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Ein Mann für die Tiefen

Als Rakete angekündigt, startete Dimitri Oberlin mit Basel gegen Benfica erstmals durch. Ende Saison könnte der FCZ an ihm mitverdienen.

Die ganze Schweiz kennt Oberlins schnelle Beine – folgt jetzt das Aufgebot von Petkovic?

Natürlich wurde die Frage gestellt. Schliesslich hatte eben ein junger Stürmer mit Schweizer Pass den St.-Jakob-Park verzaubert. Und der Schweizer Nationaltrainer war live im Stadion, als der FC Basel in der Champions League Benfica Lissabon 5:0 zerzauste. Also wurde Raphael Wicky gegen Mitternacht gebeten, Vladimir Petkovic einen Tipp zu geben: Muss jetzt dieser Dimitri Oberlin sofort aufgeboten werden, wenn es darum geht, das Ticket für die Weltmeisterschaft 2018 abzuholen? Der Trainer des FC Basel liess den verbalen Steilpass an sich vorbeirollen und erklärte nur, es sei nicht an ihm, dem Nationalcoach Ratschläge zu erteilen.

Und wer weiss? Vielleicht wäre Wicky sogar noch etwas stärker auf die Euphoriebremse getreten, wenn seine Mannschaft nach einem strauchelnden Saisonstart nicht jedes bisschen positiver Energie gebrauchen könnte. Vor einer Woche noch, da war Oberlin bloss Einwechselspieler einer Mannschaft gewesen, die in St. Gallen ohne übertriebene Gegenwehr 1:2 verloren hatte. Sollte ihn Petkovic heute tatsächlich aufbieten – der Aufstieg würde in seiner Rasanz Oberlins Sprints in nichts nachstehen.

Alles eine Frage des Tempos

Geschwindigkeit, das ist im Leben des 20-Jährigen sowieso ein Leitthema. Da sind einmal seine schnellen Beine, die seit gestern die ganze Schweiz kennt – und dank der weltweiten Verbreitung der Bilder der Königsklasse auch ein nicht zu unterschätzender Teil der restlichen Fussballwelt. Sie haben Oberlin schon früh in die Notizbücher der ganz grossen Clubs gebracht.

Oberlin wird in Kameruns Hauptstadt Yaoundé geboren; er folgt erst mit acht Jahren der Mutter in die Westschweiz, mit 14 kommt der Wechsel in eine WG des FC Zürich. Als er FCZ-Junior ist, schickt ein Londoner Club nebst Scouts einen Anwalt mit zur Beobachtung, um gleich einen Vertrag aufzusetzen. Doch die Eltern winken ab. Für einmal soll der Teenager nicht entwurzelt und mit einer neuen Sprache konfrontiert werden.

Aber dieses kurze Innehalten ist nicht typisch für Oberlin und sein Umfeld. Als er in Zürich das Gefühl hat, nicht oft genug eingesetzt zu werden, drängt er als nicht mal 18-Jähriger zum Wechsel nach Salzburg. Und FCZ-Präsident Ancillo Canepa lässt sich im «Blick» zur Aussage hinreissen, er habe «keine Lust mehr, mich mit hysterischen Müttern herumzuschlagen, die behaupten, ihre Söhne seien mindestens so gut wie Embolo».

Dieser Breel Embolo, ebenfalls in Yaoundé geboren und erst als Neunjähriger in die Schweiz gezogen, ist nicht nur Oberlins Vorbild. So eng ist die Beziehung der fast gleich alten Stürmer, dass Embolo sogar mit am Tisch sitzt, als Oberlin seine Verhandlungen mit dem FCB führt. Und die werden im letzten Moment noch spannend, als Besiktas mit Geldscheinen winkt, um Oberlins Zügelwagen nach Istanbul umzuleiten.

Die Zahlen sind fixiert

Das ist ein Hinweis darauf, dass dieser junge Mann tatsächlich so heiss begehrt ist, wie es Sportchef Marco Streller bei der Präsentation des Transfers erzählte. Bis Ende Saison spielt Oberlin leihweise in Basel. Die Zahlen für die feste Übernahme sind fixiert, er kann dem FCB nicht weggeschnappt werden. Und sollte Basel seine Option ausüben und die Ablösesumme nach Salzburg überweisen, klingelt es auch beim FCZ. Der partizipiert, wenn Salzburg mit Oberlin einen Transfergewinn erzielt.

Davor aber kann der erst einmal zeigen, wie gut er mit dem nun einsetzenden Rummel umgeht. Bislang gilt Oberlin nicht nur wegen seiner Laufwege als ein Mann für die Tiefen. Ihm eilt auch der Ruf voraus, einen Club mit seinem Charakter ganz schön auf Trab halten zu können. In Salzburg sollen einige nicht unglücklich sein, einen verhaltensoriginellen Typen loszuwerden. «Er ist sicher ein Spieler, der etwas Pflege braucht», meint Streller vor dem Saisonstart.

Der FCB ist also ein Wagnis eingegangen, das sich lohnen könnte. Möglich dass sich schon bald weist, wie gefestigt Oberlin ist. Gegen Benfica hat sich mit Ricky van Wolfswinkel die Nummer 1 im Basler Sturm am Knöchel verletzt. Er wird heute untersucht. Vielleicht also lastet im Basler Angriff demnächst die volle Verantwortung auf Dimitri Oberlin. Meistert er diese Aufgabe, kann er wirklich ein ganz Grosser werden.

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