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«Entweder Poulet oder König»

Heute fängt für das Schweizer Fussball-Nationalteam die Vorbereitung auf Bulgarien an – Goalie Marco Wölfli erklärt seine Aufgabe und seinen Charakter.

«Als Goalie muss ich laut sein»: Marco Wölfli (28)
«Als Goalie muss ich laut sein»: Marco Wölfli (28)
Nicola Pitaro

Der Mann ist die Ruhe selbst. Es ist früh am Montag, um 8 Uhr schon kehrt Marco Wölfli ins Stade de Suisse zurück, ein paar Stunden nach dem 3:1-Sieg mit YB gegen Luzern. Er sitzt im Coop-Restaurant, hat eine Zeitung und ein Birchermüesli vor sich – und ist zufrieden.

Der 28-Jährige verabschiedet sich an diesem Morgen aus Bern, um sich auf den Samstag vorzubereiten. Dann steht er in Sofia im Tor, wenn die Schweizer ihr kapitales EM-Ausscheidungsspiel gegen Bulgarien bestreiten. Nach der verletzungsbedingten Absage von Diego Benaglio steht Wölfli vor seinem zehnten Länderspiel.Marco Wölfli, Sie sagen selber von sich, kein Mann der spektakulären Worte zu sein . . . . . . ja . . .. . . wir bieten Ihnen jetzt die Möglichkeit dazu. (Lächelt) Danke, ich verzichte gern. Ich bin gut gefahren damit, wie ich es handhabe. Einzig das Leistungsprinzip ist für mich massgebend. In den Zeitungen herumposaunen, das ist nicht mein Stil. Es geht auch nicht darum, eine Show zu machen. Für die Galerie brauche ich nicht durch die Gegend zu hechten. Ich muss nur den Ball abwehren.Ist diese Sachlichkeit eine Taktik? Oder ein Wesenszug? Ich bin einfach so. Ich will authentisch sein. Wenn ein anderer das Gefühl hat, verbal Schlagzeilen liefern zu müssen, ist das nicht meine Sache, solange es mich nicht betrifft.Haftet stillen Charakteren im Fussball schnell einmal das Etikett des Langweilers an? Ich spiele nicht Fussball, um in den Medien zu erscheinen, sondern weil es mir Spass macht.Sind Sie ganz privat auch so ruhig? Ruhig trifft es nicht ganz. Ich lache gern, auch über mich selber, ich mache gern Spässe. Mir ist es wichtig, dass man im Leben nicht immer alles zu ernst nimmt. Ich teile aus, kann auch gut einstecken.Sie sind ein Typ, der austeilen kann? In meiner Funktion als Captain und Goalie von YB bin ich verpflichtet, der Mannschaft zu helfen. Dafür ist meine Position auch geeignet. Ich muss die Kollegen auffordern, dirigieren, manchmal auch wecken. Sonst laufen sie zuweilen in die unmöglichsten Richtungen.Werden Sie neben dem Platz auch einmal laut? Das kommt vor. Alles entscheidend ist für mich Ehrlichkeit. Als Captain habe ich den Vorteil, eng mit dem Trainer zusammenzuarbeiten, und ich muss das Gespür entwickeln, wie ich mit den verschiedenen Charakteren umgehen muss. Der eine erträgt es, wenn ich laut werde, bei einem anderen ist es besser, wenn ich ihm unter vier Augen meine Meinung sage. In unserem Sport ist es so: Mit optimaler mentaler Verfassung lässt sich am meisten herausholen. Ich sah schon viele Riesentalente, aber zum Durchbruch reichte es ihnen trotzdem nicht – weil sie irrtümlich das Gefühl hatten, schon viel weiter zu sein. Das hat vor allem mit der Verfassung im Kopf zu tun.Wie sehr hilft dabei Ihre Arbeit mit dem Sportpsychologen Jörg Wetzel? In erster Linie geht es um den Austausch mit einer Vertrauensperson und nicht darum, Fehler aufzuarbeiten. Beistand diesbezüglich brauche ich keinen. Psychologie ist sowieso ein Gebiet, das mich interessiert. Manchmal merke ich, wie schnell sich mit Bemerkungen ein Spieler verunsichern lässt, nur schon im Training.Kann man Sie mit Sprüchen auch verunsichern? Nein. Ich bin stark genug.Aber aufregen können Sie sich. Wegen Unehrlichkeit. Das kommt in diesem Business leider oft vor. Und mit Nörglern, die ständig nur das Negative sehen, kann ich auch nichts anfangen. Ich analysiere daheim auf DVD allein die Spiele. Mache ich einen Fehler, ist es nur wichtig: Was lerne ich daraus? Korrigieren kann ich ihn ja nicht mehr. Aber schlaflose Nächte habe ich keine deswegen. Ich studiere sicher nicht tagelang daran herum.Wie sehr trifft Sie Kritik? Als ich jünger war, nahm ich sie mir mehr zu Herzen. Aber wer ehrlich mit sich selber ist, der weiss, wenn ihm etwas misslungen ist. Es ist bei einem Goalie oft so: Entweder ist er das Poulet oder der König. Ein Stürmer kann zehnmal das Tor nicht treffen. Gelingt ihm das aber in der 90. Minute, ist er der Gefeierte. Glücken einem Goalie zehn Paraden und unterläuft ihm in der 90.?Minute ein Missgeschick, ist einzig das hinterher das Thema.Es ist das Los der Torhüter. Genau das ist das Extreme, die Herausforderung und das Schöne für mich. Es ist eine Kunst, sich nicht nervös machen zu lassen und die Konzentration ständig hoch zu halten.

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