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«GC steckt in der Sackgasse»

Fussball-Experte Markus Frei sieht die Grasshoppers mitten im Abstiegskampf und rät ihnen, sich neu zu erfinden.

Bringt er GC wieder auf Kurs? Trainer Tami wirkt in diesen Tagen ratlos.
Bringt er GC wieder auf Kurs? Trainer Tami wirkt in diesen Tagen ratlos.
Keystone

Steigen die Grasshoppers ab? Ich bin kein Prophet, sondern Experte. Das sind die, die am Schluss sagen, ­warum etwas passiert ist.

Trotzdem… Es gibt ein paar Kandidaten, und GC gehört sicherlich dazu, wenn es sich der Gefahr nicht bewusst ist. Vaduz weiss wie Thun von Anfang an, dass es auf­passen muss, Lugano vermutlich auch, Lausanne ebenso. Bei GC bin ich mir nicht so sicher.

Was sind die Anzeichen, dass es GC treffen könnte? Der Abgang von Källström ist natürlich ein Alarmsignal. Caio könnte als Nächster die Lust verlieren. Und nur mit Jungen zu spielen, das wissen wir, geht nicht. Vor ein paar Jahren wäre GC abgestiegen, wenn das mit Sion (36 Punkte Abzug) und Xamax (Lizenzentzug) nicht gewesen wäre. Dann kam Uli Forte und brachte ­Erfahrung in die Mannschaft, indem er Salatic und Grichting einbaute. Ende Saison war GC Zweiter und Cupsieger. Das Rezept wäre klar: Wer Junge fördern möchte, braucht in der Achse erfahrene Spieler. Wenn aber die Achse auseinanderzubrechen beginnt, beginnt alles zu bröckeln. Wer ist noch da, seit Källström weg ist? Gut, Caio, und man probiert es mit Dabbur, aber beide sind Stürmer. In der Defensive helfen sie definitiv nicht. Ich weiss nicht, wer da für Stabilität sorgen sollte.

Dann sehen Sie die Rückkehr von Munas Dabbur als Nofallrezept? So sieht es aus. Der Verein merkt: Wenn er gar nichts macht, wird es schwierig. Wie nehmen Sie einen Spieler wahr, der sich so aus der Verantwortung stiehlt wie Källström? Wenn ihm tatsächlich versprochen war, man greife Basel an, aber die Regierung sagt einem mit der Zeit, dass man diesen Spieler verkaufen muss und jenen auch noch, dann hat er die Aussichtslosigkeit des Unterfangens eingesehen.

Aber so… ...so abzuhauen, das ist eines Captains unwürdig. Doch jetzt reden wir von verklärter Fussballromantik. Ich möchte sie zwar auch nicht ganz verlieren. Auf der anderen Seite ist es aber besser, dass einer geht, wenn er so lustlos ist wie Källström. Im Fussball heute ist es eben so: Da geht es um Kohle und Egoismus. Und Spieler, die Draxlers und wie sie alle heissen, gehen einfach, wenn ihnen etwas nicht mehr passt.

Sehen Sie ein Konzept bei GC? Der Verein hat eines, wie alle anderen auch. Aber das ist immer nur so gut wie die finanzielle Mitteln, die dafür zur Verfügung stehen. Wenn du ständig gezwungen bist, die Besten zu verkaufen, wird das Arbeiten schwierig. Es ist jetzt einfach, auf Huber herumzutrampeln (CEO und Sportchef von GC). Wenn er einen Spieler für 5 Millionen gekauft hätte und der wäre ein Flop, dann würde ich auch sagen: Da hat er falsch investiert. Aber er kann ja gar nichts aus­geben. Wenn Sie Ihrer Frau schöne ­Ferien bieten wollen und haben noch 20 Franken im Sack, müssen Sie sich aber grausam etwas einfallen lassen. Es ist zudem nicht so, dass Huber allein jeden Spieler wollte.

Es gibt noch einen Trainer… ...und Anliker wird als Präsident sagen, was möglich ist und was nicht. Sicherlich hilft es Huber nicht, dass er erst 29 ist. Da kann er gar nicht so viel Erfahrung und Möglichkeiten besitzen, etwas zu machen. Auf der anderen Seite sage ich: Mit einem kurzen Schwert ist es schwierig im Krieg.

Die Vorgabe an Huber ist unmissverständlich. Er muss Transfergewinne erwirtschaften. Wie wollen Sie da noch attraktiv spielen? GC steckt in der Sackgasse. Der Verein müsste sich neu erfinden. Die Idee, auf die Jungen zu setzen, ist ja nicht neu. Aber jetzt kommen wir in die romantische Zeit zurück: Als Johann ­Vogel und Murat Yakin in den 90er-Jahren in die erste Mannschaft kamen, standen schon fünf Nationalspieler auf dem Platz. An wen sollen sich die Jungen heute halten?

Die Wahl von Lavanchy als Captain lässt bei GC tief schliessen, wie viel Persönlichkeit übrig geblieben ist. Sie zeigt deutlich die Misere auf. Nichts gegen Lavanchy, er spielte in der Vorrunde besser, als die meisten erwartet hatten. Aber schon nach einem halben Jahr bei GC die Mannschaft zu führen? Da mache ich ihm keinen Vorwurf und dem Trainer auch nicht, dass er ihn wählt. Um Captain zu sein, braucht es eine gewisse Erfahrung, eine gewisse Klasse, ein gewisses Ansehen in der ­Öffentlichkeit. Und wer keinen Spieler hat, der das alles mitbringt, der hat einfach Mühe. Was will Lavanchy in der Pause beim Stand von 0:2 gross sagen: «Kommt nochmals, Jungs»? Ich habe schon länger eine ­Theorie aufgestellt: Sag du mir, wer dein Captain ist, und ich sage dir, welchen Rang deine Mannschaft belegt.

