gerne etwas übertrieben. Richtig ist, dass meine Mannschaft nicht fit war, als ich kam. Und richtig ist auch, dass ich als ehemaliger Sportstudent fitter war als andere. Meine erste Einsicht beim FCB: Die Spieler waren nicht in optimaler körperlicher Verfassung. Meine zweite Einsicht war: Die Mannschaft ist nicht gut zusammengesetzt, diver­­se Spieler agierten auf falschen Positionen.

Das klingt nach einer Menge Arbeit.

Geld für Neuzugänge hatten wir nicht, das wurde schon in den ersten Sitzungen klar. Aus der Jugend stiessen Mundschin, Siegenthaler und Paolucci nach, sie trainierten mit und machten etwas Druck auf die arrivierten Spieler. In einem Spiel der Reserven beobachtete ich rein zufällig Marcel Kunz, den Torhüter. Er zeigte ein paar richtig gute Paraden, also nahm ich ihn zu mir. In der Verteidigung spielten Füri, Michaud und Stocker. Im Mittelfeld gab es Karli Odermatt, er war ein Riesentalent, aber noch kein Grosser. Dazu Helmut Hauser, der ab 40 Metern vor dem gegnerischen Tor den Ball nicht mehr hergab und gerne versuchte, selbst zu schiessen.

Und im Angriff?

Dort standen mir Pfirter, Frigerio, Baumann und Moscatelli zur Verfügung. Aus diesem Stamm habe ich eine neue Mannschaft geformt. Kunz im Tor, Michaud Libero, Stocker neu Innenverteidiger, rechts Kiefer, links Pfirter. Im Mittelfeld Karli, Schnyder und ich. Hauser stellte ich als Mittelstürmer auf, dazu Frigerio und Wenger. Schnyder und Wenger stiessen auf meinen Wunsch in der zweiten Saison zu uns.

Hatten Sie ein goldenes Händchen?

Damit alleine gewinnt man nicht die Spiele. Dahinter steckte harte Arbeit. Wichtig war, dass man Fehler sofort erkannte und korrigierte. Und in der Teamführung hielt ich mich immer an ein paar Grundregeln.

Wie lauteten diese?

Ich habe die Spieler nie zusammengestaucht, sondern ihnen möglichst exakt die Fehler aufgezeigt, die sie begangen haben. Das war viel konstruktiver. Gelernt habe ich das bei Max Merkel.

Erzählen Sie.

Merkel machte immer nur faule Sprüche. Einmal sagte er in der Kabine in breitestem österreichischem Dialekt zu mir: «Du hoast gspuit wie mei Grossmutter!» Ich antwortete ihm, dass ich mir nichts darunter vorstellen könne – er solle mir doch erklären, wie seine Grossmutter «gspuit» hätte. Einen anderen Spieler stauchte er mal zusammen: «So, wie du spuist, müsstest auf der Kuh geritten gekommen!» Mir war schnell klar, dass ein Spieler von solchen Sprüchen nichts lernt. Ich wollte es besser machen.

Ein anderer Spieler beim FCB, der nicht einfach zu führen war, hiess Karli Odermatt. Wie war das Verhältnis mit ihm?

Das war völlig normal. Er war ein grossartiger Fussballer. Spieler wie er passen in jede Mannschaft. Auf dem Platz wollte er immer gewinnen, immer. Sein Anteil an den Erfolgen ist ihm gewiss. Er gehört zu jenem rotblauen Bild, das wir mit den sieben Meistertiteln in zwölf Jahren gemalt haben.

Wann spürten Sie, dass Basel eine richtige Fussball-Hochburg werden könnte?

In der zweiten Saison, 1966/67, als wir das Double gewannen. Da waren wir eine richtige Fussballstadt. Ein entscheidender Moment war der Cup-Halbfinal gegen Lugano im April 1967. Weil wir unter der Woche spielten, musste der Match vom Landhof ins Joggeli verlegt werden, nur dort gab es Flutlicht. Es kamen über 50 000 Zuschauer, wir gewannen 2:1. Von da an war klar, dass der Landhof eine Nummer zu klein war, das Publikumsinteresse schlicht gewaltig. Alles entwickelte sich grossartig, kein Vergleich zur Vorsaison. Im ersten Jahr musste ich ja nur Löcher stopfen, Trainingsplätze suchen und alles organisieren. Stellen Sie sich vor: Phasenweise stand ich alleine mit dreissig Spielern auf dem Rasen! Dann schickte ich drei ans Kopfballpendel, vier an eine Schusswand, ein paar andere mussten Runden laufen, damit der Platz nicht so voll war.

