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Ein Schattenmann übertrifft ManUnited-Legende Giggs

Gareth Barry ist neuer Rekordspieler der Premier League. Endlich spürt er die verdiente Anerkennung – aber auch die Boshaftigkeit der englischen Fans.

Brach gegen Arsenal den Rekord von ManUnited-Legende Ryan Giggs: Gareth Barry, neu mit 633 Premier-League-Spielen der grösste Dauerbrenner.
Brach gegen Arsenal den Rekord von ManUnited-Legende Ryan Giggs: Gareth Barry, neu mit 633 Premier-League-Spielen der grösste Dauerbrenner.
Keystone
Sein Debüt feierte Barry im Alter von 17 Jahren am 2. Mai 1998.
Sein Debüt feierte Barry im Alter von 17 Jahren am 2. Mai 1998.
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Auch in der Nationalmannschaft bekam er lange nicht die Anerkennung, die er verdiente.
Auch in der Nationalmannschaft bekam er lange nicht die Anerkennung, die er verdiente.
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Seine Mannschaft hatte gerade bei Arsenal 0:2 verloren, und doch durfte Gareth Barry Glückwünsche entgegennehmen. Der 36-Jährige von West Bromwich ist neu Rekordspieler der Premier League, mit 633 absolvierten Partien – eine mehr als ManUnited-Legende Ryan Giggs.

Es ist ein fussballhistorischer Moment, einer, an dem der Mittelfeldspieler endlich einmal aus dem Schatten seiner mittlerweile zurückgetretenen Landsleute wie Paul Scholes, Frank Lampard, Steven Gerrard oder David Beckham tritt. Zahlreiche Fussball-Legenden von der Insel gratulieren dem neuen Rekordhalter – Arsenal-Trainer Arsène Wenger schafft es dabei, Barrys Karriere in einem Satz festzuhalten: «Er ist für mich der meist unterschätzte Mittelfeldspieler.» Trotz seiner immerhin 52 Tore und 50 Vorlagen.

Angebot von Arsenal abgelehnt

Am 2. Mai 1998 gab der in Hastings, einer Küstenstadt im Südosten Englands, geborene Barry als 17-Jähriger für Aston Villa sein Debüt in der Premier League. Am selben Tag sicherte sich der 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger überraschend den Meistertitel der Bundesliga. Liverpools Aussenverteidiger Trent Alexander-Arnold war zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal auf der Welt, ebenso wenig 16 andere heutige Jungprofis der Liga.

Ein Jahr zuvor lehnte er Angebote von Chelsea, Crystal Palace und Arsenal ab. Seine Eltern fanden es förderlicher für seinen Charakter, 200 Meilen von zu Hause weg in Birmingham zu sein. «Ich vermisste meine Familie, aber redete mir dauernd ein, dass ich das für meine Fussballkarriere mache. Meine Eltern haben die perfekte Entscheidung getroffen», sagt Barry der «Daily Mail» rückblickend.

Noch als Linksverteidiger, galt er neben Michael Owen als grösstes Nachwuchstalent Englands. Bereits 2000 verteidigte er beim 2:1-Sieg gegen Italien im Trikot der Nationalmannschaft – er sollte sich aber zehn Jahre gedulden müssen, ehe er zum ersten Mal an einem grossen Turnier mitmachen durfte. So sagte er einst: «Klar tut es weh, wenn man so oft übergangen wird, aber im Laufe der Zeit habe ich mich daran gewöhnt.» Und endlich dabei, endete die WM 2010 für ihn im Desaster.

Von Özil überrannt

Beim 1:4-Debakel im Achtelfinal gegen Deutschland wurde er von Mesut Özil beim vierten Treffer der Deutschen derart überrannt, dass Barry sich noch Monate später harte Kritik anhören musste. Dass er sich damals angeschlagen durchs Turnier schleppte? Geschenkt! Weil er 2012 mit einer Knöchelverletzung die EM verpasste, sollte Südafrika seine einzige Teilnahme an einer Welt- oder Europameisterschaft bleiben. So erinnern sich auch jetzt, im Moment des Ruhms, zahlreiche User auf Twitter lieber an das verlorene Laufduell mit Özil als an Barrys 1:0-Siegtor im November 2011 gegen Schweden – das 2000. Tor in der Geschichte der englischen Nationalmannschaft.