GC aber träumt noch immer davon, eines Tages zu alter Grösse zurückzufinden. Ja, ja, man träumt von der Champions League, ist aber mit einem Bein im Abstiegskampf. Es ist das Problem, dass man sich aufgrund der Vergangenheit sagt: Wir, der Rekordmeister… Dabei ist die Realität, dass GC jeden Punkt zusammenkratzen muss, um nicht abzusteigen.

Wie nehmen Sie Pierluigi Tami als Trainer in dieser Situation wahr? Er ist ein Spielball. Er ist sicher nicht mit jedem Transfer einverstanden gewesen, schon gar nicht mit den Abgängen. Aber wenn er als Verpflichtung nur zwischen zwei Challenge-League-Spielern auswählen kann, hat er es schwierig. Als ich vor 30 Jahren beim FC St. Gallen war, ging der erstmals Konkurs. Da konnte ich zwischen dem Nachwuchsspieler Urs Fischer vom FCZ und Armin Krebs von Brüttisellen auswählen. Heute sind die Namen anders, aber das Prinzip bleibt das gleiche.

Sie wählten damals Fischer. Ja, und ich hatte noch Glück. Er wurde zum Riesengewinn. Aber ein solchen Glücksgriff kann man nicht jedes Mal erwarten.

Ist Tami machtlos? Ein anderer Trainer wie Yakin würde allenfalls noch seine eigene Schatulle öffnen und einen Spieler mitfinanzieren. Das wird bei Tami nicht der Fall sein.

Was kann er machen? Er muss intern klarmachen, dass GC gegen den Abstieg kämpft. Wenn er das nicht schafft, wird es problematisch. Und wenn nicht dem Hintersten und Letzten klar ist, wie ernst die Lage ist, und wenn jetzt einer denkt, nur weil Dabbur wieder dabei ist, geht es von allein, dann… Dass Dabbur jetzt hier ist und nicht mehr in Salzburg, hat auch seinen Grund. Er kommt doch nur nach Zürich, weil es ihm in Österreich bislang nicht gelaufen ist und er wieder mehr Freude am Fussball bekommen will. Mit ihm bekommt GC keinen, der in Hochform ist. Damit will ich sagen: Dabbur hat seine eigenen Probleme.

Welches Gefühl haben Sie bei Tami? Dass er Ende Saison genug hat von GC, zumal er wegen der schlechten Leistungen intern langsam unter Druck gerät? Wie Källström ist Tami das Opfer der ­Situation. Wenn vor zwei Jahren die ­Voraussetzungen bei GC so gewesen wären wie heute, hätte er die U-21 des Verbandes sicher nicht verlassen. Ihm kann unter den aktuellen Umständen nicht wohl sein. Was will er gross sagen? Seinen Chefs kann er keine Schuld geben. Sonst destabilisiert er sich selbst. Und er kann nicht jammern, dass ihm immer die Besten verkauft werden, dann ist er bei den Spielern auch unten durch. Alle wissen zwar, dass es so ist, aber sagen darf er es nicht. Das ist sein Problem. Um GC einen Rat zu geben: Die 27 Meistertitel sollte man aus dem Gedächtnis streichen und sagen: Wir sind aktuell kein Grosser mehr.

Ob die Grasshoppers diese Einsicht haben werden? Was ich damit sagen will: Der Anspruch ist weit weg von der Realität. In Deutschland gibt es das auch. Da träumen Clubs wie der HSV vom Europacup – dabei sind sie im Abstiegskampf. Es handelt sich also nicht um ein GC-Phänomen. Die Tradition und Erfolge in der Vergangenheit haben ihre Vorteile. In gewissen Situationen sind sie aber ein Handicap.

Ändert sich an diesem Zustand bei GC nichts, solange das Geld nicht vorhanden ist? Seit die Herren Gut und Gerber 2004 ausgestiegen sind, ist gefühlsmässig kaum mehr Geld da. Wo ist eigentlich der Donnerstag-Club?

Der existiert weiterhin. Aber er gibt seit Jahren immer den gleichen Betrag: eine Million Franken. Zugegeben, die Preise sind gestiegen. Und es ist auch so, dass es Unterschiede gibt, wenn die Clubs Spieler verkaufen. Einer von Basel, der vielleicht gleich gut ist wie einer von GC, hat doppelten, dreifachen Wert.

GC gibt 20 Millionen aus, weiss aber im Voraus, dass die ordentlichen Einnahmen nur 12 Millionen betragen. Das ist fahrlässig. Es ist vor allem dann sehr mutig, wenn man keine Idee hat, wie das Defizit von 8 Millionen gedeckt werden soll.

Die Idee besteht einfach darin, Junge ausbilden und sie verkaufen. Wenn man im Abstiegskampf steckt und einen Spieler verkaufen will, gibt es für ihn doch kaum Geld. Vielleicht kommt man irgendwann zum Punkt, an dem man sagt: Es wäre gescheiter, einmal einen Schritt retour zu machen.

Was heisst das? Absteigen? Das kann nie eine Alternative sein. Das Anspruchsdenken muss ändern.

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