Zustände, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Der jetzige FCB-Cheftrainer hat mindestens fünf Assistenten und Helfer …

So ändern sich die Zeiten. Wir hatten zum Beispiel keinen Clubarzt und keinen Masseur. Vor den Matches musste ich die Spieler selbst bandagieren, was ich in Köln an der Uni gelernt hatte. Doch in allen schwierigen Situationen und in allen Diskussionen spürte ich immer einen guten Geist in dieser Stadt, eine Begeisterung für den Fussball. Die hat mich und die Mannschaft getragen.

Neben den vielen Titeln sorgten Sie vor allem auch dafür, dass der Fussball in Basel gesellschaftsfähig wurde, oder?

Sie sagen es. Die ganze Geschichte mit der nietenlosen Tombola, Theater-Direktor Werner Düggelin und mir führte schon dazu, dass die Akzeptanz des Fussballs in Basel markant stieg. Ich konnte mit «Dügg» eine Brücke zwischen Theater und Fussball schlagen. Vergessen Sie nicht: In diesen Zeiten gab es Familienväter, die ihren Söhnen verboten haben, zum Fussball zu gehen. Und da war auch noch Jean Tinguely, der Künstler. Nach einem Meistertitel schenkte er mal jedem Spieler eine wunderschöne Collage. Ich glaube, das ist bist heute die schönste Seite an diesen vielen Erfolgen, die ich zwischen 1965 und 1982 in Basel erleben durfte: Die gesellschaftliche Verwurzelung des Sports in der Stadt.

Was hat Sie sonst noch berührt?

Ich habe unglaublich viele grossartige Menschen kennengelernt: Lucien Schmidlin, René Theler, Peter Ramseier und wie sie alle hiessen. Der Zusammenhalt ist bis heute grandios.

Beim FCB haben Sie auch Ottmar Hitzfeld entdeckt, der als Trainer Weltkarriere machte. Macht Sie das stolz?

Ottmar Hitzfeld war nicht die einzige Perle, die bei einem Club entdeckt wurde. Hitzfeld spielte in Lörrach, er rief mich an und fragte, ob er bei uns mittrainieren dürfe. Probespieler hatte ich im Schnitt drei pro Woche. Er kam an einem Dienstag. Nach zwanzig Minuten Training schickte ich ihn hoch ins Büro; ich gab die Anweisung, dass ihn der FCB sofort unter Vertrag nehmen soll. Doch Hitzfeld winkte ab, er wollte zuerst alles mit seinem Bruder besprechen. Ottmar war clever – und unglaublich ehrgeizig. Seine grosse Karriere sagte ich ihm voraus, vor allem als Trainer.

1980 bekamen Sie den Schweizerpass. Als Deutscher wurden Sie beim FCB mehrfach Schweizer Meister. Und 1984, mittlerweile beim VfB Stuttgart, feierten Sie als Schweizer die deutsche Meisterschaft. Das klingt doch völlig verrückt, oder?

Sagen wir: speziell. Ich war ja auch der Erste, der als Spieler und später als Trainer die deutsche Meisterschaft eroberte. Aber der Titel 1984 war nicht die absolute Krönung meiner Karriere, die hatte ich zuvor in Köln und später natürlich in Basel erlebt.

Warum verliessen Sie 1982 den FCB?

Es kamen einige Dinge zusammen. Sportlich lief es nicht mehr ganz rund, auch bei Transfers war ich mir mit der Vereinsführung nicht mehr einig. Wir hatten ein neues, junges Team zusammen, aber für einen Titel reichte es nicht mehr. Die Stimmung in der Öffentlichkeit kippte, das hatte ich zu akzeptieren. Natürlich zog ich mit viel Wehmut nach Stuttgart.