Zu dieser Zeit war das 1,83 Meter grosse Kraftpaket längst Leistungsträger beim neureichen Manchester City. Im Sommer 2009 wechselte er für knapp 14 Millionen Euro zu den Citizens und entschied sich gegen einen Wechsel nach Liverpool. Steven Gerrard, eine Legende der Reds, sagte zuletzt, er habe dem damaligen Manager Rafael Benitez davon abgeraten, Barry als Ersatz für Xabi Alonso zu verpflichten: «Ich bin ein grosser Fan von Gareth, aber Xabi war ein Weltklasse-Spieler, die Fans liebten ihn.» Dennoch liess Benitez den Spanier zu Real Madrid gehen, Barry entschied sich jedoch gegen Liverpool, wie er Jahre später der «Daily Mail» sagte: «Benitez konnte mir nichts bieten, was ich bei Aston Villa nicht schon hatte. Bei City im Gegenzug spürte ich, dass sie unbedingt wieder einmal einen Titel gewinnen wollen – und ich dabei helfen kann.»

Ein erfolgreiches Duo

Und er sollte recht behalten. Gemeinsam mit Yaya Touré bildete Barry ein zentrales Mittelfeld, das 2011 den FA Cup und 2012, zum ersten Mal nach 44 Jahren, die englische Meisterschaft gewinnen konnte. Während Touré zuvor bei Barça einen defensiveren Part einnehmen musste, durfte er in Manchester offensiver agieren und schoss so viele Tore. Um die Abwehrarbeit kümmerte sich Barry gewissenhaft. Mit seinem guten Auge, dem feinen linken Fuss und einer beeindruckenden Laufbereitschaft war er ein unverzichtbarer Wert im zusammengekauften Starensemble. Sein ehemaliger Mitspieler James Milner sagte vor einem Jahr dem «Guardian»: «Er ist ein Leader, obwohl er sehr ruhig ist. Aber wenn er etwas zu sagen hatte, tat er dies immer direkt und fand dafür die perfekten Worte.»

Zum Deadline-Day 2013 wechselte Barry doch nach Liverpool, jedoch zu Everton, dem Stadtrivalen der Reds. Dort war der damalige Trainer Roberto Martinez derart fasziniert von den Fähigkeiten des Spielmachers, dass sie gemeinsam entschieden, seinen Spielstil dem Alter anzupassen. Mehr Traumpässe, weniger Laufarbeit. «So spielst du bis 40», soll der Spanier ihm gesagt haben. Das Karriereende seines Captains sollte solange wie es geht herausgezögert werden.

Die 700 im Visier

Mit 36 spielt Barry jetzt immer noch, und auch weiterhin hat er das Ziel, bis 40 in der Premier League mithalten zu können. Dies jedoch nicht mehr für die Toffees, sondern seit vergangenem Transfersommer für West Bromwich Albion. Martinez-Nachfolger Ronald Koeman sagte dazu: «Diesen Entscheid werde ich wohl noch bereuen. Er spricht nicht viel, aber schafft es dennoch, das Team in seinen Bann zu ziehen. Er ist ein Traum für jeden Trainer.» Barry wollte aber die neue Rolle des Ergänzungsspielers nicht akzeptieren: «Dank dem Europacup wäre ich bei Everton zwar zu genug Einsätzen gekommen, ich brauche es aber, am Samstagnachmittag bei Premier-League-Spielen auf dem Platz zu stehen.»

Der bisherige Rekordhalter Giggs glaubt auch, dass Barry noch «mindestens zwei, drei Jahre auf höchstem Niveau spielen kann.» Damit ist also eine neue Marke im Visier: 700 Premier-League-Spiele.

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