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Guardiolas Wutausbruch nach der Polizeigewalt

Der katalanische Startrainer wettert gegen die spanische Regierung – und die Vereinsführung des FC Barcelona.

«Ich bin Katalane – mehr denn je»: Nach dem Sieg gegen Las Palmas war Gerard Piqué sichtlich aufgewühlt.

Surreale Bilder in Katalonien. In und vor Wahllokalen herrscht Chaos, Hunderte werden nach dem gewaltsamen Eingreifen der Polizei verletzt, nur an einem Ort herrscht gespenstische Stille. Ausgerechnet an dem Ort, an dem sich sonst beinahe hunderttausend versammeln, um dem Starensemble von Barça beim Fussballspielen zuzuschauen. Doch die Tore des Camp Nou bleiben beim Spiel zwischen Barcelona und Las Palmas verschlossen, Zehntausende stehen vergeblich vor den Eingängen. Aus Protest, sagt Barça-Präsident Josep Maria Bartomeu, aus Sicherheitsgründen heisst es in den Medien – die zweite Version bestätigt der Schiedsrichter José Luis Munuera Montero in seinem Bericht nach Spielschluss.

Beide Begründungen kümmerten Pep Guardiola herzlich wenig. Der Startrainer, aktuell in Diensten von Manchester City, äusserte gegenüber Catalunya Radio kein Verständnis dafür, dass die Partie durchgeführt wurde: «Ich hätte niemals gespielt. Niemals.» Auch die Drohung einer Forfait-Niederlage, zuzüglich eines Abzugs von drei Punkten, hätte ihn kalt gelassen: «Und wenn man tatsächlich spielen muss, dann mit Zuschauern. Mit allen Konsequenzen.» Der Verein hat angekündigt, sich wegen der harten Drohung der Liga bei den Verbänden Fifa und Uefa zu beschweren.

Die Briten als Vorbild

Einmal in Rage, holte Guardiola zum Rundumschlag gegen die spanische Regierung und die Polizei aus: «Stand jetzt sind mehr als 700 Personen verletzt. Wofür? Sie wollten wählen, keine Bank ausrauben. Die Leute wollten ihr Recht zur Demokratie ausüben, und ihnen wurde mit Gewalt begegnet.» Es sei unverzeihlich, dass Ministerpräsident Mariano Rajoy kein Wort über all die verletzten Menschen verloren habe: «Er ist weiterhin der Regierungschef aller Spanier, also schuldet er uns Antworten. Wieso wurden einer jungen Frau die Finger gebrochen, nur weil sie wählen wollte?» Nach Ansicht Guardiolas sollen sich die Spanier ein Vorbild an den Briten nehmen.

Polizeigewalt: Mehr als 800 Katalanen werden verletzt. Video: Tamedia/AFP.

Der spanischen Presse warf der 46-Jährige vor, unsachlich zu berichten: «Ich lese ‹El País›. ‹El País›, die meistgelesene Zeitung des Landes! Dort steht, man habe die Polizei verletzt. Wie, mit Wählerstimmen? Ich wiederhole: Einer jungen Frau haben sie die Finger gebrochen!» Zudem habe die Polizei Gummischrot eingesetzt, was in Katalonien illegal sei.

Keine Lektion von angeklagten Personen

Danach setzte Guardiola seine Wutrede gegen die Politiker fort: «Xavier Garcia Albiol, der ehemalige Bürgermeister von Badalona. Er spricht von Recht und Ordnung. Einer, der Schwarze und Muslime diskriminiert hat. Ich mag mir keine Lektionen mehr erteilen lassen von Leuten, die tausendmal angeklagt wurden.»

Auch die katalanischen Basketballstars Pau und Marc Gasol äusserten auf Twitter ihr Unverständnis über das Vorgehen der Polizei. «Musste es so weit kommen? War die Gewalt wirklich notwendig?», schrieb Pau Gasol, und sein Bruder ergänzte: «Gesunder Menschenverstand muss über allem stehen. Einer friedlichen Manifestation darf nicht mit Gewalt begegnet werden.» Barças Mittelfeld-Legende Xavi Hernandez, aktuell als Botschafter für Katar im Einsatz, nannte die Vorkommnisse «eine Schande».

Rund eine Stunde nach Abpfiff der Partie zwischen Barça und Las Palmas trat auch Barça-Innenverteidiger Gerard Piqué vor die Medien. Sichtlich aufgewühlt sprach er von seinem schwierigsten Tag als Fussballprofi. Unter Tränen sagte er, wie stolz er auf sein katalanisches Volk sei. Eine Botschaft war Piqué besonders wichtig: «Man ist nicht zwingend Separatist, wenn man wählen geht. Man kann auch ‹Nein› stimmen oder einen leeren Zettel abgeben. Aber wir wollen wählen.» Den Umgang der Regierung mit den Katalanen bewertete der 30-Jährige als «die schlechteste Entscheidung Spaniens der letzten 50 Jahre».

Guardiola lobte Piqués Worte als «Aussagen eines mutigen Menschen». Dass Katalanen immer wieder vorgeworfen wird, Spanien als Land zu verachten, stösst beim Trainer auf grosses Unverständnis: «Spieler wie Xavi, Piqué und Puyol waren Teil der besten Nationalmannschaft in der Geschichte. Wie kann jemand denken, dass wir Spanien nicht mögen? Spanien ist ein geiles Land, wir lieben Spanien!» Es habe Kultur, Sport, wunderschöne Städte: «Aber wir haben ein Recht auf Selbstbestimmung. Und das Beste von allem: Wir wissen ja nicht mal, ob die Katalanen wirklich unabhängig sein wollten.»

Video: Was, wenn sich ein Kanton von der Schweiz abspalten wollte?

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