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Ein Konzept in Trümmern

Bauernopfer Raphael Wicky ist beim FCB weg – auch für Bernhard Burgener und Marco Streller wird die Luft dünn

Cheftrainer Raphael Wicky ist schon wieder Geschichte. Sportchef Marco Streller und Präsident Bernhard Burgener liessen ihre Maske fallen.
Cheftrainer Raphael Wicky ist schon wieder Geschichte. Sportchef Marco Streller und Präsident Bernhard Burgener liessen ihre Maske fallen.
Keystone

Fast ein halbes Jahr lang, zwischen März und Juli 2018, sassen sie vor den Mikrofonen und packten alles in rosa Zuckerwatte. Sie rechneten die Einsatzminuten der jungen Spieler vor, sie massregelten die Presse, doch bitte positiver über den FC Basel zu schreiben, und schwärmten von Raphael Wicky, dem Super-Trainer. Alles Geschwafel.

Am Donnerstag liessen Club-Präsident Bernhard Burgener und Sportchef Marco Streller ihre Maske fallen. Cheftrainer Raphael Wicky ist schon wieder Geschichte – nur 14 Monate nach Amtsantritt.

Mit einem kernigen Power-Point-Auftritt hatte Wicky im Frühling 2017 alle neuen Machthaber beim FCB überzeugt. Nicht Thorsten Fink und nicht Patrick Rahmen wurde Nachfolger von Urs Fischer, sondern Wicky, der Neuling auf Profi-Ebene. Einem miesen Start in der Liga liess der 41-Jährige glanzvolle Nächte in der Champions League folgen. Im Februar 2018 verpatzte er den Start ins neue Jahr gleich nochmals; und jetzt, nach nur zwei Niederlagen in der neuen Spielzeit, lief es wieder nicht flüssig. Wicky wurde über-flüssig.

Vom Entwickler zum Jammeri

Die Trennung kommt überraschend. Im täglichen Umgang mit der Mannschaft überzeugte Wicky mit Sachverstand, sorgfältigen Analysen und Empathie. Clubintern dagegen änderte sich das Bild; da galt Wicky seit Frühling nicht mehr als eloquenter Entwickler, sondern als mutloser Jammeri, der ständig über die Verletzten lamentierte und im Wochentakt Personal und Taktik änderte.

Dazu schwelte seit Saisonbeginn ein Richtungsstreit im Hintergrund, der sich um die Leistungsstärke des Kaders drehte. Wicky fühlte sich alleingelassen. Sein direkter Vorgesetzter Marco Streller ging auf Distanz; zu spüren und zu hören an der Vorschaukonferenz letzter Woche. Da rühmte Streller seine Einkaufspolitik, während sich Wicky hinter vorgehaltener Hand darüber ärgerte, dass er nicht einmal einen einzigen vernünftigen Rechtsverteidiger zur Verfügung hatte. Deshalb ist Wicky das Bauernopfer einer verfehlten Transferpolitik.

Kritisieren lassen muss er sich dennoch: Er wechselte tatsächlich zu oft Spieler und Systeme und schälte keine Stammformation heraus, an der sich die jungen Kräfte hätten orientieren können. Vor allem aber sündigte er in seinem Kernauftrag: Er machte die Spieler nicht besser. Wer das als Coach in Basel nicht hinkriegt, rettet sich nur mit einem Meistertitel in die nächste Saison. Den verpasste Wicky deutlich.

Im Gegenwind steht aber auch Marco Streller. Schmerzlich muss der Berufsbasler erfahren, wie gross der Schritt vom Strafraum an den Bürotisch ist. Die Kultfigur ist humorvoll und liebenswert. Aber mit diesen Charakterzügen allein formt man keine Meistermannschaft. Seine zwei bisherigen Transferperioden sind gezeichnet von Zögerlichkeiten und widersprüchlichen Aussagen. Mal ist Streller vollmundig und euphorisch, mal kleinlaut und dünnhäutig. Das alles würde nur marginal eine Rolle spielen, hätte er mit seinem Schatten Remo Gaugler ein Kader zusammengestellt, das höchsten FCB-Ansprüchen genügt – tut es aber nicht.

Wer Akanji, Steffen, Vaclik, Lang und Elyounoussi verkauft und der Meinung ist, mit Frei, Stocker, Omlin, Widmer und Kalulu das Niveau halten zu können, ist mehr Träumer als Realist. Der Kauf von Ricky van Wolfswinkel, angekündigt im Sommer 2017 als Königstransfer, war ein Flop. Und die Fünf-Millionen-Franken-Investition Dimitri Oberlin klebt jetzt schon wie ein Klotz an Strellers Bein.

Mit der Trennung von Wicky hat der Sportchef eine Patrone im Gurt verschossen, viele bleiben ihm nicht mehr. Die Luft wird dünn.

Im Gegensatz zu Bernhard Burgener hat Streller einen Vorteil: Er ist mediengestählt und kennt das Geschäft. Was man vom Unternehmer aus Zeiningen nicht behaupten kann. Mit dem Konzept «Für immer Rotblau« verkaufte Burgener im Frühling 2017 seine Bubenträume. Seine Zwischenbilanz: Im ersten Jahr verpasste er sämtliche Titel. Er musste sieben Millionen Franken aus dem Tresor nehmen, um die Rechnung mit einem kleinen Gewinn abzuschliessen. Es gab das grosse Missverständnis mit dem Walliser Sonnenkönig Jean-Paul Brigger, zweifellos mehr Kostenfaktor als CEO. Im zweiten Jahr nun hat Burgener nach zwei Spielen den Trainer entlassen, von dem er im Mai noch schwärmte, welch grossartige Arbeit er doch verrichte. Damit führte er seine eigene Kommunikation ad absurdum.

Das Image der Ich-AG

Burgener hat eine komplett andere Vorstellung davon, wie ein Club zu führen ist als Bernhard Heusler, sein grosser Vorgänger. Im St.-Jakob-Turm ist von schlechter Stimmung die Rede, das grosse Miteinander («zämme stark») existiert im Internet, aber kaum in der Realität. Sogar die Mitglieder aus der FCB-Familie treten dem Mehrheitsaktionär argwöhnisch gegenüber. Das Image der geldgierigen Ich-AG konnte Burgener bis heute nicht abstreifen.

Nun muss er einen neuen Trainer finden. Vor allem aber geht es darum, dass seine Glaubwürdigkeit nicht auf der Strecke bleibt. Für immer Rotblau sein, Geduld haben, Junge einbauen, demütig sein: Allein seine Phrasen bringen den FCB nicht auf die Beine.

Im April, nach dem verpassten Meistertitel, steckte Burgeners Konzept in der Sackgasse. Nun liegt es in Trümmern.

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