Nach zwei Jahren in Stuttgart suchte der DFB 1984 als Nachfolger von Jupp Derwall einen neuen Teamchef. Sie waren der Favorit – und wurden es nicht. Weshalb?

Das war nie mein absoluter Traum. Meine Stärke war die tägliche Arbeit mit meiner Mannschaft. Hätte mich der VfB Stuttgart sofort freigegeben, hätte ich den Job gemacht, ja machen müssen. Aber ich war nie wirklich bereit dafür, insofern war ich sogar fast froh, dass mich Stuttgart nicht gehen liess. Nach dem Titelgewinn 1984 hatte der VfB mit mir wieder einen Vorzeigetrainer, der Club war auf dem Zenit. Bundestrainer wurde dann übrigens Franz Beckenbauer. Dafür wäre ich gerne woanders Trainer geworden.

Wo denn?

Beim FC Barcelona. Ich fuhr nach Spanien mit der Illusion, Barça hätte so viele Möglichkeiten, mich aus meinem Vertrag mit Stuttgart loszueisen. Zuvor hatte mich Barcelona zwei Wochen lang beobachtet. In Spanien lag dann der neue Vertrag auf dem Tisch. Präsident Nunez wollte, dass ich unterschreibe. Aber mir war klar, dass ich nicht einfach durch die Hintertüre aus Stuttgart abhauen konnte. Das versuchte ich Nunez zu erklären. Doch der sagte: «Barcelona holt keine Trainer, nach Barcelona kommt man!» Da musste ich schweren Herzens absagen. Der Club hätte mich wirklich gereizt.

Stattdessen kehrten Sie 1985 zum FC Basel zurück. Weshalb?

Nach dem Titel mit Stuttgart sagte ich der Clubführung: «Ich weiss, wie man Meister wird. Und ich weiss, wie man Meister bleibt. Dafür brauchts etwas.» Mit anderen Worten: Wir hätten die Mannschaft neu aufbauen müssen. Doch Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder wollte das nicht. Gleichzeitig stand ich immer in Kontakt mit Peter Ramseier, meinem ehemaligen Spieler. Der damalige FCB-Präsident hiess Urs Gribi. Auch er machte sich für meine Rückkehr stark.

War Ihr zweites Engagement in Basel ein Fehler?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich kam mit voller Pulle zurück und wollte es nochmals allen zeigen. Aber unter dem Strich passte es nicht mehr. Dazu gab es weitere Aspekte, die einen das Leben als Trainer schwer machten.

Was meinen Sie damit?

Schon Ende der Achtzigerjahre war immer mehr Geld im Spiel. Plötzlich hatte man als Trainer nichts mehr zu sagen. Im Vorstand spielten sich Leute in den Vordergrund; das war unglaublich. Auch deshalb hörte ich als Trainer auf und wechselte in die Versicherungsbranche, wo ich auch noch ein paar schöne Jahre hatte.

Damit schlagen Sie elegant einen Bogen in die Neuzeit. Wie nehmen Sie als bald 83-jähriger Pensionär den heutigen Fussball wahr?

Wenn ich vor dem TV sitze und im Geist immer noch Trainer bin, dann ist ein Fussballspiel immer noch ein Fussballspiel. Genau wie früher. Nur: Heute ist alles schneller, explosiver und aggressiver. Aber ein guter Fussballer bleibt ein guter Fussballer.

Macht sich der Fussball selbst kaputt?

Mit dem Geld ist das reingekommen, was überall und in allen übrigen Wirtschaftszweigen auch passiert: Es gibt Aussenseiter, die erkannt haben, dass man mit wenig Aufwand sehr viel verdienen kann. Quereinsteiger, Berater, Offizielle, Funktionäre, Anwälte – was auch immer. Das schadet der Branche.

Inwiefern?

Sehen Sie, ich habe früher 3000 Franken verdient im Monat. Da gab es keine Probleme, das Geld für Essen, Trinken und Ferien auszugeben. Da­­­­zu zahlte ich meine Steuern, meine Wohnung oder mein Auto, alles ganz normal. Wenn ich jedoch drei Millionen verdiene, habe ich zweieinhalb Millionen zu viel. Ich brauche einen Anwalt, einen Anlageberater – Menschen, die von Fussball keine Ahnung haben. Als ich früher den Club gewechselt habe, regelte ich das selbst per Handschlag mit dem Präsidenten des neuen Vereins. Heute machen das zwei Berater, die prozentual am Deal beteiligt sind und schon beim Unterschreiben der Verträge darüber sinnieren, wohin sie ihre Spieler als Nächstes bringen könnten. So verdienen sie Geld. So hat sich alles zwangsläufig verändert.

