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Geschenk in der Sauna von Tel Aviv

Ottmar Hitzfeld im Ramat Gan: Wenn ein 2:2 in Israel zu einer Enttäuschung wird.

Bernabeu, San Siro, Nou Camp, er war schon in fast allen grossen Stadien in dieser Welt, hat viel erlebt, gezittert, gelitten, gejubelt, und doch kam jedes Mal dieses Gefühl wieder auf, diese besondere Nervosität, die sich aufbaut vor dem Spiel, in den Stunden im Hotel, auf der Fahrt ins Stadion, wenn er vorne rechts auf seinem Platz im Bus sitzt, angespannt schon, ganz konzentriert, die Momente in der Kabine, und dann, wenn er mit der Mannschaft auf den Platz kommt. «Der Ablauf ist immer ähnlich, und doch ist es immer wieder neu, kommt dieses Kribbeln», sagt Ottmar Hitzfeld, einer der erfolgreichsten Trainer überhaupt, mit mehr als 20 Titeln, die er gewonnen hat.

Das Stadion von Ramat Gan ist alles andere als ein grosses in der Fussballwelt, es ist alt, teilweise verlottert, hat nur auf einer Seite eine kleine gedeckte Tribüne. Und doch ist es für Ottmar Hitzfeld in dessen langer Karriere ein spezieller Abend. Die Luft ist immer noch klebrig und feucht, es ist eine weitere schwüle Sommernacht in Tel[0] Aviv[0], und viele werden auch in der Dunkelheit immer noch an den langen, weissen Sandstränden der Stadt liegen und im warmen Meer baden.

Hier im Ramat Gan ist es aber vor allem laut. «Nicht nur die Temperatur wird heiss sein, ihr müsst euch auf eine besondere Ambiance einstellen», hat er seinen Spielern gesagt. Und noch etwas hat er ihnen mitgegeben, nachdem er zehn Tage zuvor beim Testspiel in Genf gegen Zypern beinahe erschrocken war über das kriegerische Gebrüll der Spieler in der Kabine. «Braucht die Energie vor allem auf dem Rasen, seid bereit beim Anpfiff», hatte er ihnen gesagt.

«Wir verschenkten 2 Punkte, gewannen aber 1 wichtigen.»

Es ist 21 Uhr Ortszeit, als sich Ottmar Hitzfeld auf den Plastikstuhl setzt und sich auch lange nicht mehr erheben wird. Er macht sich manchmal Notizen auf seinen kleinen Zettel, schreibt Stichworte auf als Gedankenstütze für das, was er in der Pause sagen will, schüttelt einige Male kurz den Kopf und steht erst nach 26 Minuten erstmals auf. Als Nkufo eine grosse Chance hat, aber mit dem Schuss zögert, verwirft Hitzfeld die Hände, notiert sich wohl «Schiessen, Blaise, etwas wagen!», ist ab sofort wieder ganz angespannt.

Es kommt die 45. Minute, ein Freistoss für die Schweiz. Hitzfeld streckt auf der Bank seinen Kopf, Hakan Yakin, fussballschlau wie er ist, nutzt die kurze Verwirrung der Israeli, schiesst schnell und vor allem zentimetergenau - der Ball ist im Tor, jubelnd drücken die Schweizer Yakin zu Boden, jubelnd, kurz die rechte Faust ballend, erhebt sich auch Hitzfeld.

Yakin, ausgerechnet Yakin!

Er werde ihn aufbieten, hatte Hitzfeld schon vor Wochen gesagt, «wenn ich ihn noch einsetzen kann, dann jetzt», war er überzeugt. «Was soll ich mir heute Gedanken machen, wie seine Verfassung nach ein paar Wochen in Qatar sein wird.» Hitzfeld denkt in solchen Momenten immer pragmatisch, er will die Lösung für das nächste Spiel finden, die beste Lösung fürs Team.

Und so dachte er auch bei einem zweiten Namen. Frei fiel aus, Streller auch, und so traf er im Juli Blaise Nkufo zu einem persönlichen Gespräch, wollte spüren, wie der unter Köbi Kuhn nie glücklich gewordene Stürmer spricht und denkt, hatte dabei ein gutes Gefühl und sagte ihm: «Ich gebe dir die Chance.»

Es kommt gestern im Ramat Gan die 56. Minute. Wieder ein Freistoss, wieder Yakin, diesmal kein Schuss, sondern eine Flanke, auf den Kopf von Nkufo - das 2:0. Hitzfeld ballt erneut kurz seine Faust, strahlt. «Wenn wir in Israel einen Punkt holen, ist das sehr gut», hat er tags zuvor gesagt, jetzt steht es in der Sauna[0] von Tel[0] Aviv[0] 2:0.

Ausgerechnet Yakin, ausgerechnet Nkufo! Bringt Ottmar Hitzfeld, der Glücksfall als neuer Nationcoach, dem Schweizer Fussball das Glück zurück? Das 2:1 fällt, «unnötig, nach einem Abwehrfehler», wird Hitzfeld später sagen, es kommen die letzten Minuten, Hitzfeld steht jetzt nur noch ganz vorne, unaufgeregt, wie es seine Art ist, mit verschränkten Armen, sieht zu, wie die Schweizer immer wieder unter Druck kommen, befürchtet er, was folgen wird? Tatsächlich, nach 92 Minuten heisst es 2:2, Hitzfeld wendet sich enttäuscht ab, setzt sich und erhebt sich dann nochmals, versteckt nach dem Schlusspfiff den Zettel in der Hosentasche.

2:2 nach einem 2:0, so ist ein Remis fast eine Niederlage. «Wir haben zwei Punkte verschenkt», sagt Hitzfeld später auch, spricht die Fehler an, die sein Team gemacht hat («konnten den Ball zu wenig halten, konnten das 2:0 mit Kontern zu wenig ausnützen»), denkt dann aber, wie es auch seine Art ist, positiv und erwähnt den «wichtigen Punkt, den wir in Israel, einem direkten Konkurrenten, geholt haben».

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