Eine gewaltige Abrechnung mit den Medien

So etwas kennt die Welt von Donald Trump – Journalisten abkanzeln, deren Arbeit schlechtmachen. Jetzt tat es einer der grössten und bedeutendsten Sportclubs der Welt, und wie!

Die scharfe Abrechnung der Bayern. Video: Tamedia/Youtube/FC Bayern München

Die Spannung ist gross: Weshalb treten Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeness und Hasan Salihamidzic zusammen vor die Medien? Sie tun es selten. Letztmals am 9. Oktober 2017, bei der Vorstellung von Jupp Heynckes. Die Entlassung von Trainer Niko Kovac scheint unwahrscheinlich, nur schon weil er eine Stunde zuvor eine ordentliche Medienkonferenz zum anstehenden Bundesliga-Spiel gegen Wolfsburg gab.

Was dann, ab 12.02 Uhr im Pressesaal an der Säbener Strasse folgt, ist ganz grosses Kino. In einer denkwürdigen Abrechnung schiessen die drei Bayern-Häuptlinge über eine halbe Stunde scharf gegen Medien und Experten. «Heute ist ein wichtiger Tag für den FC Bayern», beginnt Rummenigge. Dann wird er deutlich: «Wir werden uns mit dem heutigen Tag diese herabwürdigende und hämische Berichterstattung nicht mehr bieten lassen.» So, der Ton ist gesetzt. Und es geht in diesem Stil weiter.

Aber nicht nur das, es wird sogar persönlich. «Künftig werden wir Ross und Reiter beim Namen nennen», sagt der Vorstandsvorsitzende weiter – um der Drohung gleich Tatsachen folgen zu lassen: «Wir haben gegen den Springer-Konzern zwei Unterlassungserklärungen erwirkt und letzte Woche noch eine Abmahnung geschickt. Ab sofort werden wir Gegendarstellungen verlangen.» Konkret gehe es um die Kreuzband-Operation von Mittelfeldspieler Corentin Tolisso und die Gerüchte, wonach die Bayern auf die Verpflichtung von BVB-Talent Jadon Sancho verzichtet habe. Er blickt vom Podium und richtet sich direkt an die betroffenen Journalisten der «Bild» und «Sport-Bild». «Die geballte Macht sitzt ja gleich da vorne in der ersten Reihe. Meine Herren, fühlen Sie sich besonders angesprochen. Bei Ihnen werden wir in Zukunft genauer hinsehen.»

«Gehts noch?»

Noch nicht deutlich genug für alle? Kein Problem. Um nichts dem Zufall zu überlassen, zitiert Rummenigge Artikel 1 des Grundgesetzes: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» Es sei würdelos gewesen, wie zuletzt mit verdienten Fussballern umgegangen worden sei: «Wenn ich die Kritik an Neuer lesen musste, fehlen mir jegliche Worte. Oder über unsere beiden Innenverteidiger Hummels und Boateng: Altherrenfussball. Gehts eigentlich noch?»

Dann ist Hoeness an der Reihe, früher gerne als «Abteilung Attacke» beim deutschen Rekordmeister bezeichnet: «Es ist an der Zeit, dass sich der wichtigste Club in Deutschland positioniert.» Kaum zufällig wählt er ein Beispiel, das niemanden bei den Bayern betrifft: «Die Art und Weise, wie n-tv mit seinem ziemlich ahnungslosen Trio Löw abzuschiessen versuchte, war widerlich. Respektlos, das hat der Mann nicht verdient!»

«Das ist hanebüchen!»

Der Bayern-Präsident stört sich vor allem daran, dass in einigen Medien der Verkauf des Linksverteidigers Juan Bernat schuld sei, dass es den Bayern (seit vier Pflichtspielen ohne Sieg) aktuell nicht läuft. «Soll ich Ihnen etwas sagen? Juan Bernat war letzte Saison in Sevilla alleine dafür verantwortlich, dass wir beinahe aus der Champions League ausgeschieden sind. An diesem Tag haben wir entschieden, ihn abzugeben. Was der für einen Scheissdreck gespielt hat», poltert Hoeness. «Und das soll jetzt der Ursprung allen Übels sein? Das ist hanebüchen!»

In Bezug auf seine eigenen kritischen Äusserungen der vergangenen Wochen lässt Hoeness erkennen, dass er sich künftig verbal etwas zurückhalten werde. Etwa in Bezug auf den inzwischen ehemaligen Fussball-Nationalspieler Mesut Özil, über den er nach dessem Rücktritt gesagt hatte: «Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto.» Er hätte «Mist» sagen sollen und nicht «Dreck», erklärt Hoeness nun. Dass es bei Bernat aber sogar einen «Scheissdreck» war, scheint alle Anwesenden nicht weiter zu stören.

Zu seiner Kritik am Leverkusener Karim Bellarabi, der den Münchner Rafinha rüde gefoult hatte, erklärt Hoeness: «Manchmal, das gebe ich auch zu (...), ist man unmittelbar nach einem Spiel ziemlich, sagen wir mal, emotional und aufgeregt. Das Wort ‹geisteskrank› hätte ich zum Beispiel nicht sagen sollen. Das war total übertrieben.» Grundsätzlich bleibe er aber bei seiner Einschätzung über diese Spieler.

«Was soll das?»

Dann noch Salihamidzic. Nur kurz, dafür emotional. Er wirkt aufgewühlt, wer will, kann feuchte Augen erkennen. Was es mit ihm mache, wenn er von ehemaligen Teamkollegen so scharf kritisiert werde, fragt der Pressechef. Die fast schon trotzige Antwort: «Stefan Effenberg arbeitet beim Fernsehen, ich beim FC Bayern München!» Wenig Verständnis hat der Sportdirektor, dass ihm vorgeworfen wurde, er stelle sich öffentlich nicht vor Trainer Kovac: «Was soll das? Niko steht bei mir nicht infrage. Er weiss, dass wir hinter ihm stehen und seine Arbeit schätzen.»

Zum Schluss wird Salihamidzic von einem «Bild»-Journalisten gefragt, ob er also öffentlich dementieren wolle, dass er sich mit dem Berater von Sancho getroffen habe. Es geht offensichtlich um die Abmahnung von letzter Woche, die Bayern dem Springer-Konzern zukommen liess. Bevor Salihamidzic antworten kann, schreitet Rummenigge ein: «Diese Frage brauchen wir hier nicht zu beantworten. Alles, was wir dazu zu sagen haben, steht im Brief, den Sie von unseren Anwälten erhalten haben oder noch erhalten werden.» Salihamidzic kommt immerhin noch dazu anzufügen: «Wenn Sie das von einer Quelle haben, sollten Sie diese Quelle kündigen.» Dann verabschieden sich die drei – und der Ton für die kommenden Wochen ist endgültig gesetzt.

In den sozialen Medien kommt für den Auftritt schnell mal der Vergleich mit Donald Trump:

baz.ch/Newsnet

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