Stört Sie das?

Darum gehts nicht, es ist die Realität. Die Spieler sind ja gar nicht mehr in der Lage, sich selbst zu verwalten. Sie brauchen Anwälte, Berater, Experten oder Psychologen, um ihr Leben zu gestalten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich gönne jedem Spieler seinen Lohn. Kommerziell lohnt es sich heute mehr denn je, alles auf die Karte Fussball zu setzen. Aber gewisse Auswüchse in der Branche sind bedenklich.

Sehen Sie gerne einem Selbstdarsteller wie Cristiano Ronaldo zu?

Ich bin ein Fussballer aus altem Schrot und Korn und komme aus einer anderen Welt als er. Wenn ich Fussball spiele, spiele ich Fussball. Sie haben mich eingangs des Interviews gefragt, ob ich ein glückliches Kind war. Ja, das war ich – weil ich spielen durfte. Wenn ich nach dem Fussball zu spät nach Hause kam, gabs was auf die Ohren. Ich wusste das, und doch kam ich am nächsten Tag wieder zu spät. Dafür durfte ich tschutten. Fussball ist eine Insel, auf der man sich wunderbar verlieren kann. Die pure Freude am Spiel – die ist doch weg. Ob sie auch bei einem Ronaldo weg ist, kann ich nicht beurteilen, will ich auch nicht. Ich habe die Meisterfeier der Berner Young Boys am Fernseher verfolgt. Die haben sich alle wahnsinnig gefreut, da sind wir uns einig. Es waren genau diese Emotionen zu spüren, die man an einer Meisterfeier erwarten darf. Das ist Fussball.

Sie sind regelmässiger Tribünengast im St.-Jakob-Park. Gehen Sie eigentlich mit guten Gefühlen ins Stadion?

Ja, klar. Auch meine Frau kommt gerne mit. Wir essen im VIP-Bereich und treffen alte Freunde. Heute sind wir uns alle beim FCB wieder näher als noch vor ein paar Jahren.

Wie meinen Sie das?

Es gab eine Zeit vor der Jahrtausendwende, da waren wir Vertreter der älteren, goldenen Generation nicht so gern gesehen beim FC Basel. Ich verstand das auch. Wir Ältere standen für Siege, die Ausgabe damals war hingegen eher das Symbol für Niederlagen oder Enttäuschungen. Dementsprechend kümmerte sich niemand beim FCB um die Senioren.

Was passierte, damit sich diese unge­mütliche Situation änderte?

Es gab ein paar Gespräche mit Club-Vertretern, und ich sagte Ihnen: «Wenn Ihr wollt, dass der FCB ein Club ist, der stolz ist auf seine Tradition, dann müsst Ihr diese auch pflegen.» Das fruchtete, später bekamen wir Senioren Dauerkarten, die wir das ganze Jahr verwenden dürfen. Das ist bis heute ein schöner Zug des Clubs. Und nun fühlen wir uns, wir alten Schlachtrösser von einst, gegenüber dem Verein auch ein bisschen verpflichtet, ihm die Treue zu halten. Das gehört doch dazu.

Und wie fit ist Helmut Benthaus heute noch?

Ach, hören Sie auf. Beim Golfen spüre ich die Knie. Aber dienstags treffen wir uns mit den FCB-Senioren immer noch zum Training. Im Winter in der Halle, im Sommer draussen. Dann spielen wir eine Runde, gehen anschliessend was trinken und reden über das Leben und über Fussball. Gibt es etwas Schöneres?

125 Jahre FC Basel: Am 15. November 1893 wurde der FCB im Restaurant Schuhmachernzunft in Basel gegründet. Zum 125-jährigen Jubiläum läuft derzeit in der BaZ eine Serie. Heute: Helmut Benthaus.

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